Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 22 (1.6.1870)
- Date
- 1870-06-01
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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187 heit»sällen ihr» Zuflucht genommen, und auch drr gefeiert« Leo X. hatte bekanntlich eine» Jude» zum Leibmedicu». I» versteht stch von selbst, dal die ISraekftrn hier von allen Mnnicipalu»d Regierungsämtern, ja sogar vo» drr «iltilrische» Carriöre grunbsätzlich ausgeschlaffeu find. Auch in ihrer «ommerciellen Thätigkeit «verden ste von vielfältigen Fesseln gehemmt; so dürfen sie z. V. keinen Buchhandel treiben, und ihr Bilderhandel ist auf die niedrigste Gattung deffelbea begrenzt. Srll ich noch aasühren, daß st« außer ihre» armseligen uud wurmstichigen Baulichkeiten in de« verpesteten Ghetto nicht den kleinsten Fleck Erde im ganzen Kirchenstaate ihr Eigenthum nenne», sowie daß man fir bei NotariatS-Acten »der Heiratlcoutrocte» niemal» als Zeugen zuläßt, und Hunden solche die Menschheit entwürdigende Lerordnungen erwähnen? so würde ich mit dieser schmachvollen Litauei nimmer fertig werden. UMer dem bleiernen Drucke diese» politischen, bürgeNichen und moralischen Ostracismu» ist e» kein Wunder, daß der Nothstand im Schoße der hiesigen mosaische» Gemeind«, besonder» i» den letzten Jahre», wahrhaft erschreckende Dimenfionen angenommen hat. Genügt doch die einfach« Constatirung der Dhatsache, daß in dieser herabgekommenen Bevölkerung von viertausendsieben hundert Seelen fast die Hälfte, nämlich «ehr al» zweitausend Personen, zur kümmerlichen Friftung ihre» elenden Dasein» gegenwärtig auf die öffenttiche Wohlthätigkeir angewiesen find. Und erst auf wa» für nne öfientliche Dohllhätigkeit um Gottetwilleu! vielleicht auf jene der Regrerung, oder der Municipalität, oder endlich der unzähligen hier bestehenden karholischen Almosenanstallen? Nicht« von alledem. Die römisch« Judenfchaft bezieht von dnr Negieruag«kaffen jede«Jahr «»»schließlich nur die winzigeSumme von fünfzehnhundert Lire, ungefähr siebenhundeN Gulden Oesterreichischer Währung, unter dem Titel von Unterftützungtbeiträgeu. Sonst keinen Kreuzer. All« anderen Au»gaben für den llultu», den Elementar- und religiösen Jugend-Unterricht, die Armen- und Krankenversorgung, dann da» gesammt« Aedilenwesen im Innern de« Ghetto fallen ihr vollständig allein zur Last. Nun darf der Leser nicht außer Acht laffe», daß di« J»raelit«n hier ganz denselben Steuern und Taxen unterliege», wie die übrige» römische» Staat», bürger, «ad daß ihrer Eorporation Lberdie» noch andere beträchtlich« Geldleistungen vom Staate aufgebürde« stad, welche wir gleich namhaft macheu werden. Um so peinlichen, von alle« Seiten auf sie einstürmeude» Anforderungen zu genügen, nahmen ste zu dem letzten Mittel ihr« Zuflucht, nämlich stch innerhalb der Eommunität selbst zu besteuern, welche empfindlich« Umlage nur jene wenigen Familien trifft, di« »och einen schwachen Schein von Wohlhabenheit bewahrt haben. Dieser Umstand mag wesetttlich zur Lösung de» Räthsel» beitragen, daß Rom vielleicht die einzige Großstadt ist, wo «» keinen reichen Juden gibt. Aa» nun die soeben berühtten au»nahm»weisen Lasten anbelaugt, zu denen die J«raeliten von jeher verurtheilt werden, so haben fie vor Allem sehr ansehnliche Summen zu Regierung»- und ecclesiaftischen Zwecken aufzubringen. Ueberdie» müffeu fie da» alljährlich wiederkehrende Stipendium für jene katholischen Beamten regelmäßig entrichten, die ihnen zur Ueberwachung ihrer Finauz-Admioistraliou in der