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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-12-28 · 52 (28.12.1870) · p. Seite 424

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
52 (28.12.1870)
Date
1870-12-28
Page
Seite 424 (sequence 2)
Language
German
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424 daher dem Volke unverständlich bleiben. Die Gelehrten dagegen „lernten" die Gesetz« de« Ehanuckalichte», wo, wie und wann e« angezündet und gestellt werde« müffe, di« Beschichte kümmerte sie nicht. Der Scharfsinn hat jede« andere geistige Streben in den Hintergrund gedrängt; jene Sage bot dem Pilpul Nahrung — wodurch da« Oel unrein geworden, und wie man doch den Leuchter anzuzünden vermocht, darüber giebt es hundert Kragen und Antworten; die einjache, aber großartige Geschichte zu lesen, auch wenn man ste zur Hand gehabt hätte, würden die Gelehrten sür Zeitvergeudung gehalten haben. Haben doch die wenigen Tal» mudisten, welche geschichtliche Studien betriebe» und derartige Bücher schrieben, sich ausführlich rechtfertigen, entschuldigen zu müssen geglaubt! Dieser Mangel an geschichtlichem Sinn und die einseitige Pflege de« Scharfsinne«, welche feit 1500 Jahren die geistige Entwickelung de« Judenthum« charakterisiren und manche« verschuldet haben, haben sich gerächt. E« kam eine Zeit, da man sich mit dem bloßen: „da-ist Vorschrift und muß so gehalten werden," nicht mehr begnügte, da nian eine Legende nicht mehr für genügend,m Grund zu einer Festckfeier hielt und sie bezweifelte oder verspottete, da man Aufklärung, Erläuterung, Gcisttsnahrung verlangte und sie auf andern Gebieten suchte und fand, weil da« Studium der Halacha schwer zugänglich blieb, und die Symbolik, Buchstaben» und Zahlendeutung der Kabbala nicht mehr zusagte. Die Rabbinen de« vorigen Geschlechts wollten darauf nicht eingehen. r&ttn WO ,,wa« bedeutet Ehanucka?" wurde gefragt; man gab nicht die einfache Ueberfetzung de« Worte«: „Temvelweihe", man erzähl:« nicht die Geschichte — darin konnte man ja keinen dem Laien imponirenden Scharfsinn zeigen — „raun bedeutet: ro"(2) un — sie rührten am 25stm." Die« ist charafteristifch. So giebt Ehanucka nach zwei Seiten hin wichtige, beherzigen«- werthestr Lehre«. Dt« heuttg« Reform sagt: es ist nicht mehr nöthig, daß da« jüdische Gesetz gehalten »erd»; die Gebildete« unter de» Enlturvölkern glaub««, wie wir, nur m» eine« Gott, erkenne« da« jüdische Moralgrundgesetz, di« Zehngebote, an, die Leben«idee de« Judenthum« ist also gesichert und bedarf nicht mehr der Hülle, wir können unfern Gottesdienst dem Zettgeschmack und der modernen Anschauung anpaffen, wir können mit den Nichtjude« effen, trinken, gemischte Eh« schließen, da» Bundeitzeichen aufheben — wir bleiben dennoch, so wett e« nützlich ist, Juden! — Haben denn aber die „Abtrünnigen" zu Antiochu,)' Zeit nicht ganz ebenso gesprochen? Sie haben gesagt: die «r» geklärten, philosophisch gebildeten Griechen glauben an ihre Götter so wenig wie wir, ihre Götterbilder dienen nur dem Bedürfniß sinnlich-schöner Form; warum sollen wir nicht an den Fortschritten der Griechen in Kunst und Wiffenschaft, warum nicht an ihren Festlichkeiten, Schau- und Ringspielen und Gelagen theilnehmen? Daß sie sie zu Ehren ihrer Götter feiern, dem Dionyso« Hymnen singen, ihm Wein auSgießen, wa« geht da« un« an? E« ist nur schöne Form! Aesthetik, nicht Religion! Wir mögen'immerhin da« jüdische Gesetz verlaffen, da« .Bundeszeichen zerstören; wir werden darum keine Götzendiener, denken nicht daran — wir bleiben Juden! — Wenn diese Ansicht und diese Praxi« damals allgemein gewordm wäre, so