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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-03-02 · 9 (2.3.1870) · p. Seite 78

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
9 (2.3.1870)
Date
1870-03-02
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 Außerdem find die Anhänger dieser Richtung 1» der Regel Laten, d. h. de» jüdischen Wissen« baar, oder Dilettanten, oder Eklektiker, sie haben kein bestimmte» religiöse» System, oder sie geben zu, daß ihr System nicht mchr ei» religiöses sei, nicht für Alle paffe. Au» beiderlei Gründe» find fie gmöthigt, sich an andere Parreie» der Linken anzusthließen, fall» fie Über» Haupt in der Gemeinde wirken wollen. E» kommt auch wohl vor, daß :ttute der bezeichueten Richtung mit der Rechten gehen, weil ße wiffen, daß ihre eigene Anficht nicht für Andere maßgebend sein kann, und fie e» nun für moralische Pflicht halt« die Interrffen der Majorität zu vertreten, oder auch wohl die der Minorität zu schützen. Zndeffen ist e» m großen Städtm auch wohl möglich, daß Anhänger der besprochen« Richtung zu einer besonder« Gemeinde zusammentretm, weil Zahl und Mittel dazu genügend sich sind«. Aber über die bloße Möglichkeit und dm Ver» such kann e» nicht hiuauSkommen. Denn bloße Negation — de» ChristmthmnS auf der ein« und de» jüdisch« Religion»- gesetze» auf der ander« Sette — kann keine Grundlage bildm; ttgmd ein positive» Elemmt zur «Äemeiudebildung ist aber nicht vorhandm. Freilich hat man gesagt: der MonotheiSmu» bildet ein solche» und zwar ein ausreichendes; aber wie viele bekenn« fich denn dort zu demselben MonotheiSmu»? Daß sie alle de» Polytheismus läugnm, ist richttg, aber sonst ist der MonotheiSmu» bei dem Eine:, Pantheismus, bei dem Aadem ThoiSmuS, DeiSmoS und wie die wiffeufchastlichm Bezeichnung« sonst lauten. Da ist doch die größte Judenschaft einer Stadt nicht groß genug, um eine Gmieiade (bald hättm wir gesagt: ein Minja») hierin Gleichdenkender unter dieser Klaffe zusammenzubringm. Wtt «oll« ferner nicht geltend mach«, daß es denn doch, ganz unjürifch, ja antijüdisch ist, alle» auf ein Dogma oder ein Dogma zu stell«, daß man fich also jedm beliebig« Ramm beileg« könne, nur nicht d« Ramm „jüdisch" — wir brauch« hierauf nicht einzngeh«. wir könnm hei der praktischen G«- stattung dir Dirqe steh« He®« «d voA» hier auch nur Ei»» hervorhebm, aber da» Eine wirb genüge». Eine Religion»- gemeinde ist nicht denkbar ohne Gottesdienst. Wie soll dieser nun zu Stande komm«? Für die „Eigmtlichen" der Partei ist Bet« etwa» Antiquitte», «in« Thorhett. Also wird man da» Gebet bei dem Gotte»dimste Nebensache. Fasvn, und auch dm Ramm „Gottesdienst" bloß hergebrachte Redm»art sein lass«. Aber ttgend welche Form kan» man nicht «tbehr«. Wenn man nun aber ein« Bortrag belehrmdm, moralisch«, erbaulich« (oder auch gegm dar alte Judmthum polemifirend«) Inhalt» halt« und dmselbm mit Gesang und anderm ästhetischen Zubehör umgebm lass« will,' wie kommt man dazu, die dem herkömmlich« Gottesdienst «tlehntm Form«, ein besondere» „gottesdienstliche»" Lrkal, dm ganz« „gotteSdimstlichm" Apparat zu wähl«? Wie kommt man z.B. dazu, eine Thorarvilr zu »ehmm und darau» gleichviel wie wmig Verse vorzulesm? Eine Thorarolle gehött »ach dm Anficht« der 8«te, die »ttr mein«, in ei» Musmm net« andern Anttquttätm. Wie kommt man dazu, jüdische Festtage z» feie«, die Ramm derselb«, die doch nickt» ai» Ramm sind» beizubehaltm? Man fragt doch unwillkürlich und mtt vollem Recht: «a» soll die Eomödte, die Maskerade, der — Schnstndel?! Laßt «ch Borttäge hast«, wann, wo» wie ihr wollt; wa» soll die Form?l Oder ttagt > ihr doch «rm Reminisceiyen und Gefühl« Rechnnng? Also