Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 3. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Texte iind den Text begründenden Noten und Anmerkungen ersehen. Ks gehört in diesem Buche durchaus nicht zu den Seltenheiten, dass auf einer Seite über dem Striche vielleicht 10 Reihen und unter dem Striche vielleicht 30 Zeilen sich befinden. Auf eine materielle Würdigung der vom Verfasser geltend gemachten Argumente und Meinungen näher einzugehen, müssen wir uns versagen. Wir würden uns der Gefahr möglicher Weise aussetzen, ihn bei unserer Stellungnahme da und dort an Ausführlichkeit annähernd zu erreichen, wenn nicht gar — so schwer es auch halten mag — ihn sporadisch an Citatenmenge zu übertreffen und zu übertrumpfen; denn wir dürfen nicht verschweigen, dass gar manche Ergebnisse des gelehrten Verfassers doch cum grano salis und mit gewisser Vorsicht und Zurückhaltung aufzunehmen sind. Seinem divjnatorischen Spürsinne wollen wir gern volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, aber nicht volle Freiheit zuerkennen. Die für dieses Werk massgebenden Quellen fliessen ja nicht gerade spärlich, aber oft unsicher. Was an einer Stelle von einem bestimmten Amoräer ausgesagt wird, sprechen andere Stellen ganz andern Männern zu. So ist in manchen, durchaus nicht seltenen Fällen der Skepsis des nachprüfenden, kritisch veranlagten, das Buch eifrig studirenden Lesers ein breiter Raum und ein weiter Boden geboten. Die Relationen variiren, die Lesarten schwanken, die zur Unterlage dienenden Texte sind leider oft noch wenig gesichtet und festgestellt. Zu exacten Ergebnissen vermag selbst unser Verfasser nicht überall und immer zu gelangen. Das ist die Achillesferse der Leistungen unseres gelehrten Verfassers. Wir wenigstens tragen Bedenken, alle von Bacher vorgetragenen Behauptungen und Feststellungen pure und ohne jeden Vorbehalt hinzunehmen. Die unsicher fiiessenden Quellen vermag eben auch ein gelehrter Meister von der Qualität eines Wilhelm Bacher nicht überall zu meistern. Andern wäre dies sicherlich in noch beschränkterem Grade gelungen. Die Wissenschaftliehe Ausbeute ist trotz dieser im Stoffe selbst liegenden Schwierigkeiten überaus reichhaltig und gewinnbringend. Die jüdische Wissenschaft darf dem Verfasser für den glücklichen Abschluss dieses bedeutsamen gelehrten Riesen- Werkes aufrichtig dankbar sein. Dr. Immanuel Deutsch. Horovitz, Jacob, Dr. ph. Untersuchungen über Phiions und Platons Lehre von der Weltschöpfung. Marburg, Elwert'sehe Verlagsbuchhandlung l'.HM). (127 S.) Dass Philo unter den anderen jüdischen Philosophen der geschickteste Eklektiker war, der es am meisten verstand, in der Galerie der philosophischen Forschung die ihm zusagenden Ideen sich anzueiguen und dabei auf eigenen Füssen zu stehen, ist von jeher eine bekannte Thatsache. Nicht weniger ist bekannt, dass unter den Philosophen Griechenlands Plato den bedeutsamsten Antheil an der phiionischen Philosophie hat. Unberücksichtigt jedoch blieb bis jetzt von der bisherigen philosophischen Forschung das Verhältniss des phiionischen xiofiog vorjri{ ״Idealwelt“, ״Weltidee“, ״Vernunftweit“, welcher Begriff den Mittelpunkt der phiionischen Lehre von der Welt- Schöpfung bildet, und der auch später bei den Neuplatonikern und Kirchenvätern eine Rolle spielt, zu dem platonischen vor;־cöv £<T)0v im Timäus. Dieser Untersuchung hat sich der Verfasser mit grossem Geschick und tiefgehender Gründlichkeit unterzogen. Verfasser unternimmt es, die ganze psychologische Genesis des phiionischen x. v. zu eruiren. Zu diesem Zwecke war es nöthig, zunächst das platonische V. C. im Timäus eingehend zu er- •örtern, welchen Begriff Verfasser als die eigentliche Quelle des