Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 6. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 sehr gut erhaltener Bas-Reliefs: Ein König mit zahlreichem Gefolge, — zu seinen Füssen liegt gnadeflehend ein Gefangener — Vezire und Eunuchen stellen dem Herrscher fremde Männer vor, die verschiedene Tiere führen und Tribut-Gegenstände oder Geschenke heranschleppen. Unter den vorgeführten Tieren erkennt man Elefanten, Flusspferde, Dromedare, wilde Büffel, Löwen, Tiger, Hirsche und verschiedene Arten von Affen. Die Geschenke bestehen in Elfenbein, Teppichen, kostbaren Gefässen, Metallstangen Bündeln wertvoller Hölzer und Früchten. Oben unten und zwischen den Bilderfeldern sind Inschriften angebracht, die so gut und scharf erhalten sind, als ob sie gleichfalls erst kürzlich in den Basalt gemeisselt worden wären. Der Obelisk wurde von König Temanbar II. errichtet, der uns daran seine Leistungen ungefähr in folgender Weise kund und zu wissen thut: ״Ich eroberte die Stadt: ich versammelte meine Heerführer; ich erbaute Städte, Tempel und Paläste; ich nahm elf grosse Städte ein, 20 500 ihrer Krieger erschlug ich in der Schlacht oder führte sie in die Gefangenschaft; ihre Anführer und Häuptlinge schlug ich in Ketten. Ahuni mit seinen Göttern, Oberpriestern, Pferden, Söhnen und Töchtern führte ich raitfort in mein Land Assyrien. Sut-bel-haret warf ich gefesselt in den Kerker; ich verdammte ihn und seine Kriegs-Obersten zur Sklaverei. Ich nahm die Stadt Amia ein, die Hauptstadt des Landes, und gab hundert der mit ihr verbündeten Städte der Plünderung preis.. Ich erschlug die Bösen; ich nahm deren Schätze hinweg u. s. w.“ Ein Stil, wie er im orientalischen Despotismus auch späterer Zeiten immer wieder vorzukommen pflegt. Der Vers des Propheten Zephania (II, 15): ״Das ist die freudenreiche Stadt, die in Sicherheit sorglos dahinlebt und in ihrem Herren spricht: Ich bin, und es ist keine Ebenbürtige neben miru beleuchtet gleichfalls diesen Dünkel und die Grossmäuligkeit der assyrischen Könige, wie sie in vorstehender Inschrift und in noch vielen anderen ähnlichen zum Ausdruck gelangt. An allen Skulpturen Ninives ist der Krieg bei Weitem das vorherrschende Genre: Hier überschreitet der König mit seinen Heerscharen einen Fluss; die Krieger reiten teils auf schwimmenden Pferden, teils auf aufgeblasenen Bockschläuchen, wie es die eingeborene Bevölkerung auch heute noch thut. Dort wird eine feindliche Stadt belagert mit Mauerbrecher, Widder und Katapult — Feinde fliehen längs der Ufer eines Flusses oder See’s. Bekränzte Kriegswagenlenker kehren im Triumph nachderheimatlichen Stadt zurück. Die assyrische Heiterei erscheint zumeist mit Schwert und Speer ausgerüstet. So schildert sie auch der Prophet Nah um (111, 3): ״Der Reitersmann, der zugleich das scharfe Schwert und den glänzenden Speer emporliält.“ Auf mehreren Bas-Reliefs zu Tel-Kojundjik sind Burgen abgebildet, deren Mauern mit Schilden behängen sind. So heisst es auch bei Ezechiel (Kap. 37,11): ״Die Männer von Arvad mit deinem Herrn waren um deine Wälle, und die Gammadim waren in deinen Türmen; sie hingen ihre Schilde rings um deine Mauern.“ Die jüdischen Propheten schildern uns den assyrischen Volkscharakter durchweg als wild, grausam und blutdürstig, und die übriggebliebenen Denkmale von Ninive bestätigen vollinhaltlich diese Angaben. Nahum vergleicht (H, 11—13 und HI, 1.) das Geschlecht der Assyrer mit einem wütenden Löwen, und ihre Stadt nennt er einen Löwenzwinger. Tod unter grausamen Qualen oder harte Sklaverei war das Schicksal der Kriegsgefangenen. Wir sehen auf zahlreichen Steinplatten abgebildet, wie assyrische Krieger eben daran sind, solche Unglücklichen lebend einzumauern, wie andere die Leiber schon Gemordeter noch verstümmeln und abgeschnittene Köpfe auf Speeren herumtragen. Daneben registrieren Eunuchen gewissenhaft die Zahl der zu ihren Füssen niedergelegten Köpfe erschlagener Feinde. All diese Denkmale, Skulpturen und Inschriften einer späteren Epoche geben uns nur Kunde über Ninives Blütezeit und Verfall. Ursprung jedoch und allmälige Entwickelung der Staat zu politischer Grösse und länderbeherrschender Weltmacht bleiben nach wie vor in tiefes Dunkel längst versunkener Urzeit gehüllt. Nichts weiter als sagenhaft ist die Ausführung der ethnographischen Tafel im Buche Genesis: ״Und Kus zeugte Nimrod, der begann mächtig zu werden auf der Erde.“ ״Er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn; daher ist es gekommen, dass inan sagt: er ist ein Nimrod, der gewaltige Jäger vor dem Herrn.־ ״Sein Königreich ging aus von Babel und Erek und Akad und Kalneh.“ ״Aus diesem Lande in Assur zog Nimrod fort und gründete Ninive, Rehobot und Kalah,“ ״und Resen, das war eine grosse Stadt zwischen Ninive und Kalah.“ Demnach mag Nimrod ein hervorragender, kühner und unternehmungslustiger Häuptling aus dem Stamme Ham gewesen sein, der einen Teil des von den Semiten innegehabten Landes seiner Herrschaft unterworfen, die er dann nach Gründung und Befestigung Ninives und der anderen ersten Städte Assyriens allmählich auf Kosten des Besitz- Standes der übrigen Abkömmlinge Noahs ausdehnte. Der Name Nimrod, der so viel wie ״Rebell“ bedeutet, dürfte ihm von den Autoren des Buches der Genesis wohl deshalb beigelegt worden sein, weil er die nach ihrem Dafürhalten von Gott befohlene Verteilung des Landes unter die Nachkommen Noahs nicht respektierte. Dass irgend ein hervorragender Kämpe der assyrischen Urzeit, kühn, gewaltig und eroberungssüchtig, dessen Ruhm ihn selber lange überlebte, oder auch mehrere solcher zusammen, die entweder Zeitgenossen waren oder kurz nacheinander lebten, der Entstehung der fabelhaften Heldengestalt eines Nimrod zu Grunde lagen, wie auch jener der Semiramis und noch anderer, ist sehr wahrscheinlich. Dass man ihn dann auch noch ״einen gewaltigen Jäger vor dem Herrn“ sein liess, ist ganz selbstverständlich. Damals jagte man noch nicht in Tiergärten mit Prellnetzen und Hinterlader-Gewehren, die Jagd, wenn auch zum Vergnügen betrieben, war doch stets ein harter Kampf auf Leben und Tod, Brust an Brust mit reissenden, wilden Tieren, der sowohl physische Kraft und Gewandtheit, wie kühlen,