Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 4. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
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legte und sich 1111 <111 s Fenster setzte. Hier begann er beim fahlen Liebte des Mondes auf einem .Stück groben, grauen Papiers zu kritzeln. Die Mutter sah ihm lange zu. daun stand sie auf, trat leise hinter ihn und fragte: ,.Was schreibst du Nicolaus V"' ,,Verse“, erwiderte der Knabe. Die Mutter betrachtete ihn lange mit. einem webmutigen Lächeln. Es war vielleicht zu gleicher Zeit die Ahnung seines künftigen Ruhmes und seines herzzerreissenden Schicksals, die sie bewegte. An diesem Abend aber wurde Nicolaus Lenau zum zweiten Mal geboren, der wahre Lenau, der geniale Dichter der Sehwermuth und des ungarischen Haidelandes. Chronik der Synagogen-Gemeinde Sohrau O.-S.*) Von Untitiim-r I>r. liiiiiiiinncl ])oiitsi-li. Einleitung. — Es ist nicht leicht. Beiträge und Bausteine zur (.jeschichte kleiner Gemeinden. deren Spuren Jahrhunderte zurückreichen, zu liefern. Spiegelt sich die harmlose Bescheidenheit unserer Ahnen in ihrer Scheu, den Beginn ihrer Niederlassung an irgend einem Orte durch schriftliche Aufzeichnungen zu tixiren. oder mangelte ihnen das Vertrauen zur Stabilität ihres Wohnsitzes, weil sie in den Jahrhunderten des Mittelalters durch die Lieblosigkeit und fanatische Unduldsamkeit der andersglaubenden Machthaber und herrschenden Volksklassen gar oft und plötzlich gezwungen wurden, zum Wauderstabe zu greifen, nachdem sie eben festen Fass gefasst und sich am Orte ihrer Niederlassung verbältnissmüssig sicher gefühlt hatten V Dem sei wie ihm wolle! Der Berichterstatter und Chronist — von einer Geschichtschreibung kann innerhalb der äusserst bescheidenen, auf den Ort und die nächste Umgehung sich beschränkenden Verhältnisse der Kleingemeinden nicht die Rede sein - tappt völlig im Finstern, wenn er die Spuren einer solchen Kleingemeinde bis auf ihren frühesten Anfang und U!•beginn verfolgt. Aelteste Urkunde. — Nicht anders verhält es sich mit der Gemeinde Sethrau in Oberschlesien. Ueber den Beginn ihrer Entstehung lässt sich nichts Sicheres feststellen, nicht einmal eine irgend wie haltbare Vermuthung sich aussprechen. Die erste Andeutung über Juden in Sohrau datirt, vom Beginne des 1<>. Jahrhundert*. Eine Kauf urkunde aus dem Jahre 1 öl L spricht bei der Grenzbestimmung eines zu verkaufenden Grundstücks von ,,Judenäckern‘!:i:;i:) Ob und in welcher Anzahl damals oder gar schon früher Juden in Sohrau gewohnt haben, wird sich schwerlich je ermitteln lassen. Auch die Steine — wir meinen die Denksteine an den Gräbern der Hingeschiedenen ־ - lassen uns hier im Stiche, denn erst seit dem Jahre 5574 a. m. (1814) be- »itzt die Gemeinde einen eigenen Friedhof. Selbst im 18. Jahrhundert dringt nur vereinzelt die Kunde über *) Quellen; l'rbarium der Stadt Sohrau O.-S., Weitzel, Augustin, Geschichte der Stadt Sohrau O.-S., Sohrau (1888.) **) Cfr. Urharium mul Weitzel, Geechichte der Stadt Sohrau ju'i65. Juden in Sohrau zu uns. Im Jahre 1724 ist — wie das Urharium mehlet. — der Stadtzollpächter ein Jude. Gemeindeeinrichtungen werden um die Mitte des 18. Jahrhunderts erwähnt. Sohrau muss wohl schon im Jahre 1750 zu einer Gemeinde erstarkt sein. Wenigstens wird eine Jndenschule schon in diesem Jahre namhaft gemacht und in Moses und Anton Prager sind die Namen der Gemeindeschächter aus jener Zeit uns überliefert.. Damals war Schlesien noch ein österreichisches Kronland. Was von Belang innerhalb der Stadt und Gemeinde Sohrau vorgeht, vollzieht sich daselbst bei verändertem Regime unter preussiseher Herrschaft. Bewegung der Bevölkerung Nicht ohne Interesse ist die statistische Angabe, wonach Sohrau im Jahre 1791 in der Stadt Ui Israeliten männlichen und 18 weiblichen Geschlechts, in den Vorstädten dagegen 51 männliche und 52 weibliche Personen israelitischen Bekenntnisses zählte. Danach gewinnt es den Anschein, als ob man damals den Juden Schwierigkeiten bereitet hätte, sich in der Stadt niederzulassen. Gleichwohl war hier von einem Judenviertel oder einer Judenimmer keine Spur zu entdecken. Von da ab ist in der Bewegung der jüdischen Seelen zahl eine mässige, aber stetige Zunahme bis gegen das Jahr 1850 zu constatiren. Die letzten Jahrzehnte weisen jedoch eine stetige, mässige, aber doch immerhin merkliche Abnahme auf. Während die Gemeinde im Jahre 1784 im Ganzen 121 Personen zählt, erreicht sie im Jahre 184(5 die höchste Zahl in Summa von 542 Personen. Von da an nimmt die Seelenzahl stetig ab. so dass die Volkszählung von 1890 nur einen Bestand von etwa;190 Personen aufweist. Berufsarten der Juden. In erfreulicher Weise waren die Handwerker unter den Juden vertreten. So wurden im Jahre 1824 etwa <50 jüdische Familien angegeben. Darunter fanden sich 2 Glaser. 3 Gerber, 5 Bäcker. Noch günstiger gestaltete sich das Verhältniss 4 Jahre später. Ihr Handwerk betrieben im Schoosse der Gemeinde: 1 Glaser, 1 Kammmacher. 1 Riemer, 1 Kuchenbäcker. 2 Schneider. 2 Tagelöhner, 4 Gerber, und 5 Bäcker. Hand in Hand mit der Abnahme der Seelenzahl macht sich die Abnahme des Handwerksbetriebes geltend. — Der Abnahme der Seelenzahl in Stadt und Gemeinde liegen Ursachen allgemeiner und besonderer Natur zu Grunde. Für die Verödung der kleinen Städte und Gemeinden ist der Zug nach den Grossstädten. nach den Centreu der Grossindustrie im Allgemeinen massgebend. Der Anreiz, nach den Industriecentren zu ziehen, ist bei der Nähe Soliruu s zum oberschlesischen Hütten- und Bergbaurevier ein sehr lebhafter. Dazu kommt noch im Besonderen die in den Jahren 1884—8(5 mit strenger Energie von der politischen Behörde ansgeführte Ausweisung der aus Galizien und Russisch-Polen stammenden Ansiedler. In Sohrau wurden ausschliesslich Juden von dieser Massregel betroffen. Die Gemeinde verlor dadurch 8 Familien mit einer Kopfzahl von 35—40 Personen. Jüdische Aerzte. — Mit bestem Erfolge haben hiev jüdische Aerzte seit den ersten Deceunien unseres Jahrhunderts bis zu diesem Tage ihren Beruf ausgeübt. Wir nennen hier nur Dr. Pius Wachsmann, welcher etwa 30 Jahre hier als vielbesclüiftigter Arzt wirkte.