Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 17-18.
- Article
- Beilage zu Nᵒ 17-18.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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144 Di« biblisch« Geschichte kennt fern« für bi« bestehende Schöpfung einen Zeitraum von einigen tausend Jahre», Darwin bebars für seine Theorie Millionen Jahre; auch von anderen Standpunkten aus kommt die Naturkunde zu dem Ergebniß, dah die Welt viel älter sein müsse, als die biblische Chronologie berechnet. Aber di« Talmudistrn sagen auch, daß Gott „vor Ldcm schon viele Wlten erschaffen und wieder zerstört habe", d. h. daß vor den jetzt bestehenden Organismen schon Reihe» anderer, »ntrrgegangener vorhanden gewesen sind; sie wissen sich mit dieser Annahme durchaus nicht in Widerspruch mit b« biblischen Schöpfungsgeschichte. Am besten nrrd« ich auch dies durch ein (Äeichniß «läuten. Wenn wir von der Geschichte einer Stadt reden, oder fie studtren, sei es einer Stadt wie Stettin, deren Geschichte einige Jahrhunderte zählt, oder von Rom oder Jerusalem, deren Ursprung in graue Vorzeit hinausreicht, oder einer jener amerikanischen Städte, dir bei uuirrrn Lebzeiten entstanden find — so beginnen wir mit dem Zeitpunkte, da Menschen sich dort niedergelassen haben, und unsres kviffen« ein Wohnplatz entstanden ist. Sagte man uns aber: die Stätte ha« ja schon viel früher «istirt, da ist Wiese, Wald »der Lumps gewtsen, da haben Land- und Wasserihicre und vorher allerlei Saurier sich geregt, und auch Menschen sind schon dort «imhergestreift — so weisen wir solche Einrede kurz als thöricht ab und sagen: wir reden von der Entstehung der Stadt. So redet auch die Bibel, ivrlche, als ReligionSurkunde, uns nicht Ansichten über die Natur »orttagen will, von der jetzigen Menschenwelt, indem sie daS Entstehen, das Erwachen, das Äachslhuin, die Entwickelung der Gotteserkenntniß, der sittlichen Ordnung «zählen will. Reicht der Zeittauin von etwa 6000 Jahren nicht aus? Ist er nicht für unsre Kenntniß fast zu groß? Wissen wir denn viel Positives von dem, was in den^ ersten zwei von diesen sechs Jahrtausenden geschehen ist? Und nun gar von noch Früherem! Ist unsere Kunde von der Mrnschenwelt auch nur durch eine plausible Permuthung über den Raum von 5 —6000 Jahren hinausgeführt? Wie alt ab« das Sonnensystem, wie aU die Erdkugel, ob diese einst fest cd« Dunstball gervesen, ob heiß ob kalt, was in all« Welt hat daS mit Religion zu thun?! Wir kommen weit« zu den Punkten, in denen fpttiell der Darwinismus der biblischen Schöpfungsgeschichte entgegen tritt. Die Arten der Organismen sind nach der letzl«en erschaffen, von Anfang an verschieden gewesen. Das lehrt nun ireilich nicht bloß die öibel, sondern es haben alle Völker darüb« nie and«s gedacht, der Menschenv«stand scheint dafür zu sprechen, die Naturforscher haben bish« ebenso gelehtt, alle Sprachen haben für die Gattungen und Arten bestimm:« Namen, Philosophen haben sogar die Ansicht aufgestellt, daß die Art- und Gattungsbegriffe angeborene Ideen seien; wir schen jedenfalls, daß das Kind, lange ehe es von Naturgeschichte eine Ahnung hat, ohne viel Besinnen und Anstoß, die äuß«lich so verschieden gestalteten Hund«acen als Hunde bezeichn«. Was die Bibel damit beabsichtigt, daß sie die Arten von Anfang an verschieden sein läßt und in d« Schöpfungsgeschichte dies ausdrücklich bttont, darüber werde ich nachh« zu reden haben, vorläufig werdrn Sie jedoch einräumen, daß es die Religion durchaus nicht berührt, ob von Anfang an gerade soviel Arten vorhanden gewesen sind, wie deren jetzt «istiren, ob Wolf, Fuchs und