Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 44 (2.11.1870)
- Date
- 1870-11-02
- Page
- Seite 362 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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L. "ßxttÜM, 27. Oktober. (Vrig-Eorn) Abermal» ein Fall te» schändlichen Mißbrauche«, der mit dem jüdischen nucm xetrieden wird. Ein junger kräftiger Maua mit schwarzem Schnurrbarte, den fein Dialekt als Oesterreicher verrSH, nimmt die Börsen besonder» unserer Glaubensgenossen in unverschämtester Weise in Anspruch unter dem Vorgeh«: Er habe bei vertheidignug einer jüdischen Krau in Olmütz, LemeSvar oder sonst wo feinen Hauptmann erstochen, sei zum Tode vernrtheilt worden und glücklich dem Gefängnisse «Qtronnm, brauche er — da nennt er eine nicht unbeträchtliche Summe — um über da» Meer zu entfliehen. Und da» Geschäft nährt feinen Mann. Länger al» ein Jahr dauert die Jndustrteretfe diese» Menschen kreuz und quer durch Deutschland. Heut' wurde er hier von Einem, der ihn längst in England vermeinte, erkannt und entdeckt. Die« zur Warnung für den speciellen Fall, al» auch für sonstige« allzu leichte« Glaubenschenken an die Mährchen solcher Vagabunden. J. Crftttt, 20. Oktober. (Orig.-Eorresp.) Unter den hier detinirten ftanzöfischen Gefangene» befinden sich auch acht J»raeliten, welchen auf unsere Verwendung von der königl. Kommandantur bereitwilligst an sämmtlichen jüngst verflossenen Festtagen die vollständigste Freiheit bewilligt wurde, so daß sie den Gottesdiensten beiwohnen und von der Gemeinde gespeist werden konnten. Auch befinden sich unter den gefangenen ftanzöfischen Offizieren Hierselbst fünf, welche dem jüdischen Glauben angehörm, und zwar die CapitänS Levi, Eerf, Löon, Lieutenant Grumbach, sämmtlich der Artillerie angehörig, und der Genie-Hauptmann Fritze. Nach ein», unverbürgten Gerüchte soll« sogar zehn ftanzöfische Offiziere jüdischen Glauben« hier sein, wir haben jedoch nur die gedachten fünf kmnm gelernt. Zu bemerken ist noch, daß sämmtliche Gedachte, bi« auf Leon, deutsch reden. Die meisten von ihnen sprechen mit Begeisterung von unserer Religion und preisen sich glücklich, einem Lande anzugehören, wo die Religion nicht den Hemmschuh bildet, verdiente Würden zu erreichen. Levi äußerte unter anderem, indem er au» einem Koffer ein kleine« Machsor, Tallith und Tephilin hervorholte, folgende«.. »Sehen Sie, obgleich ich von ganzem Herzm Jude bin, und meine Kameraden da» auch wissen, fällt e» doch niemand ein, mich meine» Glaubens willen zurückzusetzen.' — Löon rühmt sich der Rabbinerfamilie Isidore und mehreren Rabbinerfamilien verwandt zu sein. — In der NeujabrSpredigt richteten wir an die Gefangenen einige besondere Wotte de» Tröste« und der Erhebung; wir wiesen sie darauf hin, wie der Gott Israel», welchen! sie in der Heimat anzebetet, auch hier ihnen nahe sei, und wie! der Herr, welcher im Kampfzewühle ihr Leben beschützt, auch | ihr Gebet um die in der Ferne weilenden Angehörigen erhören! werde. Im GotteShause sollten sie sich nicht gedrückt fühlen, denn da» Gotteshaus fei unser aller Heimat, hier schweige da» j Getriebe der Welt, hier winke der Frieden, hier ständen Alle I al» gleicke Kinder im Daterhause vor dem Allvater da droben. — Nach Beendigung de» Gottesdienstes, sowie später noch einmal, sprachen die Offiziere ihren Dank für diese Worte aus. Vor unS liegt eia Orizinalbrief vom Kriegsschauplatz«, datirt : Vizi (bei Metz), den 6. Oktober, auS welchem ich mir Ihnen j folgende interessante Notizen zu geben erlaube: ,2VJ? hing ich i trüben Gedanken nach, da ich an die Heiligkeit de« Tage« und - an die Unmöglichkeit dachte, ihn nach Vorschrift begehen zu! können. Ich betete in meiner einsamen Kammer PTTTO. Nach-! dem ich in meiner Einsamkett vor Gott mein Herz auSgeschüttet l hatte, verlieb ich mein Zimmer, ging auf der Sttaße auf und! ab und dachte noch immer darüber nach, ob nicht, wie dmch ein Gotte«wunder» meine heiße Sehnsucht nach