eigenen Gemeinde von der obersten Staat»behörd« ausgedrungen werden. Die bei weitem himmelschreiendste Steuer ist aber folgende: Sie sind gezwungen, an jede der zwei kirchlichen Anstalteu, nämlich an die Casa Pia der Katechumenen und da» Kloster der Eonvertilen, also gerade an ihre erbittertsten Feinde, noch immer einen jährlichen Tribut von fünstauscndzweihundertfünszig Lire abzuführen, welche beide Institute fleißig da» berüchtigte Handwerk der Jodenbekehrung treiben, die in der abscheuerregenden Geschichte von deu i»raelitischen Kindern Mortara und Coön, jenem Cams belli de» beleidigten innersten Familien- Heiligthum», seinerzeit ihren Gipfelpunkt erreichte. Bei dem Convertitenhause findet aber noch rin höchst eigcnrhümlich erschwerender Umstand statt. Wen» sich au» Speculatiou ei» ftemdländischer Jude zum Behuf« der Bekehrung dort ausnehmen läßt und dann nach sech«wöchentlicher Prüsunglzeit, wie die» häufig geschieht, bei ihm eine plötzlich« Sinne»änderung eintritt, daß am Ende seine Taufe nicht vollzogen wird, so muß die unschuldige Gemeinde für ihn die inzwischen ausgelaufenen Atzuag«k»sten unuachfichttich bezahlen, also gleichsam Strafgeld dafür erlegen, daß der Eon»erttrung»-Landidat sich eine» Befferen besann und wieder dem Tenftl verfiel. Die» ist wohl in dem ganzen päpstlichen Judeucodex da» stärkste Stück. Nach dieser durchau» wahrheittgetrruen Darstellung der »bwalrendea Berhättuiffe muß mau wirNich erstauaen, daß den Leuten »och immer die alt« Mähre ausgetischt wird, al» befäudeu sich die in Rom seßhaften J»ra«liten unter de« Scepter Piu«' IX. ungemein wohl, und daß sogar na«haste Schriftsteller stch zur Verbreitung dieser irrigen Ansicht verleiten üeße». Allerdiug» »ahm Piu« i» den ersten Butterwochen seine« Papstthum» einen kleine» humane« Anlauf zur verbefferung ihrer trostlosen Lage, aber nachdem er jenen kurzen liberalen Rausch tu Gaeta grüudlich ««geschlafen, vergaß er nur zu bald, «a» er den einfachsten Rücksichten der Menschenliebe und de» vorgeschritten«« Geiste »er Gegenwart schuldig war, uud ließ di« Nachkommen der Erzväter und Propheten ganz wir seine Vorgänger in de« von mephitischen Dünsten geschwänzerten Sumpfe an der Tiber unbarm. herzig verschimmelu. Deffenungeachitt preist man noch immer seine mild« Behandlung der Juden. Bleibt mir überhaupt mit dem Worte „milde" vom keibr, welche», in dieser Aawwdung gebrauch», eine verdiente Strafe vorautsetzt und da» mir stet» gleich einem Scorpion in die Seele sticht, so oft ich e» vernehme. Wer gibt euch da» Recht, hier vo» milder Behandlung zu sprechen? Sind die Juden in Pausch und Bogen vielleicht Miffethäter? IN e» ein Capital»« brechen, jenem merkwürdigen, uralten Bolke anzugehören, welche» vor unvordenklichen Tagen die Welt mit der großen Idee aine» einzigen Gotte» bescheufte und deffeu Sittengesetz seit neunzehn Jahrhunderten die civilisirten Nationen regiert? Und vor Allem hätte der Nachsolger der Apostel ioi vatican keinen Grund, die Israeliten geringzuschätzen. Er ist ihnen vieliuehr zum wärmsten Danke verpflichtet. Steht doch in jenem heiligen Buche, auf dem seine ganz« hierarchische Autontät beruht, keine einzige Sy de, die nicht an« jüdischer Feder gestoffen wäre. Trotzdem existict aber kein Laad, wo solch rasstairte Gräuelthaten in ununterbrochener Folge gegen mosaische Glaubensgenossen auögeübt wurden, wie eben in Rom unter den Augen und auf unmittelbare Anstisknug de» hohen katholischen Pricsterthumt. Hat man daraus vergeffen, daß sie vor noch nicht geraumer Zeit