Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 4. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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16 4. Wenn der Gerettete Vermögen hat, so muss er seinem Retter die Auslagen erstatten. 5. Eine unsittliche Handlung zu begehen, um ein Menschenleben zu retten, ist Niemand verpflichtet. (Fortsetzung folgt.) Aus Vereinen. Ueber die volkswirtschaftliche Stellung der Juden in der deutschen Vergangenheit sprach Herr Archivar Dr. Liebe iin ״Magdeburger Geschichtsverein“. Wir entnehmen dem Vortrage folgende interessante Notizen: Aus der Geschichte der Juden sind int Allgemeinen nur einzelne hervorragende Ereignisse bekannt, namentlich die Verfolgungen, für welche nicht allein religiöse Intoleranz, sondern auch andere Ursachen schuldig sind. Die Stellung der Juden ist keineswegs immer eine gedrückte gewesen, sondern sie hat sich erst nach und nach verschlechtert. Die wirtschaftliche Bedeutung der Juden beruht auf ihrem internationalen Charakter und in der Ueberlegenheit im Handel. Da der Handel bei den Naturvölkern zuerst immer von Fremden betrieben wird, so wurden auch bei den Deutschen die Juden als notwendig angesehen und genossen den Schutz der Gesetze, wie alle Anderen. Jude und Kaufmann waren ursprünglich gleichbedeutende Begrilfe. Sie handelten hauptsächlich mit orientalischen Waren und mit Sklaven, die sie wieder dem Orient übermittelten. Dies waren ihre Monopole. Iline Aenderung trat ein mit der Entwicklung der Städte, und damit tritt ein Gegensatz der christlichen Knufloute gegen die Juden hervor (12. Jahrhundert). Auch die Veränderung im Wirtschaftsleben, der Uebergang von der Naturalzur Geldwirtschaft wirkte auf die Stellung der Juden ein. Diese wenden sich nun der letzteren zu und werden Bankiers und kommen damit zum Wucher-Vorwurf; trotzdem ist ihre Stellung immer noch eine leidliche. Um 1300 wird der Gegensatz immor schärfer, der sich dann zur Zeit des schwarzen Todes zu blutigen Verfolgungen steigerte. Der Grund hierzu ist nicht in dem grossen Sterben, sondern vielmehr in den Schulden zu suchen, die sohr viele Christen bei den Juden hatten. Der gesetzlich festgesetzte Zinsfuss war damals 80—40 pCt. — Der Vortragende gab dann eine genauere Darstellung von den wirtschaftlichen Verhältnissen im Krzstift Trier zur Zeit des Erzbischofs Balduin, der einen Juden zum Finanzminister hatte. Die Juden mussten das Land mit Erlaubnis des Landesfürsten, der sich ebenfalls am Haube bereicherte, ausnutzen. Die Erbitterung gegen die Juden war daher eine sehr grosse. Wie im Trierschen lagen die Verhältnisse in den meisten anderen Ländern. Die Verfolgungen des 14. Jahrhunderts waren doch nicht nachhaltig, denn die .luden kamen bald wieder und gelangten auch zu Wohlstand. Viel wirksanier waren die langsamen Austreibungen im 15. Jahrhundert, die durch die Lamleslürsten erfolgten, in Trier z. B. 1418, in Erfurt 1458, in Magdeburg erst 1493. Mit dem 15. Jahrhundert bemäehiigten sich die Deutschen auch dos Bankgeschäftes (Fugger, Welser), und nun verschwinden die Juden für längere Zeit. Ihr!“ Zahl war an sich nicht gross, und nun wurden sie aus don Städten auf das Land gedrängt, sie treten in die Zahl der Hechtlosen und sie wurden Hausierer. Jetüt ändert sicli auch ihr Charakter, und im 17. und 18. Jahrhundert sind sie Vagabunden. Damit nimmt der Siaat nun auch eine andere Stellung zu ihnen ein und beschützt sie nicht mehr. Sie haben nur noch das Geleit, welches gewöhnlich auf ein Jahr und für eine bestimmte Anzahl gewährt wird. Ihre Stellung hobt sich erst wieder durch die mercantilen Bestrebungen des Staates, der sie zu verwenden wusste. Im Verein Für jüdische Geschichte und Literatur in Magdeburg hielt jüngst Herr l)r. Leiuidürfer aus Hamburg einen Vortrag über ״׳Sokrates Philosophie und Salomos Weisheit.