Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 51 (20.12.1871)
- Date
- 1871-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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404 Streit oder Zriede? Die Streitpunkte, die casns belli, mehren fit im heutige« Israel in bedenklicher Weise. Wir haben unlängst (in Nr. 47) über den projectirten Verein zur Colonisation Palästina'- berichtet. Monatelang hatten wir den Aufruf und den Statuten-Entwurf desselben in Händen, ehe wir an eine Mittheilung und Besprechung gingen, wir sahen voraus, daß Mißdeutung und gehässige Angriffe nicht auSbleiben würden. Bald tauchte denn auch in den politischen Blättern Deutschlands und des Auslands das Mährchen auf, daß die oi-thodoxen Juden vorhätten, nach Palästina zu ziehen und dort ein jüdisches Reich zu gründen. (Siehe Nr. 44 unter Paris.) Wir hielten eS daher für »öthig, den Lesern zu sagen, um waS eS sich eigentlich handle, und hoffen eine ruhige, objektive Besprechung gegeben zu haben. Dagegen hat der bekannte Herr Wachtel in Nr. 46 deS »Mag. f. d. Lit. d. *.* einen überaus scharfen Protest gegen den Aufruf deS Vereins erlaffen *). Er sagt ausdrücklich, daß er sich dazu bewogen gefühlt habe, weil die TazeSpreffe oas in dein Aufrufe Ausgesprochene „alS Symptom einer besonderen beachtenSwerthen Bewegung im Judenthum bezeichnet habe". Daß Herr W. und viele Juden DeuffchlandS mit ihm von den Beziehungen Israel» zu Palästina ganz und gar nicht» wissen wollen, überrascht niemand, eS wäre damit durchaus kein neuer Streitpunkt gegebm; wir haben ähnlichen Spott über Palästina und Opfer ja schon oft genug von Rabbinern gehört «::D gelesen. Aber da der Genannte sich auch einmal für die Gründung deS Gemeindebundes intereffirt hat, so hat sich Herr Rabbiner Hildesheimer bewogen gefunden, dem Letzteren „Streit zu verkünden". Er richtet in der „Jüd. Pr." ein offene» Schreiben an den Vorsitzenden de» gefchästsleitende» Ausschusses, Herrn Kohner-Leipzig; er beschwert sich, daß Herr Wachtel „verehrt« Häupter der orthodoxen Partei" tief gekränkt habe (alS ob die fraglichen Rabbiner«, ehrenhafte Männer und «»»gezeichnete Talmudisten, nur Parteihäupter wären und nicht auch ihrer genannten Eigenschaften wegen gegen Unzlimpf von irgend welcher Seite in S chutz genommen werden müßten!). Er verlangt von Hrn. Kohnii ein Dementi de» W.'schen Proteste», sonst will er mit der Institution de» Gemeindebundes jede Beziehung abbrechen. Hr. Kohner sendet uns die nachfolgende Antwort und bittet um Abdruck derselben. Wir hätten an sich keine Veranlassung, unser Blatt mit einem anderSwo begonnenen Streü zu befasse» — aber es handelt sich um Allgemeines und Wichtiges, um den Gemeindebund, der nur durch einträchtiges Zusammengrhen gedeihen kann; eS handelt sich um die Frage, ob die Auslassung eine» Privatmannes den Frieden stören darf, ob die Verschiedenheit der religiösen Ansichten, die ja offenbar genug vorhanden ist, da» Zustandekommen eine» Gemeindebunde» unmöglich machen soll, also um „Streit oder Frieden". Ein Weiteres haben wir dem Nachstehenden nicht hinzuzufügen. Offene Antwort an Herrn vr. Israel Hildesheimer, Rabbiner der „AdaS-JiSroel" in Berlin. Gleichzeitig mit Ihrem „Offenen Brief" an mich an der Spitze der Nr. 46 der „Jüd. Presse" empfing ich Nr. 48 der in Wien er cheinenden jüdischen Wochenschrift „die Neuzeit", in welcher ich sofort den „Protest gegen den Aufruf zur jüdischen Colonisation in Palästina" von Fr. Wachtel, GerichtSrefecmdar, abgedruckt au» dem „Mag. f. d. Lit. d. ft.", wegen besser Sie mich interpellirm, Nachlesen konnte. *) vielleicht würde Hr. S., wen» ihm unser« Darlegung belamu gewesen würr seinen Protest weutgsteu« ander« gesagt haden. (ttct.) Sie stellen an mich die Frage: k) Bekennt sich da» Comitö de» Gemeindebunde» (soll heißen: „der geschästsführeude Ausschuß de» deutschiSraelittschcn Gemeindetage»") zu den sich durch dm ganzm Artikel ziehmdm Anschauungen? Hierauf antworte ich: Ich hatte und habe keinerlei Veranlassung, die Herren Mit» glieder de» Ausschüsse» über diese Angelegmheit zu einer Sitzung einzuladen, noch dieselbm durch ein Rundschreiben zu befragen. Der Ausschuß steht in keinerlei Beziehung zu den literarischen Arbeiten des genannten Heim Gerichtsreferendar». Hiermit erledigt sich auch Ihre zweite Frage. Herr W. lebte bis vor Kurzem mehrere Monate in Leipzig und ich allein trage alle Verantwortung für fein Wirken zu Gunsten de» Gemeindebundes, so wie ich die Verantwortung für Ihre Wirksamkeit für den Gemeindebund trage, indem ich ebenso Ihre, wie seine Bereitwilligkeit für diese» allgemein al» gemeinnützig anerkannte „Institut" dankend angenommen habe. Wenn Sie jedoch eine besonder» „liirte" Beziehung de» Herrn GerichtSref. W. zum Gemeindebunde darau» herleitm, daß derselbe im Laufe de» letztm Sommer» in mehreren Gemeinden Süddeutschlands „propagandistisch" für den Gemeindebund gewirkt, so beruht da» auf einem Verkennen der Sachlage. Herr W. machte eine GerichtSferim-Reise und erbot sich in den Städten, die er berührte, unmtgeltlich, für den Gemxindebund zu wirkm, wie Sie e» in mehreren Artikeln in dem „Israelit" und der „Jüdischen Presse" ebenfall» gethan, und ebenfalls ganz unentgeltlich au» reiner Begeisterung für dm guten Zweck. Herr W. hat ein« Broschüre: „Da» Judenthum und seine Aufgaben im neum dmtschm Reich" geschriebm, auf seine Kostm drucken lassen, in welcher er für dm Gemeindebund von seinem Standpunkt au» eintritt, und hat sich dabei ebensowenig der Emsur de» Ausschüsse» oder meiner selbst unterworfm, wie Sie e» gethan habm würden, al» Sie jenem ungarischen Rabbiner gegmüber für den Gemeindebuad etnttatm, indem Sie erklärtm, für allgemeine humane Zwecke, wie sie der Gemeindebund anstrebt, darf nicht nach dem speciellm Parteistandpunkte gefragt werdm, und dabei auch anderweitig Aeußerungm thatm, die ich nicht vertreten möchte. Mir, al» Vorsitzmdem de« geschäft»führendm Ausschusses, liegt die Pflicht ob, die Geschäfte so zu führen, daß der Gemeinde-! bund in demselben Geiste gegründet werde, in welchem er von der Versammlung de» Gemeindetage» gedacht war, so lange eine berechtigte Majorität nicht andere Principim aufstellt. Nun hat aber der Gemetndetag am 2. Juli 1869 ohne Parteiunterschied die Zeitungm: »Die allgemeine Zeitung de« Judmthum»', »Die Neuzeit', »Israelit' und »J-rael. Lehrer' (die »Israelitische Wochenschrift' 'und »Jüdische Presse' bestandm damals noch nicht) al» feine Organe der Presse gutgeheißm und damit gekennzeichnet, daß er nicht bloß allm Parteiungen gegenüber nmttal sein, sondem über allm Parteim stehen will. Ein practifche» Vorbild und dm Beweis der Durchführbarkeit dieser Art Association liefert die Alliance iSraölite univ., bei der Niemand die leitmdm oder mitleitmden Persönlichkeitm nach „Bekenntniffm" zu tnquiriren wagm wird. Und ich lehne auf da» Entschiedmste jede Zuredestellung über die Annahme der Mithilfe de» Hrn. GerichtSref. W. ab, wie ich jede Interpellation W* Da wir mancherlei vorliegmde» Material nicht in dm nmm Jahrgang hinüber nehmm möchtm, so sehm wir «n» gmölhigt, in dm beidm letzten Rummem d. I. eigene Leitarttkel und Feuilleton «egzulaffm. Red.