Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 8 (23.2.1870)
- Date
- 1870-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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KL 8. -1870. 1. AHrgckng ~yr*sr~r Woche« n mm fftr die religiösen und soeialet Iuteresseu des Iudeuthuvs. Irschs nt jeden Mittwoch. Preis viertel jährlich 20 Silbergrrsche«. Anlerttvnvgesiißr für die dreispaltige ^etitzeile oder deren Raum iVt Sgr. Verantwortlicher KtbaAntr und Heraasgeber Rabbiner Dr. JU JkOreirfers in Stettin. Breslau, 23. Februar 1870. Ja beziehen durch alle fkachhaUdyt»«« «ch Poftanfialten. A»chr»t»»-A»«aß»« di «t Echleter'schen Buchhandlung ($. Sintsch) in Breslau. 9 Anhalt. Leitender Artikel: Di«' Parteien im heutige, liratlite Naieoroell« in Paris am 3. Febr. I87O. Besuch des» lkahetfruGen. Briefe au» Ostpreußen ober die west-russischen As .verli». veuthea VE. Hannover. Emde». Hamburg. Oesterreich: Ateruturbericht. Neueste Nechrlchte». Bnrnnzen-Liste. Inserat» ldeathum I. Sruilleto*: Beueralversammlung der ^.illuneo rvnpriuzea von Preußen in der Patriarcheugrust zu Hebron, sea. Wochenbericht. Berichte und Torrespoubeuzeu: Deutschland: Rnßlaud: Warschau. Schweden und Norwegen: EtvUhvlni. Air J>arteie> im hrntitze» Juüeuthum. i. Wir erlaube» unt dm Lest r Lara» z» erinuem, daß wir <i» Nr. 3) darzttleg« versucht habe», wori» eigentlich der Kern de« Streitet im hm^g« Judmchum besteh«. Nicht in dm Glaubenslehre«. nicht in den Einzelheit« der EulttiSftagen, nicht i» der Berschiereuheit des religiös« Lebens und Thun», sondem Wes« des Htzeites betriW dir Frage nach der Gültigkeit fffM üöerhkw voll« nunmehi, wie wir am Schklifse des erwähnt« Leitartikels in Aussicht grnommm habm, die Stellung der Partei« zu dieser Frage und in dem Streike über sie betracht«. Mach« wir uns jedoch zuvor klar, was wir hier unter Partei« zu versteh«, wonach wir sie zu sondem Hab«. „Go viel Köpfe, so viel Sirme," heißt es sonst, und unter dm Juden ist es ein Sprichwort, welches keineswegs erst auS der Rmzeit stammt: ,,«S hat ein Zeder sein« eigmm Schul» chan aruch", d. h. eS nimmt e» ein Jeder „nach feiner eigenen'Fayon' mit der Beobachtung der einen Partie der Gesetze streng, etwa» strmger, währmd er in einer andem Partie laxer, nachsichtiger gegm sich ist; e» hat ein Jeder seine Liebling»-Mizwoth, und wenn e» auch nur noch eine Mizwoh und diese eine „HumanttätSpflicht" wäre, und es hat wiederum in jedem Zeitalter nur sehr wmige AuSerwählte gegebm, die nicht auf da» eine oder andere Ge» oder Verbot „wmiger gen halt«" hätten. Wollt« wir also auf diese Unterschiede sehen, so müßt« wir so viel Partei« statuirm, als e» Juden giedt, oder wenn da» doch zu paradox klingt, so wird jedmfall» die Zahl dex Part,im übergroß uud verwirrend «erd« müssen. Aber wir könnm noch au» einem ander« Grunde die bloße Praxi», da» bloße Thun und Laffm» nicht zum Maßstab« nehmm. Wir seh« nämlich, daß.recht viele Juden der jetzig« Zeit siih ta ihrem Leb«, in ihrem Hause oder außerhalb deffelbm, in ihrem Geschäft oder in ihrem gesellige« Verkehr über g«g: Grupp« der biblisch« oder rabbtuisch« Verordnung« ht»)egsetzm. ohne sie deshalb theoretisch für unverbindlich zu erklär«, ohne mit dem Prinzip der „Tboru Mosche“ unib der Tradition zu brech«; sie erklär«: wir thu» die» und jmes, well wir nicht anders könnm, nicht gut ander» könnm, aber sie bestreit« nicht, daß es vo> Rechtsweg« nicht geschehm sollte; sie stell« in Aussicht, daß sie es nicht thuK würden. n» die Verhältuiffr ander» niirm, oder weun sie es «lumal cht mehr nöthig haben würde». Sie last« daher ihre Kinder dies« Gesetz« unterricht«, >nziehm sie, soweft es ihr« lSsr- Pituisse zulaff», tu deuselb«, lass« sie z. B. a« Sahdsch ' nicht schreib«, währmd fk selbst es thuu; fl« steh« daher auch in öffmttichm und Gemeindeangelegmheit« oft auf der „konsev- »ativm" oder,orthodox«" Seit.». Man hat da» eine „lbchiukmorlhodoxie" gmannt. Run ist es sehr leicht, dies ganze ßsterfalrm k ITT-imrir „ hung verkehrt zu nenn«, « ist M 'l ielM nWMplGsIWs I daß wir kein Wort darüber zu sagen brauchen; aber wir scheu« I un» nicht, einen Theil der Vorwürfe, die man von Rechts und j Links gegen Taufende solcher Juden schleudert, zurückzrweisen'). | Wir scheuen un» nicht, die Wahrheit, welch« einerseits auf i Thatsachm, andererseits auf dem Geiste de» Judmthum», dem j Geiste der höchsten und echtesten Toleranz, beruht, auSzufvreche», obgleich wir wohl wissen, daß wir Gegnem dainit ein „Schwert in die Hand geben"; wir behalt« auch in unseren Händm noch Schwert uud Schild, sie werdm un» nicht „tödtm". Dl ist Wahrheit, daß Diele, sehr Diele am Sabbath gern, sehr! gern ihr Geschäft geschloffen halten möchtm, wenn e» so leicht an ginge; sie sehnen sich nach der Sabbathruhe de» Elternhauses mit manchem herb« Seufzer, mancher still« Thräne — wer zieht dem Juden ein Recht, solche Männer für LüguG und Heuchler zu eiklär«?! Diele sind, die zu Hause wohl streng auf rmco halt«, außer dem Hause und auf Reis« . aber nicht; da sollte eS nun jüdisch sein, nach der Echthett der üeberzcagunz zu forsch«, sich zum Richter darüber auf;uwe>*m, i ob diese Leute im Hause oder außer dem Hause nach ihrer! eigentlichen Ueberzeuzung handeln?! Gewiß, es ist besser, wmn der Mensch ganz in Uebereinstimmung mit sich elbst lebt! und handelt. DaS ist so gewiß, oaß es wieder über' lüfftf ist,! darüber zu reden — ein Leitartikel ist keine Predigt —, aber eS ist nicht laxe Moral, eS ist nicht unsere Ansicht» welch: die Betreff«!)« in Schutz nimmt, toi Verdammend« in seine Schrank« verweist, sondem es ist die echte Toleranz de», alten, ewigen JudenthumS. DaS Judmthum fprich>t: »Fichte dein« Nächst« nicht, bis du an feine Stelle kommst". 8» ist *) 3ha da» ist widerwärtig, wenn dieJncvnseqaeaz s» »e2 geht, daß solch« Persmeo zuweiln» auch zelotisch auflreten; es ist nicht za eupchuldigen, wgleich xsychvlvgisch ganz leicht zu erklären.