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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 3. (1900) · p. Seite 23

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 3. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 23 (sequence 7)
Language
German
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23 mit Hilfe des getauften Juden Johannes Hispalensis ins Lateinische übersetzt. Verfasser vermuthet in diesem Hispalensis, der ebenfalls den Namen Ibn David geführt, einen Verwandten des Abraham ibn Daüd. Dass nun dieser seltene Umstand, dass dem Buche eines Juden im Mittelalter die Auszeichnung einer Uebersetzung in die Weltsprache zu Theil wurde, den Glanz dieses Werkes erhöhen musste, liegt auf der Hand. Es ist deshalb sehr natürlich, dass Abraham ibn Daüd, dem das Judenthum sehr am Herzen lag, von dem Verlangen erfüllt war nach Abwehr und Zuriickdrängung der noch vielleicht immer mehr wachsenden Ausbreitung der Gabirol'schen Philosophie. Wohlweislich hielt es Jbn David für taktisch, in seiner Kritik sich nicht auf das religionsphilosophische Gebiet zu beschränken, sondern den Kampf auf das rein philosophische Gebiet zu verlegen, um den verehrten Führer und Denker gleichsam ins Mark zu treffen. Auf das philosophische Detailwerk der Polemik Ibn Daüds, auf welches sich Verfasser näher einlässt, so z. B. die Vermiscliung der Begriffe von Substanz und Accidenz; die Intelligibilität der Materie 11. 8. w. müssen wir innerhalb des engen Rahmens einer Besprechung verzichten. Indess dürfte uns wohl die Frage interessiren, ob es der Polemik Ibn Dauds gelungen ist, die Philosophie Gabirols zu unterdrücken. Ueber diese Frage verbreitet sich der folgende vierte Abschnitt der vorliegenden Schrift. Verfasser meint mit Recht, dass diese Polemik das allgemeine Schicksal einer jeden derartigen heftigen und tendenziösen Polemik getheilt haben wird, indem sie den bekämpften Gegner mehr bekannt gemacht hat, als dass sie ihn in den Hintergrund gedrängt hätte. Verfasser weist an der Hand litterarischer Zeugnisse scharfsinnig nach, dass die Philosophie Gahirols bis in das 14. Jahrhundert hinab sowohl auf dem rein philosophischen, als auch auf dem theosophisch-kabbalistischen Gebiete wirksam gewesen sei. Schon der Umstand, dass Falaquera ein Jahrhundert nach Erscheinen der ״Lebensquelle“ sorgsam Auszüge aus derselben anfertigte, ist ein deutlicher Beweis dafür, dass das Verlangen nach dem Inhalt dieses Buches allgemein gewesen sei. Isak Abravanel bezeichnet noch den Autor der ״Lebensquelle“ als den ״Unsern“; aus der ״Leben8qnelle“ hat er auch die Lehre von der Zusammensetzung der Engel geschöpft. Verfasser verweist noch auf das Bibliographische Lexicon des Jacob b. 18ak Roman i. J. 1030, in welchem die ״Lebensquelle“ Gabirols angeführt wird. ״An demselben Lichtstiimpfchen, das Jacob Roman geleuchtet, hat äalomon Munk die Fackel entzündet, die zuerst nach Jahrhunderten des Dunkels und der Vergessenheit wieder die Gedankengänge Gabirols erhellt hat.“ Der letzte Abschnitt, oder vielmehr die letzte Studie befasst sich mit einem in den letzten Jahren in der Angelica zu Rom und in der Dcrossiana in Parma aufgefundenen philosophischen Gedichte Gabirols, aus welchem schon Abraham ibn Daüd einen Vers citirt, um den Gedanken der Unbewegtheit innerhalb der Bewegung der Sphären durch das Bild der über alle Welten ausgegossenen Sehnsucht zu veranschaulichen. Die Liebe mit ihren Bewegungen dient ihm zum Bilde dieser metaphysischen Sehnsucht. Zunz und Senior Sachs sprechen von einem nicht näher bekannten philosophischen Gedichte Gabirols. Verfasser bietet uns .die Abschrift zweier verschiedenen Handschriften dieses aufgefundenen Gedichtes. Dass dieses Gedicht selbständig