Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 10.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/5369809-5935003-5935582--1098-5370735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
geht es nicht; man flucht nicht, man läßt eft unübrrsetzt, man redet vielmehr recht taut von Duldung, HNmanstät, Oetdiffenrfreiheit u. s. w. Mit eine» W«ste: -Son jemand d» Ab- ' schaffung der in Red» stehend« Gebstt DdkMpst, Id hat S unsren Beifall; «ill er auch v» eM» ElNnptouich mich« wissen und die Gebrtordnung ganz in Überlieferter Werse erhalte» sehen» so haben wir dagegen nichts «mzuwendm; «ill er «diesen GttNSditnst «ine LesVndere Gemeinde 'bkldm, so haben wir kein« Grund uns darüber zu ereifern — aber fluchen? Kehren wir zu unsrer Vergleichung zwischen Ungarn und Deutschland zurück, und beschränken wir uns, weil diese höchst unerwünschte Digresston so lang geworden, auf einige; wenige factische Anführungen. Man erinnert sich des jüngst erfolgten Todes Alex. MendelSsohn'S in Berlin. Die deutsch-jüdischen Blätter haben erwähnt, daß er der letzte jüdische directe Abkömmling Moses MendelSsohn'S gewesen ist. So that auch die „Jüd. Pr." ohne «eiteren Commentar. Der.„Israelit" hob hervor, wie treu anhänglich dem jüdischen ReligionSgesetz Mose- Mendelssohn gelebt hatte und erwähnt die bekannte, von Lesfing berichtete Thlstsache, daß Mendelssohn den Wein, den sein Freund berührt hatte, nicht getrunken hat. Daß seine Kinder, Enkel, Urenkel vom Zudcnthum abgefallen, wurde vou unS allen bedauert und beklagt. (Such der selige Luzzato hat ttefsinnige, wehmüchige Betrachtungen darüber angestellt.) Dabei ließ man allerseits dem Charakter Alex. Mendelssohn'- jede Gerechttgkeü widerfahren, erkannte an, daß er im Uebrig« dem Zudmthum keine Unehre gemacht habe, und was war natürlicher uud einfacher?? Aber eines der ungarischen Schomr» h-idath-Organe, „Scheweß-Achim" schrieb: „Es war dies der letzte Svrosie, der von den Nachkommen Mendelssohn'-, der: noch Jude geblieben war. Mit seinem erfolgten Ableben ist da- Zudmthum von der Familie Moses Mendelssohn'- gänzlich gereinigt. Der Philosoph MoseS M. galt bei seinen Zeitgenossen nrch als konservativ; derselbe hat, öffenüich mindestens, (II) k'lne Uebertrrtung der religiösen Satzungen sich zu Schulden kt mmen lassen. Und doch bestätigte sich in Bezug auf denselben ir der furchtbarsten Weise das Wort: „Diese Person wird «ri-gerottrt werden aus ihrem Volke." Wäre cs in Deutschland möglich so zu scheiben? Als im vorigm Jahre da- Projekt einer theologischen Fakultät in Wim besprochen wurde, da erging« aus Ungarn wrd Galizim Petitionen gegen eine solche. Eine derselben mnnte, es muffe bei der bisher auf dm ungarisch-galizischm Jeschiboth üblich gewesenm Vorbildung der Rabbiner dleibm, dir Gymnasien würdm die Sittmreinhett derZukunfsrabbiner' gefährden." Wer hat in Dmffchland die Stirn, dergleichen zu sagm oder gar einem Ministerium schriftlich vorzutragen? Weiter heißt es: die Erlernung profaner Wissenschaften und das Maß derselbm blieb seinem (des Zeschibah-ZüngerS) Willm und seiner Neigung anheimgestrllt, und die Vor- und Jetztzett liefern Beweise, daß die frimmflm und talmudffch gelehrtesim, in dieser Weise gebildetm Rabbiner auch in allgemeiner Bildung, in profanm Wissmschalm, hervorragten. Das Organ der Schomre-hadath, das,/krad. Zud.", fand diese Auslaffungen ganz richtig, nur nicht scharf und treffend genug; es verhöhnt uud verketzert nicht nur