gäbe e« feit 2000 Jahren keine Juden mehr, und die Welt wäre heidnisch, heut wie vor 2000 Jahren. Man mache die Anwendung! Aber auch den Neuorthodoxen giebt da« Schicksal de« Chanuckafefte« Lehre. Den „Neuorthodoxen" —. Man hat über die Bedeutung de« Worte« gestritten, obgleich e« ganz zutreffend ist. Neuorthodoxe sind diejenigen, welche un« neue Dogmen aufreden wollen, indem sie Dinge, die man einmal ohne «eitere Debatte oder Prüfung oder nach dem Geiste der Zeit geglaubt Feuilleton. I tun i t «. (Forlsttzimz.) E« ist tief in der Stacht. Fernando und Enriquez haben sich wieder in dm »Ruinen' eingefunden. Stamm und verzweifelt stehen sie einander gegmüber. Endlich unterbricht der Mönch die peinlich« Stille. »Ein wmig Geduld noch/ sagte er traurig, »noch ein klein wenig Geduld, ich bitte Dich/ »Und Juanita? Sir habm sie gefoltert, nicht wahr? Du antwortest nicht! Ach, ist also doch wahr? O, die Unmenschen!' »Es ist wahr/ antwortete Enriquez, »aber ihr Prozeß ist eigentlich noch nicht einzeieitet, wir gewinnen dadurch Zeit/ »Zeit?!' rief Fernando, »aber sie werdm sie tödtm! vielleiibt ist sie schon tobt!' »Gott sei Dank, nein! Ich muß e« wissen, dmn ich war anwesend. Gott hat mir diese schwere Prüfung auferlezt. Der Protokollführer war anderweitig beschäftigt und ich mußte ihn vertretm. Mein Gott, oiein Gott, wa« habe ich gelittm!' »Und sie?' »Sie ward ohnmächug vor Schmerz.' Fernando barg sein Haupt in dm Händen und roeinte bitterlich. »Sie leidet/ fuhr er schluchzend fort, »und nur für mich. Aber Ihr habt mir gesagt, daß Ihr sie rettm fönnt! Warum überlaßt Ihr sie nun dm Händen der Gruden, die sie vernichtm?' »Nur noch kurze Zest... / »Enriquez, Ihr sagt mir nicht die reine Wahrheit ... / »Du vertraust mtt nicht mehr, meiü Sohn?!' »Ach, immer; wch ich kmne Dich, Du willst mir mein Unglück verfchweizm; Du willst mich wenigsten« rettm, mich.... Denn für sie ist alle« verlorm!' »Noch nicht, Femando/ »Aber, mein Gott, wozu denn da» Wartm, warum zögern?' »Well ich nicht« überstürzm will. E« gmügt nicht, daß ich sie au« dem Gefängniß befreie; wir müssm au« Spanien fliehen, und der Weg ist weit und gefährlich, dmn die Inquisition ist allgegenwärtig/ »Da« weiß ich nur zu gut/ mtgegnete Femando. »Also muß ich noch »arten! Und wenn sie sie wieder foltern werdm?' »Habe Muth, mein Sohn, vertraue auf dm Gott Israel»! Seine Gnade hat un« bi« auf diefm Tag geleitet, sie wird auch in Zukunft un» beschirmen. Und nun lebe wohl!' Al« der Mönch sich entfemt, versank Femando in dumpfe» Brütm. »Wer weiß/ dachteer, »ob Enriquez' Hoffnung nicht trügerisch ist. Sonst hätte er sie nicht von dm elendm Henker«- knechten martern laffen.' Juanita, seinetwegm zersoltert! Der schreckliche Gedanke trieb ihn zur Verzweiflung. Er konnte ihn nicht ertragen. »Nein/ rief er Plötzlich, »nein, da« kann ich nicht zugeben. Ich soll mich'hier verstecken, währmd sie sie tödtm. Nein! Ich will mich lieber dem heiligm Officium übergebm. llebrigm», was verliere ich dabei? Wer weiß, ob ich seinm Schergm ent« gehcu werde? Und wozu soll ich auch noch lebm? Mein Wohlthäter ist todt! Juanita ist rettungSlo« verlorm! Wozu zögere ich? Ja! ja! Und da ich einmal unterliegm muß, will ich lieber durch Henker« Hand sterben, al» sie für mich leidm sehen. Wa« kommt'« auch darauf an! Ich werde alle« eingestehm, wa« man von mtt verlanzm wird. Uebrigen« läßt die Jnqui- —7 fition denen, die sich ihr freiwillig übergebm, in gewiffem Ginne Gnade zu Theil werden. So fei e« denn! Ich will sterbm, und da ich meiner thmrm Juanita keinm andem LiebeSbewek« *

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