niedergeschrieben worden ist, zeigt uns, welchen Werth man schon frühzeitig demselben beigemessen hat. Dieses Gedicht, in welchem noch deutlicher wie in der ״Königskrone“, gleich- 8am ״der Krystall aus der Matterlauge der Gedanken“, die uns in der ,,Lebensquelle“ entgegentreten, enthalten ist, zeigt uns in der That, dass in Gabirol der Denker und der Dichter harmonisch vereinigt waren. Das Gedicht trägt die Ueberschrift ייר׳ שייטה הקטן und ist, wie aus dem Inhalt hervorgeht, die Antwort auf die Frage eines Freundes, wie man sich die Unendlichkeit Gottes in ihrem Verhältnisse zur Endlichkeit der Welt vorznstellen habe. Gabirol spricht darin seinem Freunde seine treueste Ueberzeugung ans, in welcher Philosophie und Religion harmoni8eh zusammenklingen. Alles, lautet das poetische Wort, was wir von der Wirksamkeit und Thätigkeit Gottes be greifen können, ist diese ewige Sehnsucht der Materie nach der Form, die Sehnsucht nach dem Werden und dem Entstehen, die Sehnsucht nach dem Dasein im All, dieser unstillbare Uebergang des unerschöpflichen Urgrundes, der Vorstufe des Seins, aus dem Dunkel der Anlage in das Licht der Existenz. Sehnsucht ist es, was das All durchfluthet, die Quelle aller Bewegung. Charakteristisch für dieses philosophische Gedicht ist es, dass hier für den Urgrund des Seins im All ein anderer Ausdruck gebraucht wird, als in der ״Lebensquelle“, wo es heisst, dass das Urelement des Daseins, die Materie, aus Gott selber hervorgegangen ist, im Gedichte dagegen lautet die charakteristische Stelle: ״des Allseins Grund stammt sammt dem All aus Gottes Hand; dem Schein ins Sein sehnt er sich hin, als wenn er Freundeslieb’ empfand.“ Wie sich der Liebende zum Freunde hinsehnt, so ist in das Chaos der Materie die Sehnsucht nach der Wonne der Gestaltung und des Hervorgehens aus der Anlage in Wirklichkeit, ans Schein in Sein gefallen. Man sieht, wie Verfasser sehr richtig bemerkt, mit welcher ängstlichen Behutsamkeit Gahirol die Schwierigkeit der Vorstellung des Verhältnisses von der Unendlichkeit zur Endlichkeit, von dem Unbewegliehen innerhalb der Bewegung berührt, so dass er fast auf den Kern der Frage gar nicht einzugehen scheint, sondern die Ausführung der Antwort dem Fragenden selbst überlässt. Diesen Vers, in welchem Philosophie und Religion harmonisch zusammenklingen, hat nicht nur ibn Daüd citirt, sondern, wie Verfasser nachweist, haben auch andere Philosophen und synagogale Dichter diesem Verse eine Stelle in ihren Werken eingeräumt. Wir lassen hier zum Schluss dieses kurze Gabirol'sche Gedicht in der Kaufmann’schen Uebersetzung folgen: Mein Einz’ger Du, in Lieb’ verwandt, Nimm Herz und Seel’ und Gut zum!*fand, Des Gotteswirkens Rüthsei sucht Zu lösen wacker dein Verstand. Das ist 80 tief und reicht 80 weit, Dass darin Niemand kommt zu Rund. Du forsche weiter auf den Grund, Vernimm, was ich bei Andern (und: Der Weisen Spruch: des Allseins Grund Stammt sammt dem All aus Gottes Hand, Dem Schein ins Sein sehnt er sich hin Als wenn er Freundeslieb' empfand. Vielleicht meint dies des Sehers Wort: Dass Gott zur Ehr’ die Welt erstand. *) Dies meine Antwort, dein Beweis Giebt neuen Halt ihr und Bestund. Die vorstehende Besprechung, welche den Gang und die Resultate der Kaufmann'schen Studien übersichtlich zur Anschauung zu bringen bemüht war, musste natürlich, wie bereits eingangs erwähnt, innerhalb ihres engen Rahmens die besonders gedruckten grösseren Exkurse und das gelehrte Detailwerk unberührt lassen. Jeder wissenschaftliche I^eser wird aus der vorliegenden Arbeit, die sich auch durch ihre nicht häufig anzutreffende gefällige Darstelluugsform auszeichnet, mannigfache Belehrung und Anregung schöpfen. •) Jesaja 43,7.

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