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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 7. (1903) · p. Seite 26

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 7. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 II. Wir fügen hieran einen zweiten Brief der hochverehrten Frau, den wir nach Uebersendung unserer Besprechung des inzwischen erschienenen ersten Teiles der ״Ethik“ erhielten: Meran, 25. Januar 1899. Lieber Herr Doktor! Es ist mir Bedürfnis, Ihnen zu sagen, welche herzliche Freude uns Ihre Worte über die ״Ethik* bereitet haben. Ich pflege meinem Mann einige der eingegangenen Besprechungen vorzulesen, und wir haben schon manche grosse und freudige Genugthuung erfahren, — aber bei Ihren so ungemein bedeutsamen und innigen Worten, — denen Ihr hoffnungsvolles ״aber es kommt noch nicht zu spät“ - und Ihr Hinweis auf die studierende Jugend sich anschliesst, — kamen mir die Thränen in die Augen! — Ich danke Ihnen bewegten Herzens und drücke Ihnen warm und innig die Hand. Mein Mann lässt Ihnen für die freundliche Sendung Ihrer Abhandlung bestens danken und grüsst Sie mit mir auf das Herzlichste. Ich hoffe von ganzer Seele, dass es Ihnen gut geht. — Eine gelegentliche Nachricht würde mich sehr erfreuen• Ihre Nahida Ruth Lazarus. Das Stammbuch Simon Hochheimers. Wer war Simon Hochheimer? Die jüdischen Litteraturgeschichtswerke kennen ihn nicht. Nur in der 2. Auflage von Kayserlings ״Moses Mendelssohn“ (S. 516) findet sich die folgende Notiz über ihn: ״Simon Höchheimer, ein junger Arzt und Landsmann des Doktor Markus Bloch, der während seines Aufenthalts in Berlin mit Mendelssohn, dessen Kindern und Freunden freundschaftlich verkehrte und dem der Weise den 7. August 1786 das Bibelwort: ״Liebet Wahrheit und Frieden!“ ins Stammbuch schrieb, gab den Empfindungen seines Herzens ״Ueber Moses Mendelssohns Tod“ (Wien u. Leipzig 1786) in einer hebräischen und ins deutsche übersetzten Elegie zusammen mit einer Charakteristik und Würdigung der Verdienste des vielbetrauerten Mannes Ausdruck.“ Dieses Stammbuch lag, wie wir aus einem im Jahre 1880 uns übersandten Ausschnitt aus einer österreichischen (oder ungarischen) Zeitung ersehen, Herrn Alexander Landesberg vor, der darüber im Feuilleton der gen. Zeitung wie folgt ausführlich berichtet: Dem Zufall verdanke ich die Bekanntschaft eines gebildeten Juden des vorigen Jahrhunderts, der sich zutraulich den GeiBtes-Heroen seiner Zeit näherte und in allen Schichten der besseren Gesellschaft aufmunter Ades Entgegenkommen fand. Ein ״Stammbuch“ aus vergilbten Blättern, mit noch kräftigem Goldschnitt, in safrangelbem Lederband liegt Vor mir. Auf dem vorderen Einbanddeckel befinden sich in vergoldetem Tiefdruck die Buchstaben ״S. H.“ und der Rücken des Büchleins trägt die ebenfalls vergoldete Inschrift: ״Denkmahl guther Freunde.“ Man entnimmt dem Stammbuche, dass dessen Inhaber S. Höchheimer geheissen und Oesterreich seine Heimat genannt hat. Weiteres über ihn wird aus dem Buche nicht klar und habe ich — obzwar auch sonst nach Quellen forschend — nicht erfahren können. Doch das thut nichts zur Sache. Das Stammbuch erfüllt auch so seinen Zweck, indem es uns Beweise erbringt, dass wir trotz aller modernen Institutionen im Punkte der Glaubensduldung seit einem Jahrhundert eher Rückschritte als Fortschritte gemacht haben. Wenn wir auch nicht wissen, an welchem Tage Herr S. Höchheimer geboren, wann er Arzt geworden ist, wie lange er als solcher gewirkt hat, was ihn bewogen haben mochte, in hervorragenden Städten Oesterreichs und Deutschlands, zu kurzer oder längerer Frist, Aufenthalt zu nehmen, wie er dazu gekommen, in diesen Städten mit Schöngeistern aller Art, mit Dichtern uud Gelehrten Verkehr zu suchen, an welchem Tage er endlich dahingezogen, von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt י— wenn wir das alles nicht wissen, muss uns der mannigfaltige Inhalt des Stammbuches dafür entschädigen. Wir finden darin Gedenkblätter von geist- und gemütvollen Frauen, von lebenslustigen Aerzten, von ernsten Gelehrten, von tiefen Denkern, aber auch von seichten Wortkrämern. Es giebt eben keine so gute Gesellschaft, dass sie nicht einigermassen auch ״gemischt“ wäre. Auch dieses Büchlein ist ein bezeichnendes Kunterbunt, ein Sammelkasten von fein durchdachten Aussprüchen und oberflächlichem Wortgefüge. Die Blätter sind nicht nach Tages- und Jahreszahl geordnet, doch umfassen sie den Zeitraum zwischen dem 11. August 1781 und dem 24. Juni 1793. Am 11. August genannten Jahres, als Herr Höchheimer in Berlin von seinen Freunden und Gönnern Worte der Erinnerung zu sammeln begönnen, schrieb ihm ein Ober-Konsistorialrat, namens Dr. Anton Friedrich Büschirz (oder Buschitz; die Unterschrift lässt eben an Deutlichkeit zu wünschen übrig): ״Gott über Alles, und andere Menschen wie sich zu lieben, das ist die Summe der Religion.“ Ein guter Anfang, und man muss zugeben, für einen ״Ober-Konsistorialrat“ freisinnig genug. Die Ober-Konsistorialräte in Berlin von 1880 würden es sich gut bedenken, bevor sie einem Juden einen solchen Satz ins Stammbuch schreiben würden. Beschlossen wird die reiche Zahl der Gedenkblätter durch einen Wiener Glaubensgenossen des Eigentümers, durch den jüdischen Bankier Benedikt Arnstein, der sich dem Besitzer des Buches gegenüber sehr bezeichnend äusserte: ״Ich schätze den Mann, der nicht nur der Hand, sondern auch der Seele den Puls greifen kann.“ Daraus und aus sonstigen Andeutungen auch noch anderer Inschriften dieses Buches wird es klar, welchen Stand der Besitzer hatte. Dass er Höchheimer geheissen, besagt uns folgende Widmung, die also lautet:

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