Erbauung und Erhebung gestillt werden wurde. Da begegnete ich einem mtt befteundeten Wachtmeister, an welch« ich die Frage richtete, ob nicht jüdssche Soldat« in feiner Schwadron sich befänden? worauf er mtt erwiderte, daß allerding» einer darunter sei, daß er jedoch nach St. Barbe gegangm sei, um de« dort für die jüdisch« Soldat« gemeinschaftlich abznhaltend« Gottesdienste bttzuwohu«. Da nah« auch ich sofort von meinem Ehef-Arzte Urlaub (der Schreiber ist Lazareth-Unteroffizier) und ging nach dem b«anntm, »/* Meile von hier entfernt« Orte. Wie groß war aber mein ft«dige» Erstaun«, al» ich unter dm dort Anwes«dcn so viele Bekannte» ja zum Theil Verwandte erblickte! Wir begrüßt«, umarmt« un« und weint« Thränm der Frmde und der Rührung. Unsere Erfahrung«, unsere mtt Gotte« Hülfe Lberstandmm Gefahr« «urdm schnell gegenfettig mitgethttlt, und P. sprach gerührt, daß er, dmke er an die Gefahr«, die er unter Gotte« Beistand überstand«, nicht nur ein«, foadem daß er acht Tage fast« müsse. — Mannheim hatte un» ein« Rabbiner — Blummstein — hergesandt. Bal tefiloth wurdm improvisirt und schnell war die gotte»di«stliche Gemeinde fettig. Der Dottor hatte un» mtt Machsorim verseh« und da» Gebtt begann. Wie die heilig« Schauer der Andacht un» dnrchrieseltm, könnt Ihr Euch wohl denk«. Nie Hab« «tt so andächtig gebtttt, wie h«te, und wie ein fruchtbarer Reg« ergoß sich unsere Andacht. Unser Herz ward erquickt, unsere Seele fühlte sich zu Gott emporgehob« Geleimt konnte nicht werdm, da e» un» an einer mr ISO gebrach. Dagegen predigte der Dottor über Achre mo» und Solu» Sol« so ttndttnglich, so rührmd und so erbaumd» daß wir alle in Thränm schwamm«. Welch httlsame Wirkung solch ttn Feldgotte»di«st ans da» Gemüth auSübt, sst nicht zu beschrttbm, e» will da» sttdst empfand« sein! — Ein Unteroffizier vom 5. Regimmt hatte Kol nidre, Schacharith und Muffaf, ich Mincha und der Dottor Neilah vorgebttet. Wir Hab« nach langer Anstrmzung ein« Tag der gttstigm und lttblichm Erholung gefttett! — Der arme Dottor mußte sich zwtt Tage mtt Kaffee und Brot begnüg« und hatte er auch am 3** Abmd nicht- Andere«. Nach Bemdigunz de» Feste« schied« wir alle dankend von ihm. nachdem er sich^erst noch unsere Ramm aufzeichnen ließ. Auch versprach er un«?^ch^che Zeitung« unv Erbauungsschriften, insbesondere für Kranke, zflllUSseVbrn. Die Zahl der Andächttgm belief sich auf 200. (ES sinh sticht so viele gewes«. Red.) So schreibt ungeschminkt ein einfacher Soldat. Frmm wir unS, daß auch im Kampfgewühle Israel» Söhnen der Sinn für die Religion nicht verlor« gegangm, daß vielmehr bit mccr» 0T2 rrrtTE 3-0 ojru3. Möchte denn der Thränm- und Blutsaat, die wir ausgestrmt haben, die wirkliche Emancipation der iSraelittsch« Dmtsckm entsprießen! T. Isranüturt a. M>, 20. Oktober. (Orig.-Eorresp.) E» hat sich hier ein EomitS gebildet zu dem Zwecke, dem sel. Lazarus Geiger eine Büste in der Stadtbibliothek zu erttchtm. An der Spitze deS Comitö'S stehen Lormz Diefmbach und Theodor Ereizmach. 8. Kamvnrg, 25. Ottober. (Orig.-Eorresp.) Die in der letzt« Nr. Ihrer Zeitung befindliche X- Correspondenz au» Süddmtschland, welche noch ttaurizere Zustände meldtt al» der in derselben Nr. enthalt«« Brief auS Ar« für Mofelle, Zustände, welche ttn« Judm auf das schmerzlichste berühr« «üffm — endet mit Ihrer gewiß allsettig gebilligt« Bemerkung daß wtt Judm in Dmtschland ttn Gefühl der Rache oder der Vergeltung für dergleichm Unbild« nicht kennm werden. Ich bi» nun der unmaßgeblich« Meinung, daß die« noch nicht genug gttagt ist. Da« schöne und un« von ander« Glaubm»gmoffmschastm «och nie bestttttme Gefühl der Zusammmgehöttgkett aller Juden, da« sich zu all« Ztttm und aller Ott« noch immer am deutlichst« durch werfthättge Liebe und Hilfe dm Bedrängt« gegenüber, unter klein« und groß« Verhältaiss«, gezeigt hat, darf auch * hier und heute nicht in dm Hintergrund treten. Ich bist wett davon entfernt, e» schön zu find«, wenn Jud« sich etwa mtt