Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 47 (15.11.1871)
- Date
- 1871-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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377 fteOl. Dir finden jedoch darin einen Gap, welch« gerade in solchem Zusammenhang« beachtenSwerth ist und eia Lorurtheil bekämpft, welchein Deutschland besond«» »«breitet ist. Ungeachtet der Strenge in Gesetz und Gebräuchen find die Juten von asketischem Geiste völlig frei. Der Sabbath wird von ihnm ganz anderbeobachtet» al» wir gewöhnlich annehmen. Wenn dl« religiösen Pflichten diese- Tage« erfüllt find, wird d« Rest deffelben in angenehmem Zeitvertreib verlebt, welcher natürlich nach dem Geschmack der Einzelnen ein »«schieden« ist. Venn wir gewöhnlich hören, daß die strikte finstere Sabbathbeoba-btung (8addatariani«w) .jüdisch' sei, (und dieist in Deutschland eben stehende Redensart) fo kommt die» von solchen h«, welche da» wirkliche jüdische Leben nicht kennen.' vdeffa. Die „Russische Welt" schreibt: „Die Krage der Glauben-bekruutnisse ist auch in der von der russischen Regierung eingesetzten Kommission zur Berathung der allgemeinen Wel>r» pfiicht zur Sprache gekommen." Wie da» Blatt dann ausführlich« berichtet, hat die Majorität d« Militärkommisficn he» schlossen, daß Freiwillige jüdisch« Confesfion, welche die Uni« wrfität besucht und die Offizt«»prüfung abgelegt haben, Osfizier-patente erhalten könne». Die Minorität erklärt, fi;in russisch« Soldat würde einem jüdischen Offizier gehorchen. D« Krieg-minister «klärte sich für die Minorität. Da» Gegmtheil wäre jedenfalls überraschend gewesen, und freuen wir un», daß vorläufig die Majorität einen solchen Antrag üb«haupt gestellt hat. Ehteckß». Die Zahl d« verbrannten Synagogen betrögt fünf, alle Thorarolle» flnd mit verzehrt. Rev. Norden hat nur da» nackte Leben gerettet. Entsetzlicher noch ist'», daß da» jüdische Ho-pital verbrannt und mehr«« Kranke (man spricht vor. IS'!) in den Klammen ihren Tod fanden. Die Zahl dn obdach- und mittellos gewordenen jüd. Familien wird auf 500 geschätzt; „I. Tim." hält diese Zahl für noch zu gering. Da» genannte Blatt sagt unter and«em: .Wir behaupten, daß der Theil uns«« Sammlungen, welch« von jüd. Gemeinden al» solchen auSgeht, bei Seite gelegt und lediglich dem Wied«aufbau l>« Synagogen, Hospitäler, Schulen u. f. w. gewidmet werden sollte; wirj fürchten nicht, durch diesen Vorschlag den Vorwurf anfessiouelln Engherzigkeit auf un» zu laden. Israeliten Halen zu den allgemeinen Sammlungen da» Ihrige beigetrageu, nun muß jede religiöse Gesellschaft zur Wied«herstellung de, zerstörten religiösen Institute der Ihrigen helfen." Al» Curiosum wird von „I. Mess." erzählt, daß Dr. Chro rik eben am Schmini azeres, am Tage vor dem Brande, seine Gemeinde aufgeford«t hatte, den Sabbath auf den Sonntag zu verlegen. Notiz. AckkOl A<mf«am». Diesem am 11. Octob« in Wie»baten gestorbenen Schriftsteller, welch« am 10. Novemb. 1814 zu Gitschin ’ in Böhmen geboren war, widmet G. Freitag ,im neuen Reich' einen warmen, fast begeist«1en Nachruf, au» welchem beiläufig > zu «kennen ist, wie dessen Bnf. von sein« in »Soll und Haben' so grell hervorgetretenen Antipathie gegen Juden »urückgekommen! ist. „Dn Name Kaufmann'»", sagt Freitag, „ist wahrscheinlich manchem Leser fremd geblieben, und doch haben seine Wotte j und sein llrtheil durch viele Jahre in jedn größeren Zeitung dazu! beigetragen, die Ansichten der Deutschen zu richten. Durch dreißig j Jahre hat er für die deutsche TageSpreffe gearbeitet, i» allen! politischen Kragen hat « treu zu der Partei gehalten, deren Wünsch« und Forderungen nach langen Kämpfen in dem nrren! deutschen Staat zur Wirklichkeit geworden find. Er war ein j reich und und fein gebildet«, hochfiunig«, rein«, liebeu»wettl>« Mensch." Er hatte Medicin studirt, ohne Liebe für da» Fach, weil diese» allein dem Jude» offen stand. Später ging er nach Leipzig, ward Mitarbeit« au belletristische» Blätt«», dann an Kurauda'S .Grenzboten'. Nach einem Aufenthalte in Brüssel kehrte er 1848 nach Leipzig zurück. „Daß « in den Jahren bescheidener Arbeit — fährt Freitag fort — und durch den Aufenthalt in d« Fremde zu einer inneren Freiheit und Sich«hekt de» llrtheil» heraufgewachseu war, wie ste damals in der Presse selten Ausdruck fanden, da» lehren z. B. die Wotte, mit denen « in den erste« Märztagen 1843 noch von Brüssel au» die franzöfische Nation in den Grenzboten beuttheilte: „Diese» Volt weiß nicht, wa» Freiheit ist! E» sind Virtuosen im Revolutioniren, Stümper in d« Politik, glänzende Soldaten und durchttiebeae Diplomaten, aber miserable Politik«! großattig in der Leidenschaft, ohnmächtig in der hausbackenen AlltazSarbeit. Sie haben zu viel Esprit und zu wenig gesunden Verstand. Derselbe Franzose, der an. Tage der Schlacht oder im Straßenkampf ein Held ist, wird ein Jntttguant al» Beamt«; der fchwärm«ische MenschheitSbefrein, der Propagandist, der sei» Leben auf d« Hand trägt, diploma» tisirt k la LouiS XIV. mit fremden Völkern. Frankreich» Volk ist Held od« Bedienter. E» gefällt sich nur in d« Rolle deü Sklaven, d« die Kette bricht. Und leid« nach jedem Aufruhr schafft e» sich neue Ketten." Al» Kurando die .Ostdeutsche Post" gründete (1848), zog e» Kaufmann nach Wien. Er kam im Ottod« (!) an, bliel. kurze Zeit, ging nach Leipzig, mußte für seine Freiheit fürchten und zog nach England, wo « ait Max Schlesinger die „Deutschs autographitte Correspondenz" begründete, die den deutschen Zeitungen täglich einen Auszug des Wetthvollsten aus fämmtlichen englischen Zeitungen bot und da» Vorblld ähnlich« Unt«nehmungeu wurde. In London, in d« Familie seine» Freunde» Schlesinger und unter den ihm so lieben Engländern lebte Kaufmann ein zwischen ernste Arbeit und gemüthliche Erheit«ung getheilteü Leben, bi» endlich die mühevolle TageSarbeit, d« Kohlendampf und d« Nebel London» an ihm da» ZnstörungSwerk begannen. Auf Anordnung der Aerzte »«ließ er London und lebte mehr«,! Jahre theil» in Königgrätz und Hamburg bei seinen Geschwistern, theil« in Leipzig, Wiesbaden und in anderen deutschen Bädern. D« an ihn gelangten dringenden Aufforderung seiner geliebten Schwest« in Königgrätz zu ihr zu kommen und bei ihr zu bleiben, wich er in lein« seltenen Gutmüthigkeit au», „denn", sagte «, sie würde sich zu sehr betrüben, wenn sie mich so sähe. Denn al» ich ihr bei dem letzten Besuch einmal von den Park« in London erzählte, wie schön die sind, da sah sie mich mit einem Blick an, so traurig und so durchdringend, ich kann den Blick nicht vergessen". Und « fügte nach einer Weile entschuldigend hinzu: „Die Frauen sehen die Pflicht de» Leben» nicht so an wie wir, sie fragen die Welt imm«, wa» für ihre Lieben heraus« kommt. — Da» ist freilich bei un» ander»." Dabei sah er wird« froh au». | Die „Wahrheit" giebt folgende Bemerkungen: „Wir haben hier noch beizufügen, daß Kaufmann durch seine treffliche Schild«ung „Der böhmische Dorfjude" in dem zu Leipzig erschienenen Almanache „Jeschurun" zu dem spät« von Kompett, H«zb«g-Frankel, Taub«, Kulke u. a. auSgebildete Novellengenre den Anstoß gab, und daß Kaufmann zu den Journalisten jener älteren Schule gehörte, die wie Heine, Kuranda, Moritz Hattmann einen auf and«en Gebieten erworbenen bedeutenden literarischen Ruf zur Journalistik mitbrachten, und deren Attikel sich nicht bloß durch Gediegenheit de» Inhalt» und der Schreibweise, sond«n meist durch bleibenden Wetth von den bloß auf ephemeren Erfolg berechneten anderer Journalisten unterscheiden. vettchtitzun^ Nr. «6 S. SÜSd, Z. 2, st. «ltteutjchlaBd l. «UteBelaufe. ». 3S9 aul Berlin: der Obrrfiad«arzl heißt vr. «schr.