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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 2. (1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 2. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 noch der altegyp tische Volksstamm bei seiner Ein- Wanderung von Norden her genauere Kenntnis von den eigentlichen Quellen des mächtigen Stromes gewonnen hatte. Die beiden Quelllöcher bilden zwei Hauptstrudel der Katarakte, welche bereits Herodot unter dem Namen Krophi und Mophi kennt. Ein widderköpfig gestalteter Gott, dessen egyptischer Name Chnum, von den Griechen bald durch Chnubis, Chnuphis, Knuphis, bald auch Kneph wiedergegeben, soviel als der ,Baumeister“ bedeutet, galt als der Urheber des Niles an seinen Quelllöchern, als Herr des Kataraktengebietes und zu seiner ersten Kultusstätte wurde die Insel Elephantine und das Felseneiland Sehel gezählt. Ein griechischer Schriftsteller bezeichnete ihn als den uranfänglichen und unsterblichen Gott, der dieser Eigenschaft wegen allein in den südlichsten Teilen Egyptens verehrt wurde. Die Denkmäler, wenn schon aus den spätesten Epochen der ägyptischen Geschichte, welche gerade in diesen südlichsten Gebieten des Landes sich mit dem Gotte beschäftigen, werden nicht müde, sein erhabenes Wesen zu preisen. Sie schildern ihn als den Baumeister der ganzen Welt, der das Licht schuf, den Himmel aufhing, die Erde gründete, die Wasser zum Vorschein kommen liess, dem Menschen und allem Getier das Leben gab, den Pflanzen ihren Wuchs verlieh und dessen Geist seinen kosmischen Körper erfüllt. Er war, als noch die Finsternis das All umgab, und durch sein Wort entstand Alles, was da ist, nachdem es sein Wille war, aus seiner Einsamkeit und Verborgenheit herauszutreten. Die Inschriften in reichster Auswahl geben wörtlich diese schöpferische Thätigkeit des göttlichen Baumeisters wieder und überraschen nicht selten durch Anklänge, die an biblische Ausdrücke erinnern. Das Wasser war sein Hauptelement, denn aus dem Feuchten ging zuerst das Licht hervor, das selbe Licht, welches für den Nilstrom von ganz besonderer Bedeutung war, sobald die Sonne in das Frühlingszeichen eintrat und ihre Anziehungskraft auf die Nilflut alljährlich ausübte. Es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn Chnum als der eigentliche Urheber der Nilflut von den Egyptern im Süden des Landes angesehen ward und wenn das Kommen oder Fehlen der Schwelle als ein Ausfluss der Gnade oder Missstimmung des Kataraktengottes gepriesen oder gefürchtet wurde. Als ich die Insel Sehel im Jahre 1853 zum ersten Male besuchte, um in das Verständnis der Felseninschriften einzudringen, fiel mir ein mächtiger Block in die Augen, der etwa eine Höhe von neun Fuss besitzt und auf seiner Vorderseite mit einer ausgedehnten hieroglyphischen Inschrift von fünf Fuss Höhe bei sechs Fuss Breite unterhalb einer bildlichen Darstellung bedeckt ist. Leider sind die einzelnen Schriftzeichen so flach auf den Stein gemeisselt und von einer so flüchtigen Ausführung, dass ich, zumal beim grellen Sonnenlicht und bei der Höhe ihrer Lage, nicht imstande war, weder eine Abschrift noch einen Auszug davon anzufertigen. Ein mir befreundeter Gelehrter, Herr Wilbour aus Amerika, hat endlich diese empfindliche Lücke ausgefüllt und auf dem Wege photographischer Aufnahmen die Abbildungen mit dem Texte darunter wiedergegeben. Die erst vor kurzem an befreundete Gelehrte verteilten Photographien sind deshalb dem wissenschaftlichen Studium ein für allemal zugänglieh gemacht worden, wobei es von vornherein betont sei, dass der Inhalt der langen Inschrift die auf ihre Herstellung genommenen Kosten und Mühen reichlich lohnt. Es handelt sich eben um nichts weniger als um sieben Jahre der Hungersnot, für welche ein egyptischer Pharao Abhilfe schaffte. Auf welchem Wege, werden meine Leser gleich erfahren. In der Abbildung über der Inschrift erscheint ein König Egyptens in altertümlicher phoraonischer Tracht, welcher drei Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Die Beischrift nennt seine Titel und Namen. Es ist König Toser, sonst auch in den Königslisten Toser-Sa genannt, ein König der dritten Dynastie nach der manethonischen Königsliste, in welcher er unter der grichischen Umschrift Tosortasis an der bezeichneten Stelle wieder erscheint. Er gehört unter die Zahl jener sagenhaften Herrscher, von welcher bis auf die oben gefundene Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind. Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Kataraktengott Chnubis von Elephantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anubis, welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisieren. Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem König: «Ich schenke dir die Ueberschwemmung für jedes Jahr“. Der darunter eingemeiBselte, aus nicht weniger als 32 langen Kolumnen bestehende Text ist schon durch seine Einleitung von höchster Bedeutung für die sieben Jahre der Hungersnot unter Josephs Regiment in Egypten, wie es der Leser selbst aus der folgenden möglichst wörtlichen Uebertragung der ersten vier Zeilen beurteilen kann. ״Im Jahre 18 der Regierung des Königs Tosertasis, damals als erblicher Fürst und Regent der Städte des Südens und Landpfleger der nubischen Völker in Elephantine Madir war, da wurde diesem die folgende Botschaft des Königs zu Teil: ״Ich trage Kummer um den Thronsitz und die Insassen des Palastes. Es ist in Trauer versenkt meine Seele wegen des übergrossen Unglücks, darum weil die Nilflut in meiner Regierungszeit sieben Jahre lang nicht eingetroten ist.“ ״Es herrscht Mangel an Getreide, es fehlen die Kräuter, und es ist eine Leere an Allem, was zur Speisung dient. Jedermann wird zu einem Räuher an seinem Nächsten. ״Man will sich vorwärts bewegen, kann aber nicht gehen. Das Kind vergiesst Thränen, 'der Jüngling schleicht einher und die Alten, ihre Seele ist niedergebeugt, ihre Beine sind zusammengekrümmt und auf dem Boden ausgestreckt, und ihre Hände stecken im Busen.“ ״Die Grossen des Reiches sind ratlos. Die Vorratskisten werden aufgerissen, aber nur Luft ist ihr Inhalt, denn alles, was vorhanden war, ist aufgezehrt.“

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