Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 5. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 gebrauche wird, meiner Meinung nach, damit motivirt, dass die erste Miqphna des Traktates die halachische Norm enthält ומגינין את הקברות. dass man Grabdenkmäler an den Halbfeiertagen errichten dürfe. Möchten auch die Tosafoth z. St. diese Erlaubniss damit begründen, dass mit diesem Pietätsakte keine den Feiertag entheiligende schwere Arbeit verbunden sei, so dürfte doch diese halachische Norm den Ausgangspunkt von Erörterungen geboten haben, die einen Zusammenhang zwischen der Idee der Festtage und den Gedanken über Unsterblichkeit begründen. Was die Festtage vom Sabbath unterscheidet ist ein halachisches Moment (אוכל1 נפש), die Erlaubniss der Zubereitung der Nahrung. Offenbar lehrt der Sabbath die Idee des Erhabenen über die Grenzen des Irdischen hinaus, der Feiertag die Harmonie des Irdischen mit dem Gottliehen. Das Freiheitsfest versinnbildet den Gedanken, dass vom Himmel die Sonne kam, das Brod zu backen, und wir die Aufgabe haben, mit dem himmlichen Ideal das irdische Leben zu durchdringen. Das Hüttenfest lässt durch das Laubgewinde der Hütte die Sterne durchringen, Göttliches mit Weltlichem im nächtlichen Dunkel des irdischen Daseins zur Harmonie sich verschlingen; wie denn auch das Offenbarnngsfest die Durchdringung des irdischen Lebens mit dem ewigen Ideal der Gotteslehre uns lehrt. Unter diesem Gesichtspunkte aber betrachtet, hat das geistige Leben, welches die Lehre ausstrahlt, am Grabe nicht die Schranke. Denn die Erlösung zur Ewigkeit bedingt der göttliche Gedanke. Weder ist mit irdischen Denkmälern die Arbeit für den Todten erschöpft, noch vermöchte das Denkmal aus Stein die Denkmäler des ־ Geistes und des Herzens zu ersetzen. Vollendung erblüht denn doch erst im Reiche des Ewigen unter der Sonne göttlicher Wahrheit, die Gräber sprengt, 11m erstorbenes Leben zu wecken. Wie nun die Feste durch göttliche Ideen das irdische Leben verklären und über Zeit und Raum zum Reich des Ewigen erheben: so erhebt uns die Gemeinschaft mit der andächtigen Gemeinde zur Seligkeit, die Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, den wir in der Lehre gewinnen, zur Ewigkeit. Ueber Kluft und Gruft hinaus lebt der Geist sittlicher Wahrheit und wahrer Sittlichkeit. Unter dieser Fahne kämpfen und siegen die Gerechten, die mit unsterblicher Geistesmacht auf den Höhen Zion’s erstrahlen, auf den Zinnen jener die ganze Menschheit umfassenden Gemeinde, deren Erlöser und Hort der himmlische Vater ist (Moed Katan 29a.). — In dieser Idee wurzelt und gipfelt der Traktat. Dr. S. Nascher. Litteraturbericht. Recensionen. Protokolle der in Köln vom 6. bis zum 9. October 1900 abgehaltenen allgemeinen Missionskonferenz für die Arbeit der evangelischen Kirche in Israel. Leipzig. J. C. Hinricli’s Buchhandlung 1901. ln einer Zeit beständiger und unberechtigter Gehässigkeit gegen die jüdische Religion und Religionsgemeinschaft ist es in hohem Grade erfreulich, Stimmen zu vernehmen, welche voll Liebe für die Juden, voll Anerkennung für Wissenschaft und Schriftthum des Judenthums sind. Der Antisemitismus wird als Geist der Finsterniss bezeichnet (S. 12). Dem Herrn Prof. Strack, Berlin, wird für sein selbstloses Auftreten und den dornenvollen Kampf gegen abergläubische antisemitische Verläumdungen, wie Blutliige etc., der Dank der Conferenz votirt (S. 10 u. 12). Dem nationalen Zionismus wird das