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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 5. (1900) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 5. (1900)
Date
1900-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 5« — 1900. Jüdisches Jührff. XXXV. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judenthum und Juden betreffenden litterarlschen Er• acheinuiiRen auf dem Gebiete der Philo• sophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie, Orientalia, Exegese, Homiletik. Liturgik und Pftdugogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. N. Itahmer in Magdeburg. Verla״ und Expedition: Siegfried t'i'onbacli in Berlin W. 67. Bücher der eitiachifigigen 1,Illeralu deren Besprechung In —lesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redactton, Inserate u. Beilagen an die K x p e ־ dilion franco ehmiscnden. Das ,JUtfitohe Llttaratiir-Blatt“ erscheint noaatücb im Umfange eines ganzen Bogens und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei dln»kteu1 Bezüge durch Siegfried <'ron1>ach in Berlin W. 67) vierteljährlich eins Mark. — Pie Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״Israelitisch•■ WocheBSchrift״ (Reductciir M. A. Klausner!, welche bei allen PostHtisialten und Buchhandlungen vierteljährlich 2.50 ■. kostet, erhalten das ,,Jüdische UUrratur-Blatt" als Oratit-Beilage. — laserat• werden mit 30 pf#. die viergesiialtenc Zeile berechnet und sind an die Expedition In Berlin xn senden. HC Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. 'WQ Petöfi und das Judenthum. Der Dichter Petöfi Sändor (Alexander), welcher iin Jahre 1823 in Kiskörös geboren wurde und im Jahre 1841) (30. Juli) bei Segesvar (Siebenbürgen) den Heldentod fürs Vaterland starb, war als Held und als Freiheitssiiugor zur fünfzigjährigen Gedächtnisfeier von der Regierung und der Nation Ungarns im Juli vorigen Jahres in erhebender Weise gefeiert, worden. Dass unsere in Religion und Staat mit anderen Confessionen in Ungarn vollkommen gleichgestellte Glanbensgemeinseliaft, deren ganzes geschichtliches Leben der Kampf um Freiheit und Recht durchzieht, an der Huldigung des Oiehtergenius den innigsten Antheil nahm, ist wohl anzuerkennen*). In einer Zeit aber, in welcher der Antisemitismus tlieils unter der Asche fortglimmt, tlieils in vollen Flammen lodert, ist der Name eines Dichters von erhebendem Klang, dessen Herz■ und Pulsschlag die Freiheit und die Rechtsgleichheit aller Menschen war. In keiner der poetischen Schriften des Dichters zittert auchnurein einziger Ton von Voruri heil oder Gehässigkeit gegen die Juden. Dem Dichter ist die Bibel ein Heiligthumnichtn11r,80nderuaucheinv011töuendeslnstrument, dessen Saiten von Liebe und Duldung erklingen. Wie ich nun im Sommer vorigen Jahres dem Denkmal des unsterblichen Dichters, welches in dem von der Donau um spülten Platze der blühenden ungarischen Haupt- und Residenzstadt sich erhebt, meinen Gruss der Huldigung geweiht habe, so möchte ich nun einen Kranz von poetischen Blumen winden, um das geistige Denkmal des Dichters zu schmücken. Die Blumen sind dem Garten Petöfischer Dichtung entlehnt, ihr Duft ist der des göttlichen Buches der Bibel. Dieser Vorzug des Dichters ist noch nicht litterarisch gewürdigt worden; obschon Petöfi in der Weltlitteratur unter allen Dichtern ungarischer Zunge die hervorragendste Stellung einnimint. Die Treue zum häuslichen Herd, die Liebe zum Vaterlaude, die Begeisterung für die Freiheit strömt aus seinen Liedern hervor, die sehr oft die ganze Farbenpracht ungarischen Volkslebens und der Landschaftsbilder in voller Naturwahrheit und •) Vgl. meinen Bericht ״aus Ungarn“ in der ״Neuzeit“ (1899, No. 31) Ursprünglichkeit wiederspiegeln. Dabei fehlt es dem Dichter nicht an einem Humor, der selbst über die Tragödie der ungarischen Volksgeschichte einen lichten Flor ausbreitet, an satyrischer Beobachtungsgabe, die selbst dem schwerbeladenen Geuiüthe ein Lächeln abringt. Im Lichte des poetischen Humors verschwinden oft die Schatten der Personen und Begebenheiten. Grosse und bedeutende deutsche Denker und Dichter haben daher über das Genie Petöfi’s, dessen Leben in der Armuth der Schule und in der Schule der Armutl», auf den Brettern, welche die Welt des Dichters nur wenig bedeutet hatten, und auf dem Felde der Freiheit und der Ehre daliinfloss, mit denkwürdigen Worten geäussert*). Alexander von Humboldt sagt von Peiöfi’8 Dichtuug: ״Das ist in der That überraschend, plötzlich in so nächster Nähe eine solche Prachtblüthe zu entdecken, nachdem man die gnnze Welt abgelaufen und nicht inehr viel des Lauteren fand. Eben dieser Nähe wegen wird es aber ziemlich Zeit benöthigen, bis man atigemein den Schatz sieht und wirklich an ihn glaubt“. Heinrich Heine sagt in einem Brief an Petöfi’s Uebersetzer, Kertbeny (Paris, 19. Februar 1849): Petöfi ist ein Dichter, dem nur Burns und B4ranger vergleichbar sind, eine Natur, so überraschend, so gesund und primitiv, dns8 ich ihm in Deutschland nichts an die Seite zu setzen wüsste. Ich selbst fand nur wenige solche Natur laute, an welchen dieser Bauernjunge 80 reich ist, wie eine Nachtigall. Wir Reflexionsmenschen erscheinen neben solcher Ursprünglichkeit wahrhaft bemitleidenswerth“. Ludwig Uhland sagt von Petöfi: ״Fremde Dichter, die man blos aus Uebersetzungen — und mögen diese noch so gut sein — kennen lernt, darf man nur höchst vorsichtig beurtheilen, da man sie selbst nicht, höchstens ihr Portrait, kennt. Trotzdem nehme ich keinen Anstand, das schon jetzt der Uebersetzung gegenüber auszusprecheu, dass Petöfi eine Dichternatur zu sein scheint, die es reichlich *) Vgl. Professor Arpitd v. Török' Miscsllen, VI M., Budopest 1892. Martin Bago und Sohn. Der riihmlichst bekannte Gelehrte hatte in einer Deuksehrift und in seiner Zeitschrift den Dichter in poetischer und sprachwissenschaftlicher Hinsicht gewürdigt und schon im Jahre 1884 die Gründung eines Petöfi• Hauses nach dem Plane des Schiller-Hauses in Gohlis angeregt.

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