das Breslauer Seminar, die Berliner Hochschule, sondern ganz ebenso Hildesheimer Projekt eines „koscherm Seminars." ES bietet . seinem Publikum die — weise Behauptung, Daimonides und E-ra hätten auch an keiner Universität studirt; der Rab. soll nur Talmud stttdtrm und di« tttifje« Jbafeiffc nebenher — t^Mdige «Leser -vHlk wann und »o? — Erwerben. Kan« mN Ach st, EeMhsttnd derMchen druck«? A» dm SchomrrhMst^KreiM ist M Nsfmdnr leicht für ,Mch in profanen Wlssmschaftm hnHorragend" zü gelten; dalvar in dm beidm vorize» Jahrhunderten in Deutschland ebmso. Da nannte man de» Talmndgelehrtm, der einige Sätze des Euklid kannte, eine» „grrßen Mathematt'ker", denjmigen, der einige französische Vokabeln wußte, «inen umfaffenden Weifm, uud »er gar einige Lehrsätze der Astronomie und der physikalischen Wissenschaften kanrte, der galt für einm Wundermanu im wirklichen Sinne des Wortes. DaS geht in Teuffchland nicht mehr an! ES giebr in jeder Stadtgemeind« Lmte, die da wiffm, wie west dieKenntnisse eines Quartanerreichen, und für daS „Hervorragm in allgemeiner Bildung und in profanen Wiffm- * schäften" ist die Grenze denn doch etwas wester gesteckt. Die Autodidakten haben ihre Zeit gehabt. Wir wollm dm Herrm drüben die Sache in einfacher Weise klar krgm: So »mig wie ihr (und mst Recht!) dm Redactmr diese- oder jmeorthodoxen Blattes, trotz Orthodoxie und allerlei Krnntniß des Schulchan arnch, für einen groß« Lamdan haltet, so wmig gilt der und jener, der bei mch für rin lumen mvnäi gehalten wird, bei uns für einen Gelehrten. Zn Ungarn haben sich fünf Rabbiner zusammmgethan, haben die Walzmühle in Pest für Peffach „gekaschert", und nun sollm alle orthodoxm Zudm in Ungarn ihr Peffachmehl nur auS der einen Mühle bezieh«. (Man hat sogar ins AuSland, z. B. an den Schreiber diese-, die Aufforderung gerichtet.) Für „Ritualspesm" werden laut Circular, pro Ctr. 20 fix. berechnet. Daß das eine respektable Summe einbringt, und wie diese Verwendung findet, mögm dir Leser selbsterwägen. Wäre in Deuffchland eine solche Centralisatton und Obervormundschast dmkbar? Ein Rabbiner, ebmfallS zu dm Schomre hadath gehörig, hatte eine andere Mühle „gekaschert", daS vaßte jedoch nicht, er ttat wieder zurück. Die Schomre hadath berufm sich bei allm Angelegmheitm auf ihre „Geonim." Man ist offmbar mst diesem Prädikat, das inan sonst in der ganzm Judmheü nur je 2—3 Männern in jedem Jahrhundert beilegte, dort schr verschwenderisch; Ungam zählt die Geonim, so scheint eS, zu Dutzenden. Wir laffm da« auf sich beruhm; aber diese Geonim sollm alles ez cathedra mtscheidm, nicht nur Ritualfragm, nein, wenn da von einem Religionsbuch die Rede ist, so sagt die Ungar. Orthodoxie: ob ReligionSbücher zulässig, und ob das vorliegmde tauglich ist, darüber habm wir kein Urtheil, daS Ainnm nur die Geonim entscheid«. Dabei klagt man jedoch die - deutschm Rabbiner hierarchffcher, pfäffischer Gelüste an und perporaScirt jede Unterscheidung von Rabbinm und Laien. Wäre solches Verzicht« auf eigmrS Urthrll und die stumme Unterwerfung unter einiger „Geonim" AuSfpruch, wieder in Deutschland möglich? <?S wird an diesm wmigm Probm gmug sein. Was die Schomre hadath treib«, läßt sich nicht nach Deutschland überttagm. Manche Leute möchten wohl, daran zweifeln wir nicht, aber — es geht nicht. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stettin, 18. Febr. Mittelst Circular« vom 12. d. Mt«, unterzeichnet von Sir Montefiore, zeigt da- Londoner Comitt