“ Der Redner gab zunächst einen kurzen Lebensabriss des griecliischen Philosophen, der aus dem niederen Volke hervorgegangen, arm und bedürfnislos bis zum Tode geblieben sei, und verglich damit das Leben des als Königssohn geborenen und stets von der Fülle verschwenderischen Reichtums und Glanzes umgebenen jüdischen Philosophen auf dem Throne. Wie verschieden ihre Lebensstellung, ihre Geschicke und ihr Ende gewesen, so komme ihnen beiden gemeinsam der Ruhm zu, dass sie als die weisesten Menschen ihrer Zeit anerkannt worden seien. Ein Weiser im Wandel und Handel das ganze Leben hindurch sei jedoch nur Sokrates geblieben, der als Märtyrer der Wahrheit und Tugend den Tod erlitt, während der weise König Salomo, namentlich gegen Ende seiner Regierung, sehr unweise gebandelt, durch seine Thorheiten und Sünden sich und sein Land ins Unglück gestürzt habe. In der nachfolgenden Besprechung komme übrigens Salomo lediglich in der Eigenschaft des Weisheitslehrers in Betracht. Die Lehren beider Männer seien uns nur unvollkommen bekannt; Sokrates habe überhaupt keine Schriften hinterlassen; was wir über seine Lehren wüssten, sei in den Werken seiner grossen Schüler, der Philosophen Plato und Aristoteles, niedergelegt. Auch Salomo habe keine unzweifelhaft von ihm selbst herrührenden Schriften hinterlassen; die neuere Bibelkritik habe festgestellt, dass die drei seinen Namen tragenden Bücher der Bibel, die Sprüche Salomonis, das hohe Lied und der Prediger Salomonis nicht von ihm selbst, sondern lange nach seinem Tode von ungenannten Schriftstellern verfasst worden sind. — Vergleiche man die uns indirekt in den angegebenen Quollenwerken (?1 überlieferten Weisheitslehren von Sokrates und Salomo mit einander, so ergebe sich zunächst, dass weder der eine noch der andere Weise ein fertiges System der Philosophie geschaffen, dass wielmehr Beide sich darauf beschränkt hätten, aus der Summe ihrer Erfahrungen und Beobachtungen des Menschen-'und Naturlebens allgemeine Schlüsse und Grundsätze zu bilden, woraus sie die R-geln und Gebote namentlich für das sittliche Verhalten der Menschen herleiteten. Beide verfolgten also den gleichen Weg zur Erkenntnis, nämlich den Weg der Induktion oder des Verfahrens von der Betrachtung des besonderen zum allgemeinen aufzusteigen und beide erstrebten das gleiche Ziel — die ethische Erziehung des Menschen. Nunmehr zur näheren Betrachtung der einzelnen Hauptlehren übergehend zitiert der Redner eine Reihe der Kernsprüche von Sokrates und Salomo über Erziehung und Unterricht, über Freundschaft, Liebe, Ehe und Familie, über Wert der Arbeit, über die Pflichten gegen Mitmenschen und Gott. Es wird gezeigt, inwieweit die Anschauungen der beiden Weisen über diese für den denkenden Menschen hoch wichtigen Fragen sich mit einander decken oder abweichon. Unter den wesentlichen Verschiedenheiten wird namentlich hervorgehoben, dass die Auffassung des jüdischen Weisen von dem Berufe und dem Werte des Weibes, wie sie in dem bekannten herrlichen Lobliede auf die brave Hausfrau im 31. Kapitel der Sprüche Salomonis zum Ausdruck kommt, eine viel würdigere und höhere ist, als sie in den bezüglichen Ausspiüchen von Sokrates zu Tage tritt. Ganz besonders charakteristisch für den jüdischen Wei-heitslehrer sei abor der stete Hinweis auf Gott, den allweisen und allmächtigen Schöpfer und Regierer der Welt; gleich an der Spitze des Spruchbuches steht der Satz: ״Gottesfurcht ist der Erkenntnis Anfang.“ Diese kurzen Andeutungen mögen geuügen. Notiz. Die in Nr. 1 (S. 2a) von Brugsch erwähnte Erzählung von den Aepfel schälenden egyptischen Frauen, die ob der Schönheit Joseph’s sich die Finger blutig schnitten, lindet sich auch im Tanchuma (ed. Stettin p. 12B, ed. Wien p. 45), nur statt der Aepfel sind in der jüd. Quelle sogen. ״Paradiesäpfel“ (Ethrogim) genannt. — Auch im Sefer hajaschar llndpt sich diese Erzählung, doch weist der Name זליכה (Sule'ika) auf eine arabische Quelle. Inhalt der Nummer 4. Wissenschaftliche Aufsätze: Ninives Wiedererweckung aus dem Todesscblaf. — Meine erste Preisarbeit. Von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. (Fortsetzung.) — Aus Vereinen. — Notiz. Verantwortl. Redakteur: Rabbiner Dr M. Rahm er, Magdeburg. Druck von Arthur Scliolem, Berlin.