phiionischen x. v. in der Lehre von der Weltschöpfung betrachtet. Ueberhaupt hat der platonische Timäus nach der Ansicht des Verfassers nicht nur auf die phiionische Lehre von der Weltschöpfung, sondern auf das Ganze der phiionischen Lehre einen sehr wesentlichen Einfluss geübt, und namentlieh da, wo man am meisten geneigt ist, den Einfluss der Stoa zu erblicken, so z. B. in der Lehre vom Logos und den Suvatpei; (Wir haben hier die Bemerkung einzufügen, dass Verfasser hinsichtlich des Verhältnisses Philo’s zu den Stoikern Joels Untersuchungen über diesen Punkt nicht mit einer Silbe erwähnt.) — Das platonische v. £. im Timäus ist, wie Verfasser in einer gründlichen Polemik gegen Zeller und Andere darthut, der umfassende Ausdruck für die intelligible Welt, der Ausdruck für das gesammte Vorbild aller Sinnendinge. — Im v. £. findet der Dualismns, von Nus (oberste schaffende Ursache,) und Ananke (Materie, Entstehendes und Vergehendes,) seinen einheitliehen Ausdruck. Mit tiefer Gründlichkeit, wenn auch nicht überall mit planmässiger Uebersichtlichkeit, sucht Verfasser das Verhältniss zwischen ״Nus“, ״Idee des Guten“ und ״Demiurg“ zu eruiren und weist nun durch Heranziehung der Parallelstellen aus der ganzen hierhergehörigen platonischen Litteratur die Identität derselben nach. Dass die platonische Ideenlehre nicht in derselben Gestalt in Philo’s Lehre von der Weltschöpfung aufgenommen werden konnte, liegt auf der Hand. Nach Plato■ sind die Ideen keine Erzeugnisse des göttlichen Denkens, d. h. keine immanente Bestimmungen des göttlichenWesens. Nach Plato sind die Begriffe Nus, Idee des Guten und schaffender Demiurg identisch. Für den jüdischen Religionsphilosophen, der die Erläuterungen zur biblischen Schöpfungsgeschichte schreibt, musste die Gottheit mehr sein als der schaffende Demiufg, als die oberste Idee des■ Guten, oder der Nus. Der Urquell alles Seins muss auch der Urquell aller Ideen sein. Gott muss der unkörperliche Ort der unkörperlichen Idee sein. Verfasser zeigt nun Schritt für Schritt, wie Philo zunächst die platonische Ideenlehre in den ersten Vers der Genesis hineininterpretirt, wie er in der Bibel die platonische Lehre von dem ״ewigen Urbild“ wieder findet; wir werden belehrt, warum das platonische v. £. bei Philo in x. v. umgeprägt werden musste. Verfasser sucht ferner die mannigfachen Widersprüche,, welche in der phiionischen Aussage über den x. v. gemeiniglich gefunden werdeu, zu beseitigen. Verfasser beschränkt sich aber nicht nur auf den x. v., sondern gewährt uns werthvolle Beiträge zum phiionischen Logos, sowie auch hinsichtlich seines Verhältnisses zu den Suväpetf, wenn uns auch Verfasser mit seinem Versuche, den Widersprach, den Zeller zwischen Logos und den Suvapet; hervorhob, zu lösen, nicht zn überzeugen vermochte. Herr Horovitz, der das bezeichnete Gebiet in hervorragender Weise beherrscht, hat sich mit einem gediegenen wissenschaftlichen Apparat in dieses Meer der Ideen als ein tüchtiger Taucher tief versenkt und manche Perle neuer Erkenntniss geholt, was die Wissenschaft dankbar aufnehmen wird. Seligkowitz-Cöthen. Inhalt der No. 3. Wissenschaftliche Aufsätze: Arbeit und Gewerbe im jüd. Altertbuni (Schluss). Von Dr. Nascher. — Berichtigungen zur Biographie Wise’s. Von Professor Dr. G. Deutsch. — Die Synagogen in der Talmudzeit. Von Rabbiner Dr. Goldfahn. Litteraturbericht. Recensionen: Dr. W. Bacher, Die Agada der palästinensischen Amoräer. Schlussband. — Dr. Jac. Horovitz, PliilonB und Platons Lehre von der Weltschöpfung. BOcherschau und Litterarische Anzeigen mussten Raummangels wegen noch Zurückbleiben. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. Ralinier, Magdeburg. Druck von Leistner & Drewfs, Magdeburg.