Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 15.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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121 die Gemeinde erschüttert; die gestern noch Sklaven waren, vergessen, von dem funkelnden ungewohnten Lichte geblendet, di« Religion, die sie bisher erhalten hat, für die sie so lange gekämpft und so schwer gelitten haben, sie lassen die Institutionen verfallen, welche einst ihr schönster Ruhm, ihre einjige Hoffnung gewesen find." Doch giebt er der Hoffnung Raum, daß bald eine heilsame Reactton gegen diese plötzliche Lauheit eintreten werde. Er kommt dann auf die noch viel betrübende» Schließung des Paduaner Rabb -Eollegium«; fünf lombardischvenezianische Gemeinden haben es von 18‘J9 —1866 erhalten, jetzt sollten a l l e Gemeinden des vereinigten Italien das nicht vermögen, nicht wollen! Noch bemüht sich ein Mann, der Rabbiner Mortara in Mantua, um die Wiederherstellung der Schule, er will sie mit der zu Livorno vereinigen und hofft so die Mittel auszubringen. Kuriu. Die Gazz. Piem. berichtet, daß die isiqplttische Gemeinde die noch iuimer nicht vollendete, außerordentlich prvchtvoll angelegte Synagoge, weil sie die Mittel zur Fertigstellung nicht auidriugeu könne, dem Erzbischof zum Rauf angrboten habe „Educ. Isr." bezweifelt die Richtigkeit der Nachricht. Aer»sake«. Albert Eolm in Paris ha« eine Depesche de» Ehacham-Baschi erhalten, welche meldet, daß in der Nacht vom 18. zum 14. März das Haus des Rolel (der Gememde) beraubt und alle» dort befindliche G,ld gestohlen worden sei. „Großes Geschrei der Armen. Wir wissen unS nicht zu helfen, bitten um schleunige Hülfe auf Pesach." Herr A. Eohn hat die Depesche in zwei Synogen verlesen, in waroien Worten zur Hülfe aufgefordert und man hat am Purimabend Gaben für dies n Zweck gesammelt. (Un. Ir.) Feuilleton. Die V«r«i»'sche Lheorie und die Krügii». Es ist nämlich ein« Eigenthümlichkeit des IudenthumS, daß es, weil rS keine feststehenden Dogmen har und keine Hierarchie besitzt, welche Glaubeit vorschreiben oder dem Forschen Schranken setzen könnte — stets mit aUtn ernsten Systemen, die eine gewisse Herrschaft in ihrer Zeit erlangt hatten, sich auSrinanderzusetzrn, gleichsam mit ihnen pch abzufinden vermocht und verstanden har. Ich könnte Ihnen das durch Beispiele darthun, wenn eS nicht zu weit ablenken würde. — Aber mit dem Darwinismus, meinen Sie, sei daS unmöglich, der stürze ja die Grundlage. In *cr Ausführung, die manche seiner Verbreiter ihm geben, besonders solch«, die gej fiissentlich, uni den an sich trockenen Stoff pikanter zu machen, i durch gehässige Angriffe, gegen religiös« und biblische Lehren i würzen, allerdings. Aber mit der Darwin'schen Theorie an i sich, ich möchte sagen: mit dem echten Darwinismus steht e<! anders. E« liegt in jedem System, philosophischen wie naturi wissenschaftlichen, welche eine so bedeutend« Geltung und Per- ' brettung bei tief denkenden und forschenden Geistern erlangt,! immer etwas Wahres, und es gilt dasjenige herauizunehmen, i waS sich mit der Religion verträgt. Ich muß jedoch einen! Schritt wetter zurückgeheu. Religion und Naturfor<chung hat man oft al« zu einander im Gegensatz« stehend und zu Gegen- ' sätzen führend bezeichnet. Wahrlich, da muß'man au das sa- , lomonische Wort denken: „Gott hat die Menschen einfach ge« : schaffen, sie aber suchen viele Klügeleien." ) \ Erlauben Sie mir, daS verhältniß, nach Art der alten Talmudisten, durch