Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 2. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 2.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-5935003-5935567--1035-5370685
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wir haben bat Trost, daß et schon weit schlimmere »sttt» gegeben: Zeiten, in denen nur noch wenig« Einzelne »on Gott und seine» Lehren nwßten, in den« die Existenz der Thora vergessen war, in denen j«e« Wort: ,F»ser Gebein ist verdorrt u. s. w." gesprochen wurde; dann viel später noch (in den Tagen der Talmudlehrer) Zeiten, in denen die Masse des jüdischen Volkes in Babylonien tief gefallen war in Religion-- und Sittenlosigkeit, ebenso ttef, .wie die gelehrte Klasse hoch stand und sich vom „Volke d«S Landes" sonderte und schied. Wir könnten auch aus den Tagen deS Mittelalter- AehnlicheS anführen und wiederum die Klage über zunehmenden Verfall damit abweisen, daß sie schon vor Jahrtausenden erhoben worden und daß darnach schon gar lange Keiner mehr da sein müßte, der klagen und nichts, worüber man klagen könnte. Indessen daS Alleist zu allgemein; es genügt dem Glauben, aber nicht dem Verstände; der Idee, aber nicht dem Blick in die Wirklichkeit; der Wissenschaft, aber nicht dem Leben. Zeigt uns die Mittel und Wege, durch welche das Iudenthum erhalten werden kann, wird man uns entgegnen, widerlegt durch Thatsächliches unsre bangen Zweifel. Da gibt es zunächst verschiedene Antworten, bei denen wir unS nicht beruhigen können. Oft hat man darauf hingewiesen, daß ein Umschwung aller Verhältnisse eintteten könne, wie Israel solches schon oft erlebt; daß „der Hirt den Stab „Milde" zerbrechen und den Stab „Verderben" ergreifen werde, um zu zerstören den Bund der Brüderlichkeit mit den Völkern"; daß ein solcher Umschwung und gewalttger Rückschlag zwar Schaaren über Schaaren aus Israels tErtii scheuchen, aber — „einen Rest zurückkehren lassen werde zu dem allmächtigen Gott". Die Möglichkeit einer solchen Lösung, wer kann sie läugnen? aber sollen wir das unser« Trost sein lassen?! Wieder gibt es Männer unter unS, die das Zudenthum in Deutschland und in den ähnlich entwickelten Ländern, bis auf einen kleinen Rest, einem verlorenen Posten gleich achten; dagegen weisen sie auf die bekannten und unbekannten Hunderttausend« in andern Ländern hin, die der Unglaube und der Abfall nicht berührt, und die dem Thorastudium mit ererbtem heiligen Eifer obliegen. Aber sollen wir an den Juden verzweifeln, welche die Träger der Intelligenz nicht nur jetzt sind, sondern es seit mehr als einem Jahrhundert gewesen sind? Und die Juden Rußlands u. s. w. als die Retter und Forterhalter zu bettachten, das wäre der schwächste Trost. Man weiß, wie bei diesen (wie in Rußland überhaupt!) der llebergang zu den ersten Elementen und dem äußerlichsten firniß der allgemeinen Bildung zu dem Abwerfen alles Glaubens, zu dem krassesten Materialismus und Nihilismus zu führen pflegt. „Bon gewichsten Stiefeln bis zum Abfall nur wenige Schritte." Daß die politische Lage und die Bildungsstufe der Masse unsrer russichen Glaubensbrüder sich weiter bedeutend verbessern werde, müssen wir hoffen, daß aber dann nicht auch diese Masse von jenem — mitunter wahrhaft eklen — Taumel und Schwindel der Religionsverachtung ergriffen werde, dem zur Zeit die „Fortgeschrittenen und Aufgeklärten" dort zu verfallen pflegen, das steht nur dann zu hoffen, wenn ihnen von den deutschen Glaubensbrüdern zugleich mit Bildung und Wissenschaft auch das Beispiel der Vereinigung von Religiöfitüt und Bildung entgegengebracht