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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 1. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 1.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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7 Feuilleton. IRe HomsrWK bei de» Inltrn des MMüillerr. Im einer non T>r.‘ SSdeman» in Wien gchaUenen Borlesun,.») Mau Hirt heute oft Len Juten nachsageu, daß sie eilte age uut Neigung zur Satyre hätten. Ja, man macht einm Vorwurf daraus, indem nun behauptet, daß sie dieser Neigung zu wenig Widerstand entgegensetzten, sondern, ihr nachgebend, leicht alles Ernste und Würdige in's Lächerlich« zögen. Unter den Schriftstellern jüdischer Abkunft warm besonder- Börne und Heine von diesem Vorwurf hart bettoffen, und ein namhafter Literarhistoriker hat sogar im Hinblick auf e Autoren sein Bedauern ausgesprochen, daß die Juden in der neuesten Literatur eine so bedeutend« Rolle gespielt haben. Nun, es ist wahr, der unbarmherzig« Spott und die kaustische Satyre berühren bei Böme und Heine nicht immer angmehm. Man braucht sich indeffm nicht erst taufm zu laffm, um diese Empfindung zu haben, sondem man kann sie auch als Jude wahrnehmen. Aber dies beweist eben, daß di« Neigung, welche zwei Juden zur Satyr« haben, keineswegs von allm Juden getheilt wird. Im Gegmtheil sollt« man erst ftagen: „kann man überhaupt von dem jüdffchm Volke als solchm sagen, daß ihm «in Hang zum Spotte, zur Satyr« innewohne"? Ich glaube, man darf diese Frage vom historischen Gesichtspunkte aus gradezu verneinen. Das jüdische Volk erscheint in seinem ältesteu Schriftthum wesmttich lyrisch gestimmt, und es ist religiöse Lyrik, welche bei dm Propheten mib in dm Psalmm hervortritt, eine Lyrik, welche als der Ausdruck innerster Subjecttvität, von einem durchaus gemüthvollm "und idealen Charakter ist. Dennoch muß man sich auf diese lyrische Grundstimmung die Geistes- und jSinnesart des jüdischen Volkes zu beschränkm. Es tritt an schon frühe ein Zug hervor, der mit der Satyre allerdings verwandtschaftlicher Beziehung steht, ich meine die Ironie. Simulation der Naivetät und des Nichtwissen-, Iwodurch bekannttich SokrateS unwiderstehlich gewttkt hat, — [rofr können sie schon in der heiligen Schrifthöchst wirksam nutzt finden. Ich erinnere Sie an dir bekannte Sttlle in [bot Buche der Könige, wo Elijahu die Baalspriester verhüt: „Rufet mit lauter Stimme, denn er ist ein Gott, er Lift wohl io Gedanken, oder in Geschästm, oder auf Rrism; »„vielleicht schläft er, und wirb envachen". Kann man sich leine feinere Ironie denken, als sie in der Begründung liegt: ^Htufrt laut, dmn er ist ein Gott"! AehnlicheS tritt auch bei faiaS hervor. Ader selbst schon im Pmtateuch findet sich it Ironie glücklich verwendet. Wollm Eie nur einmal die ildernüg BileamS ein wmig aufmerksamer bettachtm. Die -BibÄ führt ihn ganz in dem Nimbus einemit Gott aufs Innigste verttauten Propheten vor. Diesm NimbuS wenigsten» - xrbrritet er selbst um sich, durch die Feierlichkeit, womtt er $>ie Boten BalakS halb abweist, halb verttöstet. Aber schon |bcr Ättf auf der Eselin bildet einen Kontrast zu Bileam'» ~ ilgsvollem Wesen, der noch erhöht'wird, als die Eselin ^u sprechen anfängt, während er, der Gottesmann, so feierlich sichert hat, um alles Silber und Gold ohne Gott weder Große» noch Kleine» chun zu können. Und welche feine Ironie liegt nun gar darin, daß dieser „Moses unter dm n" sich immer an einm andern Standort schleppm läßt, Jim besser reden zu können. „Hie Ehodu* — hic salta“! möchte . *) SHcfcO« enthält trefflich gemäht« und bearbeitete Proben humo» .Mfcher Dichtungen. Die Stnlettuag haben wir weder von dem Ganzen «ennen können »och unterdrücken »ollen, obgleich sie an sich dem feuille« 'ntflifchea Genre nicht angehört. (Red.) \ man ihm zurufm. Die Bibel hebt allerdings ihre ironisch«' Absicht nicht hervor, aber weil verhüllt, wirkt sie um so ergreifmder. Man muß sie gleichsam zwischen dm Zeilen lesm, und hier hat sie auch der feine Sinn der Midraschlehrrr zu entdecken gewußt, wie manche ihrer Aeußerungen beweisen. Aber über diese» bescheidene Maß zarttr Ironie geht der Reiz des Spottes in 'dem ältestm jüdischm Schriftthum nicht hinaus. Bon einem angeborenen Hang zur Satyre also kann man bei dem jüdischm Volke, wmn man mit dem Auge d«S Historikers sieht, keine Spur entdecken. Wo hat man nun die Geburtsstitte für diesm Hang, der allerdings an dm jüdischen Schriftstellern der neueren Zett zuweilen sehr derb hervortritt, zu suchm? Offmbar in den Zeiiverhältniffm! Der lange Druck und die Zurücksetzung, welch« die Juden erleidm mußten, flößte ihnm mehr und mehr eine verbittertt Stimmung ein, die sich in Spott und Hohn nach Gebühr und zuweilm über Gebühr Luft machte; an den gelben Fleckm und blaum Zetteln und anderm erniedrigenden Auszeichnungen, schärften die Juden den Stachel der Satyre, der dann freilich ihrm Feindm tief genug inS Fleisch drang, dem wir aber andererseits die Behaglichkeit unserer jetzigm Lage nicht zum geringsten Thell« zu verdankm habm. Eher dürfte die Frage unsere Aufmerksamkett in Anspruch nehmm, ob dmn in dem späteren Schriftthum der Judm nicht jene Aeußerung des Witzes sich findet, die wir,Humor" nmnrn. Wir verstehen darunter eine har-mlose Erscheinung, des Witzes und nicht sowohl eine bestimmte Art schriftstellerischer Leistungen, als vielmehr die Geistes-, oder richtiger die Ge-; müthsanlage deS Schriftstellers selbst, die in allen^ seinen Leistungen sich zu erkennen giebt und die ebm so oft' als ein weinendes, wie als ein lachendes Auge erscheint. Man. sollte meinen, nach dem gemüthoollen, für Schmerz und Freud« gleich empfänglichen Wesen der Juden zu schließm, daß sie in dem Gebiete der Humoristik ein ihnen zusagendes Feld der Schrittftellerei erblickt habm werden. Aber es ist von der anderm Seite zu erwägen, daß wiederum die Zeitverhältuisse einer solchm Neigung sich nur settm günstig erwiesen. Grade dies« harmlose Art deS Witzes bedarf auch zu ihrer Entfaltung eine» harmlosen behaglichm Daseins. Der Humor Jean Pauls, deS größten deutschm Humoristm» sowie der des gutmüthigm Rabener, beruht zuletzt doch auf der Grundlage eines friedlichm, man könnte sagm, spießbürgerlichm Lebensgenusses. Wann aber wäre dieser den Juden de» Mittelaller» je vergönnt gewesen? Auf dem Bodm des Druckes und der Berfolgungm erwächst Klage und Jammer und höchsten» verbitterte Satyre, aber kein gemüthlicher Humor! Und dennoch — dies mag Ihnen die angeborene Gutartigkeit des jüdffchm Vol kes und die unverwüstliche Spannkraft deS jüdffchm Geiste» - bm eisen — dennoch finden wir unter dem bunffcheckigea' Pflanzemvuch» und Gestrüpp unserer mittelalterlichen Literatur1 'auch herrliche, duftende Blüchm des heitersten, gemüthl'chstm Humors und ich hoffe, daß Sie nicht ungem die eine und \ andre dieser Blüthen von mir mtgegeu nehmm. (Forts, folg«.) Ha«an A ‘Botfn. Man erzählt sich in Haviburg, daß sich zum Ehanucka- (Jubel-MaSkm-) feste auch zwei feindliche Brüder gemeldet hattm, um „mitzuwirken". Der eine gill für reich, der an-! der« ist arm; einer wußte natürlich von der Meldung de» andem nicht». Eie erhieltm folgmde Bescheidungen. Der Reich«: Dich könnm wir als Haman verwmdm, und Du kannst Dich in dieser Rolle »trefflich hängen laffm. Der Arme: Du bist ein vorzüglicher Dalfon und kannst nebm Deinem Bruder fungirm. Die Gruppe würde Beifall finden.

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