ein Gletchntß zu erläutern. Wenn Jemand erkrank», so sagen wir, wie di« Religion «S lehrt: „ES ist eine Schickung Gotte»." Folgt darau«, daß wir Gott gewähren lassen müffen, ihm nicht vor-, nicht eingreifen dürfen, weder Arzt noch Arznei gebrauchen, sondern auf Sott vertrauen, und dem Kranken seinem Schicksal überlaffen fallen? So lehrt der Fatalismus der Muhammedaner, wir aber weisen!da« als Unsinn zurück, wir thun dal Unfiige, versuchen, wie weit wir mit Heilkunde und Heilmittel glanzen können, wir »er suchen, wenn daS Uebel nicht weichen will, verschiedene Heil niethoden, und insofern wir nicht zu Unvernunft oder Aberglauben greifen, bat dir Religion nicht« dagegen einzuwenden. Gesundet nun der Kranke, so danken wir gleichwohl Gott, der sich gnädig erwiesen, den rechten Weg geführt hat, der in die Natur de» Körpers, wie in Pflanzm und andere Stoffe Heilkräfte gelegt und dem Menschen Einsicht verliehen hat, um sie zu erkennen, und zu benutzen — ohne deshalb dem Arzt« minder dankbar zu sein. Wiederum aber, wenn der Mensch stirbt, so kehren wir zu dem religiösen Trost« zurück, (ks ist Gstteo Wille gewesen, unb seine Schickung ziemt eS in Ergebung zu tragen. Machen wir die Anwendung. Wir fragen nach dein Ursprünge der Welt und da« Wesen in ihr. Woraus? — Wodurch? — Warum sind die Millionen »erschtedenrr Wesen und Erscheinungen so und nicht anders? Wir verstehen unter dem „Warum?" eineStheil« ein „Wodurch und Wieso?" und fragen »ach Grund und Ursache, andrrnthrilS «in „Wozu?" und fragen nach Zweck und Absicht. Die Religion lehrt nun: Gott hat sie geschaffen, auch die Ur- und Grundstoffe, aus denen sie bestehen: er hat sie verschieden eingerichtet, nach seiner Weisheit, jede« zweckmäßig in seiner Art — und in der Thal, je weiter der inenschliche Geist in Erkenntniß der Natur sortschreitet, desto inehr und weiter erkennen wir ja die Zweckmäßigkeit aller Ding« und Erscheinuitgen. Muß aber derMensch sich mit jener Antwort, die die Religion giebt, begnügen? Darf er nicht fragen und selbstständig forschen: wodurch und wieso? Darf er nicht versuchen, wtt weit er im Erkennen und Ergründen vo» Ursachen und Wirkungen stufenweise gelangen kaitn, ohne gleich auf die letzte Ursache zurückzugreifen: „Gott hat eS so geinacht?" Di« Religion verwehrt, mißbilligt da« ebensowenig, wir im Gleichnisse da« Heilen, das Suche« nach Heilmitteln. Nein diese» wie jene» soll der Mensch thun; e» wäre ja nie rin Fortschritt in der Erkenntniß gemacht worden, wenn wir lediglich sagen müßten: e« ist so, und warum e» so ist, daS können wir nicht wiffen!" Wen» wir »un sehen, wenn Wr Mensch von Ursache zu Ursache erkennend fortschreitet und das Wiffen sich mehrt, so danken wir Gott, der dem Sterblichen Weisheit verliehen hat, benutzen und verwenden da« Erkannte und Erforschte prakttsch, und wenn ein Weg nicht ans Ziel führt, so verläßt ihn die Forschung, schlägt einen andern ein, und versucht, wie weit sie auf diesem vorzudringen vermag. ES entsteht ein neue» System. Aber wenn wir an« Ende de» Forschen« nach der Grundursache gelangt siitd — und bisher ist noch kein System (der Darwinismus, wie ich schon gezeigt habe, eingeschloffen) an da« Ziel gelangt — so kehren wir zu der religiösen Lehre von einem Schöpfer aller Dinge, von einem zwecksetzenden Wesen, von Gott zurück. Darwin hat die Frag« nach den Zwecke» wie nach dem Urgnmde abgewiesen, da« erste Entstehen l»er Stoffe und Wesen, sagt er, kümmert mich nicht; er hat ein