wird. Bleiben wir also bei Deutschland stehen. Sollten wir denn auch, wie man im Mittelafter ein fortbestehendes jüdisches Reich immer weiter gen Osten sucht«, so die Hoffnung auf de» Forttestaad des Judenthums immer wÄter auf die Lämer der Barbar« setz«, „hinter d« Bergen der Finsterniß" suchen?! Stellen wir denn zuerst di, Thats^h, fest, daß sich W bei uxS vieles roth besser gestaltet hat, als »tan vor etwa 30! Jahr« hätte befürchte» könne», wir deok« an die Zeit zurück, da die „Alt«" wörtlich di« alt«, betagten Leute ge- 1 wes« sind, und «an vermeinen konnte, es werde mit jme« zu Grabe gehenden Geschlecht auch das Judenthum in Deutschland begraben werden; an die Zeit, da man behauptet«, et» „gebildeter Mensch" könne kein fronimer Jude sein; an die Zeit, da dt« ganze Richtung lind Strömung deS Geistes einzig auf daS „Abschaffen" gerichtet war, und kaum hier und da Einer dieser Strömung sich entgegenzustellen wagte, oder es mit einiger Aussicht auf Erfolg vermochte. Die Zeit, da die Stimme der alten Rabbiner ganz ungehört verhallte, auf das. junge Geschlecht nicht deu mindesten Eindruck mach« konnte, weil man von ihnen sagte, sie seien weit, weit hinter der Zeit zurückgeblieben, kennten und verständen sie nicht; di« * noch näher liegende Zeit, da die jüngeren, welch« Thora lern«, oder sagen wir bestimmter, sich zu Rabbiner ausbilden wollt«, j\ „umherschweiften, um das Wort Gottes zu suchen und es nicht l fanden"; da viele Gemeinden schon gar kein Gewicht auf t „rabbinische" Kenntnisse mehr legten, nur einen Schönredner und energischen Reformer, je kecker desto besser, für vacant« Stell« suchten. Man denke an die naheliegmde Zeit zurück, als das Breslauer Seminar ins Leben trat, dessen unvergängliches nnd von der schroffsten Feindseligkeit nicht abzuleugnendes Verdienst es ist, eine Stätte geschaffen zu Hab«, an der junge Männer Universitätsbildung und rabbinische *\ Fachkenntniffe räumlich vereint und geistig verbunden, schöpft« konnten, und au den Umschwung, der sich offenkundig zeigt«, als die ersten aus dieser Anstalt Hervorgegangenen mit Begeisterung von Gemeinden ausgenommen wurdm; man vergleiche damit die unmittelbar vorgehmd« Zeit, da sich Gemeinden ihre Rabbiner von dm entschiedmsten Verächtern und — Nichtkennern des Talmud Vorschlag« ließen. Man vergleiche die Gtgmwart, in der (von Ungam gern abgesehen) sich i» Deusschland orthodoxe Separatgemeindm bilden, — waS wir hier nur als Faktum betrachten, weder tadelnd noch lobend — die Gegenwart, da so viel«, mit aller Bildung der Zeit ausgerüstete Männer die Sache d«S überliefert« Judenthums, wenn auch in verschieden abgestufter Strmge, führen, mit der Zelt, als Hirsch erst ganz allein (1836) und nur pseudouy« für jenes eintrat, und die mehr oder weniger radicalm Gegner allein das Wort führten. Wir haben dann gar nicht nöthig, an die zwanziger Jahre, die Zeit der Massentausen zu erinnern, um die Wendung zum Besseren zu erkmnm. Doch hat diese Auffassung der Gegenwart mit dem von ihr eröffnet« Blick in die Zukunft auch ihre Kehrseite, und die Frage muß r überhaupt ttefer und allgemeiner in Betrachtung gezogen werd«. 11 (Schluß folgt.) I Berichte und Correspondenzen. De»tschla»st. Ae»1ße» H.S., 16. Decbr. (Orig.-Corresp. verspätet). Ich habe Ihnen zwar nicht von einer Feier des zweftausmd» i jährigen Jubiläums der Luachgläubigen zu bericht«. Ein« solche Frier fand meines Wissens in unserer Mitte nicht statt, y Nichts destowemger gilt auch dieser Bericht einem Jubilät«"^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.