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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 29. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 29.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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233 Feuilleton. 3n einem Postwagen. Erzählungen von M. Goldschmidt. (vchlußs. „Er ließ die Thorr der Stadt schließen, und als die Fremden ankamen, wurden sie höhnisch abgewiesen. Siekehrten dcrnnach zurück, uud wo sie hinkamen, erzählten sie lachend und im Ernst, wie es ihnen ergangen, und welch' ein sonderbares Volk jene Stadt bewohne, ja sie gingen so weit, zu sagen, die Stadt habe, wie es scheine, sich einen andern Gott erwählt uud bete einen Assen an. s Dieses brachte, wie sich dmken läßt, eine starke Spannung i zwischen den beiden Städten hervor; wo ihre Bürger sich L begegneten, zankten und schlugen sie sich, und es stoß Blut. Als der König davon erfuhr, hieß er die Häupter beider Parteien vor sich erscheinen, um Rechenschaft abzulegen. Zn der glücklichen und liebevollen Stadt war man zwar sehr »I betrübt, daß der verehrte Mann Wegreisen und vielleicht auf » f längere Zeit abwesend sein sollte; aber zugleich sreure man sich /I im Boraus auf den Triumph, den er über die feindlich« Stadt l davon tragen würde; denn es fiel Keinem, ein daran, zu zweifeln, ) daß der Fürst, von seiner Beredsamkeit überwunden, ihn mit den grüßten Ehren zurücksenden würde. Der verehrte Mann 4 selbst war ganz ruhig und zuversichtlich. Er ließ sich eine Flasche aus dem Brunnen der Stadt füllen und nahm sie mit sich. „Als er dann nach der Hauptstadt und zum Hofe kam sah er ein, daß die Flasche obgleich mit köstlichem Getränk, gefüllt, doch zu gering war, um dem Fürsten als Geschmk dargeboten werden zu können, und er wagte auch nicht, den Fürsten zu bitten, daß er Wasser, das mehrere Tage unterwegs gewesen, ttinken möge. Zn dieser Verlegenheit wandte er sich an den königlichen Mundschenk und bot ihm eine reiche Gabe an, wenn er in den Wein des Fürsten, einige Tropfen von dern unschuldigen Wasser auS der Flasche mischen wollte. Der Mundschenk nahm die Flasche und Gabe entgegen, als ein treuer Diener offenbarte er Alles dem Fürsten. „Der Fürst berief seine Räthe, und als sie von der Seche hörten, war ihr erster Gedanke, daß der Mann, von einem feindlichen König angeregt, den Fürsten habe vergiften wollen. Keiner der fürstlichen Diener wollte das Wasser probiren; und mam nahm daher einen Hund, eine Katze und ein Huhn, ließ sie einige Tropfen aus der Flasche ttinken, schloß sie ein uni) beobachtete sie. Es zeigt sich bei ihner ein« steigend« Unruhe; sie wollten hinaus; und man sah das schon als ein betenkliches Zeichen an; indessen war die Stunde gekommen, wo die beiden Parteien vor dem Fürsten erscheinen sollten. „Der verehrte Mann baute gettost darauf, daß der Mundschenk dem Fürsten vom Wasser habe kosten lassen; und als er sich zum Sprechen erhob, geschah es mit jenem selbstzufriedenen Lächeln, das in seiner Stadt alle Seelen fesselte, ab<r hier am Hofe keinen guten Eindruck machtt.' Um sein Unglück voll zu machen war der Hund, die Katze'und' das Huhn, die vom Wasser gettunken, und deren Sehnsucht nach ihm durch den Zwang gesteigert war, auS ihrem Gefängnisse entsprungen und drangen jetzt in den Saal. Der Hund sprang laut und froh bellend auf ihn zu, die Katze schmiegte und drückte