Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 3. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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IS mir freundliehst übersandten Recensionsoxemplar trifft unstreitig das Richtige. Sie besagt mit Recht: ״Es ist natürlich Samson R. Hirsch gemeint, dessen 3 הורב Jahre vorher (1837) erschienen war, und nicht der Luxemburger Hirsch, dessen ״Religionsphilosophie“ erst 1842 erschien, während Sachs' Brief von 1840 datirt. Samuel Hirsch verbreitet sich auch nicht ä la חורב über ״Eidauss“ und ״Mizwnuss" und noch viel weniger über die ,.Pbilosophie des Tuschlichmachens“. — Veits Lebensgang und Bedeutung würdigt! der Herausgeber selbst eingehend mit zutreffenden Worten. Eine warm empfundene, biographische Analyse über Sachs' aus der gewandten Feder des leider viel zu früh hingeschiedenen Professors David Kaufmann orientirt über Michael Sachs als Prediger und Kanzelredner. als Gelehrten, Philosophen und Aesthetiker, als reproducireuden Dichter, als Mann und Menschen, als Freund und hilfreichen Berather, als den überzeuguugsvollen, begeisterten und begeisternden Sohn seines Glaubens. Dass Geiger diesem temperamentvollen Darsteller das Wort einräumt, legt Zeugniss ab von des Herausgebers Selbstüberwindung und objectiven Wahrheitsliebe, denn der Herausgeber veröffentlicht selbst Stellen, an welchen Sachs seine Abneigung gegen Abraham Geiger ganz offen bekennt, eine Gefühlsäusserung, welche sich in ganz gleicher Weise bei Frankel zu erkennen gab. So schreibt Sachs u. A.: ״A11 Freunds Zeitschrift, wenn sie kein Tummelplatz für Geiger wird, will ich gern, sobald ich ihre Art und Richtung besser erkannt. Theil nehmen“ (ih. S. (>9.) Schon durch den äusseren Zufall des Geschickes schienen diese beiden herrlichen Männer zum gemeinsainen oder doch wenigstens zum genau gleichzeitigen Lebensgange prädestinirt zu sein, ln demselben Jahre, in demselben Monate und nahezu in derselben Woche geboren, wurden beide erlesene Männer in demselben Jahre, in demselben Monate und in derselben Woche im Alter von noch nicht öl! Jahren der Mit- und Nachweit viel zu früh entrissen. Sachs wurde am 3. September. Veit am 12. September 1808 geboren. Veit starb am 31. Januar 18114. Sein treuer, edler Freund Sachs folgte ihm schon am ö. Februar 18<>4 in den vorzeitigen Tod. Sachs und Veit fühlten sich von der Stunde ihrer ersten Bekanntschaft bis zu ihrem Lebensende zu einander hiugezogen, obgleich oder gar vielleicht weil sie der Verschiedenartigkeit ihres Naturells, ihres Temperamentes undzumTheilewohl auch ihrer Auffassungweise sich bewusst waren. Sie ergänzten, sie erweiterten und vertieften sich gegenseitig. Nachdem diese Männer sich einmal gefunden, war durch ihre ganze Individualiät schon dafür gesorgt, dass sie sich nie wieder verloren Die Briefe und Brieffraginente, welche der Herausgeber uns vorlegt, verschiedenen Zeiten, verschiedenen Stimmungen ihr Entstehen verdankend, sind Herzensergiessungen, welche per tot discrimina rerum unter allerlei Trübungen, unter mancherlei Irrungen und Wirrungen hochgestiminte Hymnen auf die Uu Wandelbarkeit ihrer Freundschaft singen. Die Schriftliehen Kundgebungen dieser eigenartigen Freunde umspannen fast 3 Jahrzehnte. Grosse Zeitereignisse und kleine Erlebnisse persönlicher