Hund, Tanne, Fichte u-id Kies« ursprünglich verschieden gewesen, oder ob sie einem gemeinamen Stamme entsprungen sind. Weiler lehn unS die Bibel, daß der Mensch als solcher erschaffen sei, „aus Staub von d« Erde". Das soll doch nicht heiß«,, daß Gott den Staub zu einen, Mcnschenleibe geformt, gekn«« hat? „Alleist aus dem Staube geschaffen, heißt es, und alles wird zu Staub " Dem Ursprung«, dem Stoffe »ach ist also der Mensch den übrigen Organismen auch . nach der Bibel gleich. Ab« nach ihr ist er unmittelbar aus dem Staube, d. h. den Elementen, geschaffen, nach Darwin nicht, « soll aus anderen unvollkommenen Organismen sich h«ausg«bildet, also nur unmittelbar au« den Elementen hervorgrgang«! sein. Wie nun einst Maimonides gesagt hat, daß er, wenn man ihm beweist» könnte, die Welt sei nicht au« nicht» erschaffen, sond«n wie sein Aristoteles lehre, au« einem vorhandenen Urstoffr geinacht, auch dies mit der Religion v«einbar finden würde, so kinnni wir auch Darwin gegenüb« sagen: wenn uns bewiesen würde, daß der llrmensch, Adam also, nicht geschaffen sei, sond«» von einem and«en Erdenwesen abstamme, so würden wir. die« mit der Religion ganz wohl vereinbaren können. Den» immer bleiben wir Geschöpfe Gottes, imm« nennen wir uns mit einem Ausdrucke, den niemand mißversteht, Kinder d« Erde, des Staubes, ob mittel- oder unmittelbar — wie wir ja auch nach den, biblischen Berichte «st durch viele Mittelglied« aus dem Staube stamiuni. Die Religion kommt eS aber wesentlich darauf a», daß wir'uns als Geschöpfe „GotteS", als seine Kind« bttrachten; waS wird im Grunde durch rin Eingehen auf Darwins Theorie daran geändert? Der eigentliche religiöse Kern der Schöpfungsgeschichte liegt ferner in dem Satze, daß der Mensch Endpunkt, Krone, d« uns bekannt«, irdischen Wesen und darum zu Hohnn bestimuil und b«ufen ist. Daran wird Darwin nichts ändern wollen und können. Meint er, dies Menschengeschlecht sei aus Pstanze und Thi« entwickel, so steht es immer als höhere Entwickelungsstufe da. Das erste Eapitel d« Bibel l ezeichuet diese Würde des Menschen als Gottebenbildlichkeit. Daß das Wort sich nicht auf Körp«liches besieht» weiß jede« Kind; es gilt vom «steifte in uns — das geht wird« Darwin nicht« an. Die Frage, ob dies« «steift von Gott, «statt ebendbildlich s«, liegt den Untttsnchungrn und Theorie» Darwin» fern; daß der Mensch «steift, Intelligenz besitze, will und kann « nicht bestreiten. Darwin selbst ldas wollen Sie sich anmerken) läugn« roed« (statt noch Geist; das thun nur diejeuige», denen es mehr um schalen Witz und Knalleffett beim großen Haufen zu rhu» ist, die Nach««« und Nachb««. Sowie — um noch einmal, aber zum leytenmale für heut, ein Glrichniß ru gebrauchen — die „Gründer" west wenig« Lärm machen, atü diejenigen, welche ein Projekt ansbeuten wollen, so rührt der Lärm, das Aufsehen, welches Darwin« Theorie erregt, d« Schwindel, d« mit derselben getrieben wird, durchaus nicht von ihm h«, sond«n von denjenigen, welche sie, mit ihren Zuthaten versetzt, popularisen wollen. Es besteht all«dings ein Gegensatz, ein schroffer und nicht auszugleichend«, zwischen dem DarvinismuS und den Lehren der Religion; ich werde Ihnen nachh« den Punkt zeigen, wo diese Differenz eintritt, werde Sie vor die Wahl und die Entscheidung stellen. Aber da, wo d« Gegensatz augenfällig zu sein scheint, in der Weltentstehungs-Theorie oder Schöpfungsgeschichte, liegt er nicht. Da können wir, wie ich schon im Vorbeigehen gethan habe, von zwei KrAsen, Gedankenkreisen, reden, die um verschiedene Mittelpunkte gezogen sind, einand« ebensowenig berühren, als sie einander