Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 44 (2.11.1870)
- Date
- 1870-11-02
- Page
- Seite 360 (sequence 4)
- Language
- German
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860 Stämme und für Israel. — (Situ wahrhaft erhebende Andacht herrschte während de» ganze« Gottesdienste«; fo innig und bewegt wurde wohl selten gebetet al« au diesem Abende. Al« ich von dem Gebete de« Erzvater« über die Heimkehr in Fried« sprach, muhte ich, unterbrochen durch da« Beinen und Schluchzen der Zuhörer, mehrere Miauten iime halten. Mtt Ausnahme der wenigen Soldat«, welche d« Lazarethdienst versah« und daher in St. Barbe blieb«, begab« sich alle llebrigm nach Bemdigung de« Gottesdienste« in ihre Quartiere zurück; manche muht« ein« dreistündig« Weg zurückleg«. Am andern Morgen warm sie wieder zur festgesetzt« Zeit er» schienen. Der Vorbeter von gestem verrichtete auch da« Schachris- und Musaphgebet, und in Ermanglung einer Thorarolle erklärte ich d« Inhalt de« TazeSabschnitte« und die Haphtora au« Je» saias. Snkaüpsend an den verlesmm Ver« über dm Tod der Söh.ie Arons, beleuchtete ich daS Wesen jener hohl« Begeisterung, welche zum Untergänge führ« müsse, weil fie ohne Sittlichkeit und Religion nur aus dem »fremd« Feuer", aus der Sucht nach eitler Größe und falscher xloirs mtsteht, währmd der ächtm, wahrhaft« Begeisterung, die aus dem Streben nach Recht, Wahrhett und Liebe hervorquiüt, der Sieg nie aus'?leibt. Da unter dm Anwesend« mehrere sich befand«, welche in d« Schlacht« gesallme Brüder und Verwandte bettauertm, sprach ich noch über die muftergilttge, tiefe aber stille, gottergebme Trauer Arons bei dem Tode seiner geliebt« Söhne. Es fand übrizms, wie üblich, nach Schachris eine Seelmfeier (HaskoraS N'schorioS) statt, in welche ich noch ein l>efondereS Gebet für die gefall«« Krieger einschaltetc. Nach dein Musaphzebete verblieb noch eine Anzahl zurück mit Gegmständ« der Andacht sich beschästigmd. Um 3 Uhr fand sich die ftomme Schaar wird« ein mtt Ausnahme von wmig«, welche sich schon zum Vorpostmdimste für dm Abend bereit halt« mußt«. Btt betet« sämmttiche Gebete von Mincha und N'ttah; ein Unteroffizier war auf fein Verlang« Vorbeter für Mincha und ich für N'ilah. Nachdem d« Gottesdimst mit Sonnen- Unterzang beendigt war, richtete ich an die Anwesmdm einige Borte der Anerkennung für die ftomme, lebhafte Betheiligung am Gottesdienste, die mir selbst eine theuere Erinnerung für'» ganze Leb« fein werde. Hinauf «griff Herr Hirfchberz, Vice- Feldwcbel auS Culm, dem, wie ich hörte, die Emennunz zum Limtenant bnorsteht, daS Bort und drückte mir im Namm d« Kamerad« dm herzlichstm Dank auS. Ich wurde beauftragt, zroßh. Stadt-Rabbinat dm Dank all« Anwesend« zu überbringen. Es fei ihn« schon längst ein HerzmSbedürfniß gewesen, in ein« Stunde gemeinsam« Andacht ihr bedrängte» Hnz vor Gott auszuschütten; fie hättm jetzt dem Drange ihres Herzens gmüzt und würd« in freudig« Stimmung und mit -uhi- \ gem Gewiss« d« Zukunft entgezmgehen. Im Namm sämmtlicher Kamerad« wurde ich von Her« Hirschb«g ersucht ein« Gottesdimst für das 1. Armee-Corps bald w>ed« abzuhalten, und in zehobm« Stimmung ttmnte sich die aodächttze Schaar. — An dem folgend« Tage, dem 6. Oct., machte ich Sr. Excellmz dem Her« v. Mantmffel Anzeige üb« dm stattgefundmen Gottesdimst und indem ich demselbm seirms mein« und d« israelüischm Soldat« ebmso innig wie «geben Dank abftattete, trug ich daS Verlang« der letzter« nach baldig« Wiederholung eines Gottesdienstes vor. Herr v. Mantmffel nahm meine Mitthettunz sehr freundlich «tgegm und äußerte seine fteudige Befriedigung. Er beauftragt mich großh. Stadt-Rabbinate sein« Dank für meine Sendung zu üb«bringm. D« fenr«u