Natur, wichtige Principienfragen und winzige Sinnes- oder Geschmacksäusse. rungen, Leistungen der Wissenschaft und Kunst, For. derungou in Betreff des jüdischen Religionsunterrichtes, Wünsche über Gestaltung des Cultus, Hoffnungen und Befürchtungen auf dem Gebiete der hohen Politik beim Regierungsantritte des romantischen Königs Friedrichs Wilhelms IV., bei den Verhandlungen über die Judenemancipation vor den preussischen Ständekammern im Jahre 1847, statistische Erhebungen über der Juden Antheil am Verbrechen. Gedankenaustausch über die Ermordung Auerswalds und Liclmowsky’s in Frankfort a. M., Entwürfe und Pläne zu gelehrten Arbeiten, poetische Versuche werden bald mehl•, bald minder eingehend besprochen. Einen überaus fesselnden, psychologisch beachten8werthen Reiz bietet uns der Gedankenaustauscli dieser fein sinnigen, hochgestiminten, warmherzigen Freunde, wenn die Wucht bitterer Geschicke schwer auf ihnen lastet. Veit in seiner tiefen, kindliehen Truuer nach dem Tode seines heissgeliebten, hochbetagten Vaters bekundet eine tief ergi’eifende, Vater und Sohn gleicluniissig ehrende Seelenstimmung. Aufs Innigste berührt sich mit ihm Sachs in seiner impulsiven Trauer um seinen vielgeliebten, hoffnuugsvollen, jugendlichen Sohn Theodor. Veits Aeusserungen über banale Tröstungen oder die Berechtigung zur Trauer auch nach dem Tode eines noch so greisen Vaters sind hoch beachtenswert!!. Um einen Einblick in Veits Gefühlsleben zu gewähren, lassen wir hier den Anfang seines dahin zielenden, am lli.Dezember 1838 an Sachs gerichteten Schreibens folgen: ״Seid nicht zudringlich mit Einem Trostei hat der Prophet wahrhaftig nicht zu einem Zuspruch der Liebe gesagt, wie er aus Ihrem Herzen und Ihrem Geiste kommt: wie hab' ich mich nach einem Wort von Ihnen in dieser ganzen Zeit gesehnt, ohne doch Muth und Kraft genug zu haben, mir den Anspruch darauf durch einen Brief an Sie zu erwerben und nun sind Sie, wie immer, so unendlich freundlich mir zuvorgekommen. Jch sage Ihnen keinen Dank dafür: unter Menschen wie wir, müssten diese Ceremonieu der Liebe von selbst hinwegfallen, sowie ehrliche Le״te sich einander gar nicht, oder doch nur der Ordnung halber quittireu. Haben Sie denn schon einmal über jenen Text des Propheten gepredigt? Thuen Sie es ja und befreien Sie den Leidenden von dieser grössten Geissei. “ Die Freunde verstehen sich. Die Trennung von theuren Familienangehörigen lässt bei der gleichen Zartheit und Innigkeit des Familiensinnes die Saiten ihres Herzens gleich mächtig vibriren und erzittern. Einen breiten Raum nimmt in diesem Briefwechsel die Erörterung des Projectes ein, welches Veit schon im Jahre 1835 anschneidet, des Projectes, Sachs Prag mit Berlin vertauschen zu lassen, um in Berlin segensreich zu wirken. Jahre hindurch spinnt sich dieser Plan. Die Eröterungen hierüber mit ihrem Ausblicke auf sanguinische Hoffnungen und pessimistische Befürchtungen muthen uns oft, wie ein Drama, an. Es fehlt hier weder an der Schürzung des Knotens noch an *) Eine ganz vorzügliche, vielleicht bis jetzt noch nicht übertrolfeue Darstellung über Sachs, seine I^istungen, sein Wesen, sein I.!eben und Streben, seine Bedentung und seinen Churakter giebt Graetz (Geschichte der Juden Bd. XI. 1870 8. &71—578) iu einer scharf umrissenen Paralelle mit Holdheim, Sachs' