Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 45 (8.11.1871)
- Date
- 1871-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ng 45.-1871. ftr Ml dreispaltige Petitgrile oder bereu Nau» I'/, Sgr. Isp-elWseLr 2. Jahrgang. I und socialen Interessen des Judenthums. Lerautwanlilher Nebakteur und Herausgeber Rabbiner vr. A. Ir«e«fett in Stettin. v£3>^Cv Breslau, 8. November 1871. Zu beziehen durch alle vuchhoudluugeu uud Poftaastaltea. Auserateu-AuuaH«« t» der Gchletter'sche» Buchhaudlu», (H. Skulsch) . i» Breilau. Juhalt. Leitender Artikel: Eroße» i» Israel. Fmllleton: Der Feierabend bei de» jüdische« Familieu tu Elsaß. Vericht« uud Eorrrspondeuze»: Deutschlaud: Breilau. Rendsburg. Wolseubüttel. Oesterreich: Lu« Uugaru. Fraukreich: Pari«. Vermischt« »nd »euestr Nachricht«»: Berti». Berlin. Halberftadt. Fraukfurt a. Mstuche«. Elsaß. Uarllftadt. veuedig. Algier. Chicago. Ltteraturiericht. vertchttguug. vrieskaßeu. Barauze»»Liste. Inserate. ' Die Große« in -»rael. Wo mag e» gewesen sei« und wann, daß mich einmal der Ausdruck »die Großen' so unangeaehm berührt, ja mit tiefem Widerwille» erfüllt halst Ob i« Thal«» oder im Guldealaude, «nd wie groß die Summe, von Thalern oder Gulden gewesen» die mau damals für erforderlich oder genügend hielt, um ihre« Lefitz« einen Platz unter dm »Großen' zu gewinnen —st ich weiß et nicht mehr. Jedenfalls ist e> lauge her, feitdeu, hatr ich «ich an de» Ausdruck gewöhnt, er wwerWBcht mehr au. Autist Bi« ftagkich^SmNmr fckkbem MNtft ilffGAWisSBEchseü^ Beztchnng gemacht hatt — , 100000' thuu e» schon lange nicht mehr, besonders feit das Publikum von Milliarden reden hört und vor der Million nicht mehr dm vollm Refpeet hat. Die »Groß«' — das wären also die hervorragend kieichen, die in der Geschäftswelt berühmt« Ramm, die Häuser von Weltruf, deren Firmm über Land und Meer bekannt, deren Acrept und Giro überall gern genommm wird» die einem GründungS-Comitö Relief verleihm und — dm Rahm von dm Untemehmuugm abfchöpfm. Woher daü Großvermögeu stammt, wie eS zusammmgekommen, damach wird nicht gefragt; daS fittliche, volkSwirthfchaftliche und sociale Unheil, welches tcittendfach daran geknüpft ist, wird nicht beachtet. Andere Kreise habm eine vier faltige Aristokratie — der Geburt, de- Ranges im Civil- und Militärdienst, de» Geldes und de» Geiste». Die ersten beidm giebt eS in jüdischen Kreis« nicht, seitdem der jüdische Adel, da» JichuS, die alte Geltung zumeist eingebüßt hat; die de» Geiste» gllt nur in selten en Fällm und wird ebmfallS in Geld übersetzt, nämlich danach gewürdigt, wie da» Talent durch Kunst oder Wissenschaft Reichthum zu schaffm oder wenigstens behagliche Existenz zu grüudm »ersteht. Man ftmt sich allerdings auch de» Ruhmes, dm jüdische Gelehrte oder Künstler in nichtjüdifchm Kreism erringm, al>er man sieht doch auf dm herab, der nicht» Einträglichere» versteht oder betreibt, als Bücherschreiben, Eomponirm, Malm »u.dergl. So bliebm dmn nur die Aristokratm de» Geldes, sie wärm »die Großm in Israel'st Wa» wolltm wir dmm erwidern, die «n» vorwerfen, daß wir nur daS goldene Kalb verehrm st BormalS war dieser Vorwurf leicht zu widerles,««. Die JSraelttm hätte» sich ja jo leicht von allem Dmck befrei«, aller Fesseln entledige», der Beraubung, jeder uagerechtm Belastung ihre» Erwerb» mtziehm köanm, wenn ihnm nicht die geistigen Güter, Lehre und Gebot, Lernm «nd Uebm unendlich hoher gestandm hätten, al» alle irdischm Besitzthümer, selbst al» im» leiblich« Leben. Und faktisch habm die JSraelstm vordem nicht» höher geachtet als Wiffm und Könnm; der Gelehrte, der Schriftsteller, der Rabbiner von Ruf und der vielversprechende Jünger (Bachur), ob noch so arm, sie warm dem Reichsten vollständig ebenbürtig, dieser machte sich eine Ehre daran», sich mit jmem zu verschwägem, nicht umgekehrt; der Reiche aber war nur ^groß', wen» er ein 2m, Freigebiger und Edler war. Eü ist ln der Thal ein seltsamer »Fortschritt', dm die Nmzett » diese. Aber e» gehörte nicht bloß Scharf- und Tiefsin«, hohe Begabung und ernsteste» Studium dazu, um ein Großer zu werde», sondem noch Ein», welche», nach jüdischm Begriffen, höher steht al» Geist und Wiffm. Ein Großer in Israel ^mußte auch ein sittlich reiner Charakter sein, er mußte, soweit e» dem Menschen möglich, fleckenlos dastehm, eS durste kein Makel an seinem Thun Haft«, »da» Innere mußte dem Amßerm entsprechen.' ES darf behauptet werden, daß dies ein dem Judenthum eigmthümliche» Moment, daß da» Anlegm diese» MaßstabeS an die Beurtheilung und Schätzung der Größe nur in Israel zu finden ist. Ein Freund erzählte unlängst: »Mein Bater, ein Mann alter Frömmigkeit und Gelehrsamkeit vereint mtt modernem Wissm «nd einer Fülle von WiffmSdrang, la» einst, al» Greis, da» Leben Göthr'S von LeweS. Mitten in der Lektüre legte er da» Buch unwillig auS der Hand und sagte zu mtt: »Siehe, mein Sohn, da» ist der Unterschied zwischm unsem «nd anderen Großen. Bet un» kann Niemand groß sein, an deffen sittlichem Wandel dunkle Flecken haften.' — Ein große» Wort und eine ttef« Wahrheit! Don MoseS, unserem Lehrer, bis auf R. Akiba und R. Jehuda hanafi und wttder bi» auf Mof. MaimoniteS, Jehuda Halevi, MoseS Mendelssohn R. Akiba Eger — sie sind alle ebmso sittlich groß und rein und erhaben gewesm, wie sie geistig groß, hervorragend und bewunderungswürdig find. Ja noch einmal, daS ist in Israel eigenthümltch! Auch in unserem Stamme hat e» Männer gegrbm, die genial und epochemachend waren, deren Name unsterblich in ihrem Fache, in der Geschichte des jüdischen Geistesleben» ist; aber sie waren nicht ganz rein, an ihrem Andenken haftet ein vttlleicht nur geringfügiger Makel — er ist jedoch unvergeffen: zu dm unbestrittm „Großm" gehöcm sie nicht; Israel hat nie von der sittlich« Bewctheilung abgesehen. Ramm au» längst vergangener Zett al» Belege zu nenne», wage ich nicht, daß „ich nicht verbrannt werde von ihrer