Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 9. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 9.-1903. Jüdisches Jahrg.xxvil■ Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judentum und* Juden betreffenden litterarischon Er scheinungen auf dem Qebiete der Philosophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie, Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. Rahnier in Magdeburg. Verlag und Expedition: Arthur Scholem, Berlin C., Rossstr. 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an di» Redaktion, Inserate u. Beilagen an die Exp«״• dition franco einzusenden. Rahner*• ״Jfldlsches Lltteratnr - Blatt“ erscheint mORfttlleh zwei Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Arthur Scholem, Berlin, Rossstr. 3) vierteljährlich eine Mark. — Die Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״Israelltliohea Wooheniohrift*4. welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 3.— M. kostet, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ als Qratls-Beilage. -ל- Inserat• werden mit 20 Pfg. die viergespaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruck einzelner Artikel nur mit der Angabe! ״Aue Rahner'( JQd. Litteratur-Blatt1* geetattet. Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst. Ein Dichtgehaltener Vortrag von H. L. Es ist kaum glaublich und dennoch wahr, dass viele christliche Theologen bis in die jüngste Zeit hinein keine Ahnung davon hatten oder haben wollten, dass der im Neuen Testament als Haupt- und Grundlehre des Christentums vorkommende Satz: ״Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“, wörtlich der Lehre Mose’s entnommen sei. Nachdem man aber den Beweis immer und immer wieder mit dem Pentateuch in der Hand ihnen ad oculos demonstrierte und auf das Gebot 3. B. M. Kap. 19, V. 18 hinwies, hat man sich hinter der Behauptung zu verschanzen gesucht, dass Mose die Nächstenhebe nur gegen Volksgenossen, d. h. nur gegen Israeliten, Jesus aber gegen alle Menschen geboten, dass ״Rea“ eben nichts anderes als ״Volksgenosse“ bedeute. Nun könnte man sich im Notfälle auch daran genüge sein lassen, zumal die Thora nicht einmal, sondern wiederholt die höchste Liebe auch gegen den גר, den Fremdling (also den Nichtisraeliten) gebietet, ja mit ganz gleichlautenden Worten (3. B. M. Kap. 19, V. 34): ״Du sollst ihn — den Fremdling — lieben wie Dich selbst!“ Die Behauptung aber, dass רע nur ״der Volksgenösse“ bedeute, beruht tatsächlich auf Unkenntnis der hebräischen Sprache, denn so oft das Wort Rea in der Thora vorkommt, hat es stets nur die Bedeutung ״Nächster“; zur Bezeichnung des ״Volksgenossen“ bedient sie sich eines ganz anderen Wortes. Darum hat man auch in der jüdischen Gelehrtenweit zu dieser Behauptung nicht geschwiegen und in eingehenden wissenschaftlichen Abhandlungen — für den Laien allerdings oft zu gelehrt — dieselbe gründlich widerlegt. Ich beabsichtige das in den Broschüren pro und contra hierüber Gesagte in leichtfasslicher Weise auch dem Laien verständlich hier mitzuteilen. I. Was will die Thora unter dem Ausspruch: ואהבת לרעך כמוך verstanden wissen? ״Liebe Deinen ״Nächsten“ ganz allgemein oder nur: ״Liebe Deinen Volksgenossen.“ Das ist der Kernpunkt der so viel ventilierten Frage. Um zur Lösung derselben zu gelangen, müssen wir über Folgendes uns klar zu werden suchen: 1. Woher stammt das Wort Rea und was bedeutet dasselbe im allgemeinen? 2. Was verstand man zur Zeit Mose’s darunter? 3. Mit welchem Ausdruck bezeichnete man zur Zeit Mose’s den ״Volksgenossen“? Das Wort Rea — so oft es auch in der Thora und in den anderen Büchern der heiligen Schrift vorkommt — ist eines der hebräischen Wörter, dessen Abstammung nicht leicht nachweislich, weil der Stamm desselben als Zeitwort fast gar nicht in der heiligen Schrift zu finden ist• Es kann von רעה oder von רעע, vielleicht aber auch von ירע abstammen; diese drei Wurzeln haben aber als Zeit- Wörter eine sehr vielseitige und vom Hauptwort ganz verschiedene Bedeutung. In solchen Fällen, in denen es, wie hier, an stammverwandten Wörtern fehlt, wendet man zur Erklärung eines Wortes in den nicht mehr lebenden Sprachen eine andere Methode an, indem man nach sprachverwandten Wörtern Umschau hält. Hier ist uns der Wortschätz der hebräischen Sprache weit günstiger. Man denke an das Wort ״ רעיויGedanke“ in Koheleth 2,22, ferner Ps. 139,2 ״Du prüfest meine Gedanken von ferne“, ebenso V. 17 ״Wie kostbar sind mir die Gedanken über Dich, 0 Gott!“ — Hiernach würde Rea also ״ein Gedanken habendes, denkendes Wesen“ bezeichnen und die Stelle in Lev. 19,18 bedeuten: ״Liebe jedes denkende Wesen“ also ״Deinen Nächsten im allgemeinsten Sinne, wie Dich selbst.“ II. Doch hiermit wäre die Hauptfrage nur halb gelöst. Nicht darauf kommt es an — so wenden unsere Gegner ein — was sprachlich das Wort Rea bedeutet, sondern, wen man zur Zeit Moses darunter verstand: den ״Nebenmenschen“ oder ״Volksgenossen“? — Dieser Einwurf ist nicht unberechtigt. Die Bedeutung mancher Wörter in allen Sprachen — auch in der deutschen — ist so wandelbar wie die Zeit. Als Beispiel erinnere ich an die V