durch päpstliche Schergen gewaltsam in die Kirchen zur Anhörung christlicher Pridigten geschleppt wurden und daß man sie am Schluffe de« römilchen Carneoal» zur Ergötzung der hohen geistlichen Herrschaften durch zwei voll- Jahrhunderte rennen ließ, gleich dem lieben Vieh? Paul IV, war ihr grimmigster Peiniger auf St. Petri Stuhl und ein «eit ärgerer Wütherich gegen du: Jude«, al» Richard Wagner, der Zukunft»mufiker. Wenn dann am Fasching»dienstag i»raelitische Jünglinge, Männer und filberhaarige Greise die buatgeschmllckte Zeile de» Eorl» entlang athemlo« hinabkeuchten, vom Pöbel verhöhnt und um die Wette laufend mft Eseln, Büffeln und stampfenven Berbrrhengste», da stand Se. Heiligkeit Papst Paul gemächltch auf dem Balcon und lachte, wie glei-hzeitige Chronisten öerichten, über dieses amllsawe Schauspiel so herzlich, daß ihm der Bauch wackelte. Freilich hatte« die Juden in Rom zu manchen Perioden auch lichtere Momente, und dir Statthalter Christi auf Erden gingen «icht alle gleich grausam mit dm Blutlverwandtm de» gekreuzigtm .Heiland» um; e» gab auch einige bester geartete. Ein solcher war Sixtu» V., der «in menschenftmndliche» Herz unter seine« Purpnrileide trug. Uber diese «rrräglichm Mommte dauertm bi» aus die jüngste Zeit niemal» lange. Gleich darauf kam wieder eia Anderer, der die wohlgemeintm BUlen seine» Vorgänger» zurücknahm und von neuem gegen die gemartertm Hebräer zu «üthen begann. Sogar Piu» VII., noch einer der honneterm Päpste, der vom Jahre 1800 bi» zum Jahre 1823 regierte, war nicht ganz frei von diesem unauslöschlichen Makel. Wenn man nim erwägt, daß die christliche Bevölkerung Rom» von den humansten und edelsten Gefinnungm beseelt ist, da e« vielleicht keiue Nation iu Europa gibt, die weniger gmeigt wäre Anderögläub^e zu ttzranuifirm, al» gerade di« lcichtblütigm und gutmüthigen Nmrömer, f» Mt di« ganze Wucht dieser schär» lichen Behandlung der Judm einzig und allein aus die päpstliche Curie zuitttck. I» de» theokrattfchen Regierung», form de» Krummstabe», in dieser Zwitterversaffuag, wo eine und dieselbe Persönlichkeit da» Scepter und den LSeihwedel in der altersschwachen Hand hält, da steckt der Grundfehler, der im Kirchenstaate da» hebräisch« Elend zu so hohen Jahren kommen ließ Aber gottlob! da» Schlimmste hättm die mißhandelten Urmkel Abraham'» und JsaaP» jetzt überstanden. Wenn auch nicht in dem geistig verrotteten Rom, in den meisten Ländem ist ihnen die Morgmröthe eine» ueum Dasein» aufgegangen. Da» Hepp-Hepp-Geschrei ist verstummt uud austatt seiner der Rus No Popery gegenwärtig zum allgemeinen Losung»- «orte beider Hälften de» Globu» geworden. Mose», der einstige Prästdmt eurer Wander-Repodlik, hatte Recht, >rl» er kurz vor seiuem Hinscheidm eurer spätestm Rachkommeusibast Glück und reichen Segen verhieß. Die Weiffagung de» jüdischen Attingthauseu ist erst in unseren Tagm wunderbar eiogewc?«,. Ol wie erlabe ich mich an dieser augenscheinlichen Wiedervcrgelrunz für r:-.. tausendjährigen Leiden. Der Go» Israel« ist gerecht! Bei Schluß de» Blane» geht un» von Berlin ein „Aufruf für die »eftruffischrn Juden" zu, wir werden in nächster Woche denselben besprechen. Red. Briefkasten der «edaelion Herr S. link. Verl. Sie stndeii Aehaliche» in heut. Nummer. Ich kan» uicht» weiter thun, denn ich weiß nicht, wohin sich »enden. — W. Haa. k—g. Ich weide deu Siieramrbericht ergänzen, sobald wie möglich. De» Stoffe« ist p, »el. Ihr Abonnement reicht bi« 30. Juni. — HC. Hamburg. Wegen Raummangel verschoben. Nächsten» nachträglich.