Loh des Ideals (V) und der Selbstkritik gezollt. Sollte indess nicht die ideale,, die ganze Menschheit umfassende Zionsg6meinde vorzuziehen sein, mit der Pietät für die Ruhmesstätten der Vergangenheit, derHuniauität für die umdesGlanbenswilleu Bedrängten in der Gegenwart, mit den erlösenden Wahrbeiten der Gottes- und Menschenliebe für die Zukunft? Sollte wohl nicht aus dieser idealen Wurzel der Lebensbäum hervorwachsen können, um in heissen Tagen des Kampfes Schatten zu bieten, Früchte gewinnen zu lassen? (Vgl. S. 55.) So dankbar aber auch alle Freunde Israels für die Liebe sein möchten, welche ihnen von der Conferenz entgegengebracht wurde, so sollte denn doch erwogen werden, dass die Liebe stets voll Wahrheit und die Wahrheit stets voll Liebe sein müsste. Wer den Juden wahrhaft liebt, wird ihn für das Judenthum bekehren, um ihn in den wahrhaft sittlichen Ueberlieferungen der Väter, um in seinem angestammten Glauben an den himmlischen Vater, die Gotteskindschaft des Menschen, die Gottesgemeinde mit ihren Berufe der Erlösung durch Gottes- und Menschenliebe glücklich und selig werden zu lassen. Wer wiederum der Wahrheit liebevoll ergeben ist, wird nicht aus biblischen Wortspielen (S. 78) und unwissenschaftlicher Schriftauslegung auf die Erlösung durch das Kreuz folgern. Das tragische Ende des Hasmonäer-Fürsten Simon, welches mit den Worten יכרת משית Daniel (9,26) angedeutet wird*) hat nichts mit dem Evangelium gemein. (Cfr. S. 74). Im Uebrigen kann man aus den Protokollen lernen, Lieblosigkeit mit Liebe zu entwaffnen, durch Arbeit Selbstständigkeit gewinnen zu lassen, das Judenthum in seiner historischen Entwickelung zu erkennen, um in einer von religiösen Gegensätzen bewegten Zeit vor Fahnenflucht die Kleinmüthigen und Gesinnungsschwachen im Judenthum zu schützen und zu bewahren. Wie die Christen aus den Protokollen lernen kennen, nicht durch Gehässigkeit das Christenthum verhasst zu machen (S. 88), so mögen sie sich der Erwägung nicht verschliessen, ob es wohl nicht unendlich besser wäre, den Juden das Judenthum zu erhalten, welches das reine Menschenthum ausstrahlt, als aus den Reihen derselben fragwürdige Personen zu gewinnen, von denen die meisten ״dem Evangelium keine Ehre machen“ (S. 91). Vollkommen pflichten wir dem Ausspruche bei: ״Mit dem Masse, mit welchem Ihr messet, wird Euch wieder gemessen werden“ (S. 68). Doch sei bemerkt, dass diese Sentenz ihrem Ursprünge nach der Mischna (Sotah 8b) angehört. Das Urtheil darüber aber, welcher von den drei Ringen der Lessing’sclien Parabel (S. 84) der ächte sei, möchte wohl nicht den Missionsgesellschaften, sondern dem ewigen Richter anheimgegeben werden, der dem Menschen ein reines Herz gegeben, Ihn zu lieben und einen festen Geist, Ihm treu zu sein. _ Dr. 8. Nascher. * Vgl. Leopold Loew’s gesammelte Schriften, Baud I. S. 388. Szegedin 1889. Inhalt der No. 5. Wissenschaftliche Aufsätze: — Israels Religion nnd ihre dauernde Bedeutung für Gegenwart und Zukunft. Von Dr. R. — Aktenstücke zur Geschichte David Fricdländers. Von Dr. R. (Fortsetzung). — Aus Hieronymus' Commentar zu Obadjah. Von Dr. M. ltahmer. — Zur talmudischen Methodologie. Von Dr. 8. Nascher. Litteraturbericht. Recensionen: Protokolle der in Köln abgehultenen allgemeinen Missionskonferenz für die Arbeit der evangelischen Kirche in Israel. Von Dr. S. Naschür. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. ltahmer, Magdeburg. Druck von Leistner & Drewfs, Magdeburg.