Gottesdimst betteffend, ftuz mich Herr v. Manteuffel, wann ich denfelbm zu halt« gedmke, « «achte jedoch in Anbetracht d« V«hältuifse ein« solch« erst nach Ablauf von 3 Woche» für thuulich. Aus Weisung des Herrn v. Mantmffel wurde mir auch für die Rückreise freie Fahrt gewährt. — Großh. Stadt-Rabbinat »olle giftigst die Ausführlichkett mein« «gebmm Mittheilung« mtschuldigm und mtt noch einige Schlußbemerkung« gestatt«. (Schkaßfttzt.) Kriegs-Nachrichten. D« im vorig« Blatte abzedrucktm Correspondmz au« Köthm müffm wtt noch eine Anm«kung folg« last«, welche in vorig« Woche nicht mehr abgedmckt w«dm konnte. ES liegt ohne Zweifel im jüdisch« Charatt« noch ei« echt orientalisch« Zug d« Ueb«schwänglichkeit, Uebertteibung (ttvM), der bald bewußt, bald unbewußt hervortritt und nebm d« anderweitig bekannten jüdischen Nüchternheit und Bedächtigkeit ruhig einhergeht. Hi«her gehört, beiläufig gesagt, die Lust, alle hervorrazmd« Mann« und Frauen zu Juden od« Judmabkömmlingen zu machen; uua strana mania nmnt dieS daS neueste Heft des »Educ. JSr.', welches diese Manie bespricht und mit Beispielen belegt. Von den Männe« d« unmittelbarst« Gegenwart, welche Judm sein soll«, wird dort Benedetti gmannt; wir füg« Blummthal hinzu, der Jude, ja eia Bachur gewesm sein soll. Ob wegen deS Namms od« weg« seine» Geficht«, ist uns un«stndlich. ES ist baarer Unsinn. Die Uebertteibung« tteten nun auch in Hinsicht auf die Zahl u. s. w. der Judm im jetzig« Kriege h«oor, und e» kann nicht eindringlich gmug davor gewarnt wnden. Die Gründe «örtem wollm, httße unf«e Les« beleidigen. Seltsam« Weise stammen diese Uebertreibuagm meist au« den politisch« Zeitung« h«. So hieß es: 1174 Judm w«dm vor Metz zusammm bet«, die christlich« Kam«aden werd« Wache halten, ein Seph« ist auS Thom geschickt.") Wir Hab« zu d« Nachricht unsem Zweifel ausgesprochen, und sie ist wirklich» wtt wir augedmtet Hab«, höchst übertrieb«. So v«hält eS sich auch mit den 5V ftanzöfifchm jüdisch« Gefaugmm in Wittmbng. Wir Hab« auch da uns«e Zweifel gehegt, d«u wie sollt« g«ade in W. so viel Judm sein, da ihre Zahl unt« d« and«Swo Detinirtm so g«inz ist — aber wer mag jede Rottz bekritteln, und diese Rottz ttat so positiv und in d« Nähe auf. onro; prrr yvh nSTYl) Im llebertteibm d« Zahl d« jüdisch« Soldat« ist dazezm d« »Israelit" besonder» stark. Er hat dieselbe zu«st auf 30,000 angegebm, »««ding» ab« defiltt« in sein« Spalt« gar 75,000 Juden vorbei!"") Ei« wahres Bar bar Chana Stückchen! Wir können versichern, daß wir bestrebt gewesm sind, un» s«n eigenen Berichten stets nur zuv«lässige Mittheilungm zu G«nde zu leg«. Wir lass« uuu zum Abschluffe d« Mittheilungen üb« die Feiertage im Feldlaz« noch ein« gütigft übersendet« Brief von einem Schauplatze deS Kriege» folgen, der zugleich ein sehr erfreuliches Gegenstück zu manch« früher« Bericht« über das Betrag« d« französisch« Judm bildet: »Von Flize, 3 Stund« Weg» von Sedan entfernt, habe ich y*D Urlaub erhalt« und bin in Sedan üb« 3"1 geblieben, ebenso ein and«« Jude von meinem Bataillon. — Wenn ich nun einmal d« lleberzeugung gewordm, daß wtt durchaus die —- *) -Ieiv. 23mrt« widmet dieser Nachricht eine» Leitartikel. —) Die -L. Z. d. I.« hat die« schon vor mehrere» Woche» gerügt, wtt »Me» ab« eiae ihr« Bemerkungen jnt&totiitn, die aus «af« vlatt gemünzt war. wtt hatte» angegeben, da« 58. Rrgirneat besteh« |n i/4 an« Jaden, e» reknttirr sich an» d« Stadt und dem Umkreise von Pose». Dast dtt Bevölkerung von Pose» ja reichlich >/« an« Iudeu besteht» weiß Herr vr. Phil., «l» alt« Pnblttist, so -M wtt wtt — « verdreht «b« aaserr Saga*« dahta, daß da» posea» Armee.ikorp» p, >/4 aa« S»d» bestehe, wc» »eaa freilich eiae arge Uebertreibuag wäre.