Romantik! Eine romanttsch« Anhänglichkett an gewisse altjüdisch» synagogale Form«! Aber wenn sonst Jemand romanttsch schwärmt, z. B. für mtttelatterlich« Institution«, Geräthe, Waff« oder wenn «in Protestant an» Kuustenthnfia»««» für katholische» Kircheuwes« schwärmt, so spttcht «an wohl von eine« mit dergleich« getriebmm „EultuS", aber nicht von „Gottes- Feuilleton. Die jüngste (ob auch die letzte?) Kutbeschuldigung gegen die Anden. Rich autheunsch« Berichten dargestelll von vr. Rülf. (Forifeyong.) Er. „Alle» ganz gut und wahr, allein die rechte Antwort auf meine Frage scheint es doch nicht zu sein — und als der Herr vorhin von dem — na wie heißt er doch? — von dem Shakespeare gesproch« hat, wie der das Geschichtchm umdreht, .‘;a dachte ich, die Antwort wolle ganz wo anders hinaus." Ich. „Man spürt in Euch doch gleich dm Mann, deffm Verstand durch dm Pilpul gewürzt ist. In der That habt Ihr da» Richtige bereits errathen. Es war in der Vorzeit, als die Christ« noch nicht die Welt beherrscht«, da Hab« ihn« die all« heidnisch« Völker dieselbe Blutoeschuldigung angedichtet. Als die Christ« später groß und mächtig geword« warm, und all« Haß- und alle Verfolgung, welche fie früher erfahren, auf uns überttug«, da mußt« wir auch diese Beschuldigung mit in d« Kauf «hm«. „Da hat vielleicht einmal so eine MönchSspümase in einer alt« Scharteke daS Märchen aufgestöbert von der Blutbefchul» digung gegm die Christ« und, in seinem Judmhafle erfinderisch wie Shakespeare, gedacht: daS, dm Jud« augedichtet, muß beim Pöbel Furore mach« und die Beschuldigung, die dm Jud« bi» in die Neuzeit herein so viel zu schaff« gemacht hat» war fettig. — Aber eqählt mir doch auch etwa» von dieser Beschuldigung gegm Euch und Euere Gemeind«. Ich Hab« davon nur immer so im Allgemein« red« hör«, und daß Ihr noch bi» vor Kurzem vorweg« unter polizeilicher Aufsicht gestand«". Er. „Gerade deSweg« bin ich ja hierher und zu Euch gekommen. Jetzt, nachdem ich endlich vollkommm freigefprochm bin, habe ich alle» gesammelt, wa» auf diese Beschuldigung Bezug hat, habe e», so gut ich konnte, zusammengestellt und bringe «» Euch, damtt Ihr der Welt erzähl« könnt und sollt, weffm der Haß geg« unS hmte, in dieser aufgeklättm Zett, noch fähig ist." Und damit übergab er mtt einige, gerade nicht im glänzen» dm Hebräisch geschttebene Manuskripte, auS welch« daS Folgende mtnommm ist: Ganz nahe bei der Stadt Schawlan im Gouvememmt Kowno, im Kreise Schaul«, liegt ein dem sehr reich« und einflußreich« Gutsher« Sem et gehöriges Dorf; darin wohnt gleichfalls ein Höriger de» gmanntm Gutsher«, der Baner Galases, der ein dreijährige» Töchterchm Ramm» Dorothe hatte. E» war am 25. Januar de» Jahre» I86l. Schmuel Rabbinowitz, Rabvu. ~ ron Schawlan, hatte in Begleitung eines anderen Manne» eine Reife nach der etwa 6 Meilm «tfemt« Kreisstadt Rosoin antret« muff«. Morgen» gegm S Uhr war er von Hause fottgereist und hatte noch ein« Bttef de» Hoffräulein» Amelika an ein« ihrer Verwandt« in Rosoin zur Besorgung mttgenomm«. Da ereignete fich in seiner Ab» wesmheit folgender Vorfall: Zwei iSraelittsche HandelSlmte, Israel Bloch und Sundel Lipez, hattm Getteide nach der etwa fünf Meilm entfernten Kreitstadt Schaul« zu liefe« und «arm nach dm» ob« ge» nanntm Dorfe gekomm«, um zu diesem Zwecke btt d« Baum» Fuhr« zu mitthm, mußt« jedoch, da alle ihre de»fallfigm Bemühung« vergeben» roarm, «nverttchttter Sache ivieder zn» rückkehr». Al» fie fich auch anderwätt» vergeblich nach Fuhr« »mgethaa hall», kam« fie gegm Rachinittag zum zwettm Male nach dem Dorfe, um vttllttcht dasttbst doch noch da» Gewünschte i

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