Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 28 (13.7.1870)
- Date
- 1870-07-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Hi 28. -1870.! 1n< * « njvil 'j{ ,!!>.I!:|i 1. Jahrgang. für die religiösen «nd socialen Interessen des Judenthums. Erscheint jeden Mittwoch. Peel» vterttljLhrtlch 20 Eilbergroschen. WtrtUtuftHto Ml M dreispaltige Petitjeile »der deren Raum I-/, egr. Verantwortlicher Redakieur und Herautgeber Rabbiner vr. A. Hrenenfelin Stettin. Bre-lau. 13. Juli 1870. Zu bezithen durch alle Buchhandlung«« und Postaullalten. -uleraleu.^uuah«« io»» Ochletter scheu Buchhandlung (H. Gkutsch) in vredlau. i^^mEaE=aBEam=ssES=EE3SEEassEmewEE=astg^-s——ssm^—g—^s. Anhalt. Sriteakn Artikel: Darwint»««» und Religion. IV. — Fe» Il«t»n: guaatta. Neueste Entdeckungen, Bericht« und Torrespvndeu)«: Deutschland: Altona. Berlin. Au» der Prorinz Hannover. Lu» Tllddemschland. Oesterreich: Pest. Prag. Prag. Amerika: Nordamerika. Vermischte und neueste Nachrichten: München. Drelden. isZeimar. Lemberg. England. Pari». Brüffel. Asti. Alerandrta. Palllfttna. Bombay. Eoustaattuopel. Amerika, verltn. NSuiglberg. Uiteraturditticht. veritlitigungen. Briefkasten. Baeanzen-Ltste. Inserate. Darwinismus und Religion. IV. «Fortsetzung.) 5) Tradition und Forschung. Herr vr. Dohrn zehr gegen die „Tradition" scharf vor. Sie behauptet, sagt er, daß Pflanzen, Thiere und Menschen „erschaffen" wurden; wir aber fraget), nach menschlicher Art, unwillkürlich: wie? — damit ist die Sache an der Wurzel angegriffen. Die Frage nach dem „Wie" ist ebenso natürlich wie berechtigt. Denn e» ist nicht wahr, daß wir, d. h. die Anhänger der „Tradition", die Religiösen, wie Herr Dohrn behauptet, jene Frage für eine „Dermeffenheit" halten; wir fragen allerdings, da aber alle Versuche der Erklärung scheitern, so sagt die Tradition bescheiden: „DieS erste „Wie" sind wir zu erklären außer Stande." Sie verbietet aber der Philosophie oder der Naturforschung durchaus nicht, den Versuch immer von Neuem zu unternehmen. Herr Dohrn spricht von Leuten, denen „alles Wissen Stückwerk" sei; das Citat ist richtig, die „Tradition" bedient sich zuweilen dieses Ausdruckes — worauf aber gründet sich der Spott? Hält Herr Dohrn fein und seines Meisters Wissen für vollkommen? Wir j haben gesehen, daß Herr Dohrn daS erste „Wie"' der Entstehung deS PlaSmaklümpchenS und daS „Wie" deS AuSeinandergehenS und deS Hervorgehens von nur zwei verschiedenen Wesen auS! dem einen Klümpchen ganz auS dem Spiele läßt. In anderen Schriften derselben Richtung haben wir indessm das ganz gelassen ausgesprochene Wort gefunden: „Ob die erste Zelle von selbst entstanden sein könne, ist noch fraglich." Wir kommen hierauf gleich zurück und sehen erst weiter. Herr Dohrn legt der Tradition eine Reihe von Fragen vor, z.B. warum find die Löwen gelb? warum kann der Strauß nicht fliegen? Da», sagt er, kann die Tradition nicht erklären, oder ihre Erklärungen sind abgeschmackt; ich aber kann eS Euch sagen. Die j Löwen find jetzt sämmtlich gelb, weil die gelb« Farbe den Löwen große Bortheile bietet, so daß die gelben die früher vorhanden gewesenen andersfarbigen aufgefressen oder sonst verdrängt haben. Die Strauß« haben durch ihr rasche» Laufen die Ausbildung all' der MuSkela und Knochen, di« zum Flieg« behülflich warm, l beeinträchtigt. Aber warum ist denn der erste gelbe Löwe gelb gewesm? Wie ist der Ahnherr der Strauße aus die Idee gekommen, so viel zu lauf«? Hierauf hat Darwin keine andere Antwort, als: Von verschiedenen Tbierm ähnlicher Art ist einmal zufällig eins gelb gewesen, und von dm verschiedmm Vögeln hat einmal Einer zufällig sich auf daö Laufen verlegt. Ja, wenn „von selbst" und „zufällig" örklärungm find, dann hört die wissenschaftliche Forschung auf oder fängt vielmehr gar nicht an. Wir sind hier wirklich in der Lage, Herrn Dohm dm Spott zurück zu geben, mit dem er Jemand auf eine Reihe von Frazm die stereotype Antwort: „Weil die Erde sich dreht" geben läßt; wir sag« nämlich, daß wir in seinem System die stereotype Antwort er» haltm: „Ursprünglich ist e» einmal „zufällig" so gekommen oder: zuerst ist eS „von selbst" so entstanden." 6) Darwinismus und Theologie. Herr Dohrn fetzt voraus, daß alle Theologm geschworene Feinde deS Darwinismus seien, daß sie nur „berzeversetzmden Glauben" und „Saltimortali" kennen wollm, daß sie aller Forschung lind der Naturforschunz zumal als „hmchlerische Frömmler und Fanatiker" in bitterem Grimme gegenüber stehen. WaS für eine Sorte von Theologm mag Herr Dohrn kennen gelernt haben?! Vielleicht ist sein Urtheil gar nicht au» der Erfahrung geschöpft, sondern a priori construirt, etwa in folgm- 1 der Weise: Man nimmt ein« erddrehenden Knak, einen augmverdrehmden Tartüffe, e-'nm ohrfeizendm Prälaten, einm regulirmden Eckmlrath, dazu einm ketzervcrbrmnenden Dominicaner,! einen dm SyllabuS verkündenden Mönch, einen zähnefletschenden GlaubenS-EmheitS-Helden und einm die Eisenbahnen u. dzl. für TmfelSwerk erklärenden Jesuitm und blldet auS diesen Jngredtmzien, auS diesem säubern PlaSmaklümpchen dm TypuS eine- Theologm; dann fetzt man daS abstraotnm pro oonorvto und sagt: „DaS ist die Theologie", und dann noch einen Schritt weiter (eS geht ganz „von selbst"), „die Lehre dieser Lmte, batst die Religion!" Wir werdm unS unterstehm dem zu widersprechen, dagezm kräftig zu protestirm; nicht gegm da» Letzte, da» ist nicht nöthig, sondern gegm die ersterwähnte Voraussetzung deS Herrn Dohrn. Ein Theologe, sagen wir, liest eine Auseinandersetzung der Darwin'schm Theorie von der natürlichm Züchtung mit demjmigm Vergnügm, mit dem ein Mmsch von Verstand etwa» Neues und GeistteicheS liest, viel lieber etwas ihm Neues, ihn zum Dmkm Anregendes — auch immerhin ihn zum Widerspruch Reizende- — liest, al» daß er Dinge, die ihm längst bekannt find, noch einmal in lediglich salbungsvollem Tone sich vortrag« läßt. Und wenn man ihm dabet die überliefert« Anuahmm l-ekämpft, so sieht er zu, wie er sie vertheidig« könne.