Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 5. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 5.-1903. Jüdisches Jahrg. XXVII. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judentum und Juden betreffenden litterarischen Er* *cheinungen auf dem Gebiete der Philo* sophie, Geschichte, Ethnographie, Theo* logie. Orientalia, Exegese. Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. Rah nt er in Magdeburg. Verlag und Expedition: Arthur Scholen!, Berlin C.t Rossstr. 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redaktion. Inserate u. Beilagen au die Expedition franco einzusenden. Rahmtr's ״ittdlicliei LUteratar * Blatt1‘ erscheint monatlich zwei Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Arthur Scholom. Berlin. Rossstr. 3) vierteljährlich eine Mark. — Die Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״liraelttlschaa WoiheMOlrlft״. welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 3.» M. kostet, erhalten das jüdische Litteratur-Blatt*4 als Qratls-Boilage. — Inserat• werden mit 20 p!1. die viergespaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Akdruok einzelner Artikel nur mit der Angnkei ״Aue Rehmer’s Jüd. Litteratur-Blatt** gestattet. Ninive’s Wiedererweckung aus dem Todesschlaf. 11. Dass die Entstehung einer solchen Weltstadt ihre örtlichen Ursachen hat, versteht sich von selbst. Diejenigen Ninive’s sind schwer zu erkennen, wenn man den heutigen trostlosen Zustand Mesopotamiens betrachtet, aber nicht, wenn man bedenkt, welch hohe Kultur hier vor Jahrtausenden ihren Sitz hatte und wie die Fruchtbarkeit des Landes eine so ganz andere war als heute. Heute ist der grösste Teil des Zweistromlandes Wüste, die hin und wieder von etwas Steppe oder einer Oasenreihe an dem tiefliegenden Bett eines nur periodisch wasserführenden Flusses unterbrochen ist. Die Euphrat- und Tigrisbetten liegen tief zwischen steinigen Ufern. Erst in Mittelmesopotamien (bei Bagdad) ändert sich das, dort ist das Land so flach, dass zeitweilig die Wasser des einen Stromes nach dem Bett der anderen hinüberfliessen und das Land befruchten. Untermesopotamien dagegen, das einst so ergiebige Chaldäa, ist heute durch Versumpfung der Bestellung entzogen. Vor fünf Jahrtausenden und noch früher müssen die Landesbewohner das berühmte Kanalnetz angelegt haben, von dem in Mittelmesopotamien noch heute manche Ueberbleibsel vorhanden und sogar in Betrieb sind und das dem Lande jene überquellende Fruchtbarkeit gab, von der Herodot berichtet. Unter den Khalifen war das heute so arme Mesopotamien noch immer die reichste und weitaus steuerkräftigste Provinz, obgleich die arabische Herrschaft, wie überall, die Landeskultur verfallen liess. Die mongolische hat ihr dann den Gnadenstoss gegeben. Die noch vorhandenen Reste der Urbevölkerung sind ausgemordet oder verjagt, die Kanäle sind verfallen und vom Wüstenstaub verschüttet. Das Land wenig nordwärts von Bagdad bis zum armenischen Gebirge liegt brach und verdorrt während die Wasser der beiden grossen Ströme — der Euphrat ist fast doppelt so lang wie der Rhein — ungenutzt dahinfliesst. Ninive lag an der Ostseite des. Tigris, wenig unterhalb des Austrittes dieses Stromes aus dem armenischen Gebirge. Hier war der grosse Knotenpunkt der Karawanenstrassen im Norden des Zweistromlandes, wie er bei Babylon im Süden war, hier traf er auch die Tigrisschifl'ahrt, allerdings nur eine stromabwärts gerichtete Schiffahrt auf Flössen, die aus luftgefüllten Hammelfellen heute genau so zusammengesetzt sind, wie sie schon Herodot beschreibt und wie sie Moltke auf einer Tigrisfahrt von Diarbekr nach Mossul, der Ninive gegenüberliegenden Stadt, benutzte. In Babylon dagegen kamen in alter Zeit die Seeschiffe an, von hier ging ln alten Zeiten eine blühende Stromschiffahrt den Euphrat hinauf; noch Alexander der Grosse legte bei Babylon einen grossen Seehafen an. In Ninive- Mossul treffen von Osten her zwei Karawanenstrassen aus dem westlichen Persien, das durch ein steiles Gebirge von Mesopotamien geschieden ist, mit zwei anderen Strassen zusammen, von denen die eine über Diarbekr und Charput nach dem Schwarzen Meer und Konstantinopel, die andere westwärts über die alten Städte Nisibis und Urfa nach der phönizisehen Küste und Antioehia geht. Noch heute geht ein grosser Teil der europäischen Waaren nach dem nordwestlichen Persien über den nordsyrischen Hafen Alexandrette und Mossul seiner Bestimmung zu. Die gartenartige Bebauung, die sich einst auf grosse Teile Assyriens erstreckt haben muss, zeichnet noch heute die unmittelbare Umgebung Ninive’s aus. Bäume giebt es freilich nicht, und die ganze Be- Stellung des Landes ist an die feuchte Jahreszeit, die Ueberschwemmung geknüpft, mit der der Tigris die Niederung zwischen Mossul und den Hügeln überzieht, auf denen Ninive selbst liegt. Wenn die alles verdorrende Sonnenglut wiederkommt, so ist die Ernte, hauptsächlich Getreide, aber auch Reis, Baumwolle und einige andere Früchte, heimgebracht und alle Felder liegen versengt und vegetationslos da. Ob hier in alten Zeiten eine feste Brücke oder nur eine Schiffbrücke vorhanden war, ist nicht bekannt. Dass der Strom zu assyrischen Zeiten überbrückt gewesen ist, ist sicher und selbstverständlich,