sich an ihn und das Huhn schlug die Flügel uni) gackelte. Dtt Fürst und sein Rach sahen darin einen Beweis, daß die Flasche einen Zauberttank enthalten habe und der Fürst sagte mit einem finstern Blickt: „Welchen bösen Zauber hast Du unfern Mundschenk verleiten wollen unS darzureichen?" Noch in diesem Augenblicke hätte der verehrte Mann vielleicht den Sieg erringen können, wenn er sich erbottn hätte, den Inhalt der Flasche zu leeren; er war aber nicht gewohnt, sich zu vertheidigen, verlor alle Geistesgegenwart und stand wie ein überwiesener Miffethäter da. „Der Fürst befahl, ihn ins Gefängniß zu führen und als Majestätsverbrechtt und Hochverräther zu behandeln. Zetzt winkte der Herrgott im Himmel den Elias herbei, zeigte ihm den Mann im Gefängnisse und erzähltt ihm den ganzen Hergang der Sache. „Elias rief: „Zch bin immer ein hitziger und voreiliger Mann gewesen, und es hat mir nichts geholfen, daß Du mich im glühenden Wagen mit glühenden Pferden in den Himviel hast steigen lassen! Zch habe den Ruf des Propheten bekommen; aber ich war es nicht, der prophezeihte, Du weißles, oHeir! Zch habe es nicht voraussehen können, zn welchem Ende dieses Mannes Wunsch ihn führen würde und jetzt haben ich Mitleid mit ihm. Willst Du, allmächttge Majestät, nicht helfen?" Der Herr fragte, was denn gethan werden sollte? „„ Er muß aus dem Gefängniß heraus!" sagte Elias; ich will selbst, wenn Du es erlanbst, hingehen ihn zu befreien." „„Und wohin willst Du ihn führen?" frug der Herr. ,„,Zn seine Stadt!" „„Als ob des Königs Gewalt ihn da nicht erreichen könnte!" „„Wahrlich, daran dachte ich nicht . . . aber ich kann ihn in ein fremdes Land führen." ',„Und ihn landesflüchtig und einsam verkümmern lassen!" „„Deine Majestät hat immer Recht!" rief Elias aus. „Ich weiß Nichts! ich habe den armen Mann in'S Ungliick gebracht und kann ihm nicht heraushelfen." „Der Herr sagte: „Zch sehe wohl, daß tch wieder ein Wunder thun muß, nur um die Wirkungen des vorigen Wunders zu vertilgen. Zch will deS Königs Zorn besänftigen; er soll den Mann als unschädlich zurückschicken. Zch will dem Wasser des Brunnen seine Kraft nehmen, und ich will auch allmälig die Gemtüher der Stadt seiner Wttkung entziehen, daoiit der Mann nicht gar zu geschwind in ihren Augen j>u dem herabsinke, was er wirklich ist. All' die Müh« machst Du mir, Elias, durch jenen einzigen Wunsch." „Elias warf sich auf sein Antlitz und dankte dem Herrn; dann aber sagte er: „Will mir Deine Majestät eine Frage erlauben?" „„Frage!" sagte der Herr. „ Der Mann", sagte Elias, „wünschte Etwas, das mtt ihm selbst in Uebereinstimmuag war, und denoch lief es unglücklich ab. Was kann rin Mensch denn wünschen?" „Der Herr antwortett: „Wer Andere-, als die Kraft Gutes zu thun wünscht, ist ein Thor; wer aber dttsm Wunsch hat, dem ist schon geholfen."" .Während diese Geschichten im Postwagen erzählt wurden, hatte ich nach und nach vergessen, daß meine Reisegefährte» Kaufleute waren, die zu einer Auctton reisten, und ich wurde ganz überrascht, als dtt Wagen plötzlich vor dem Schlosse hielt und mehrtte Leut« auf sie zu käme», sie begrüßtm und von Geschäften zu sprechen anfiugen. Bald rauschte und schwirrte die Luft um fie her von Worim au» dem Nein«« Geschäft wie von kleinm gterigeo Vögeln. Di« drei Männer kämm mtt wtt verwandelt vor — aber welche Gestalt war dtt wahre?

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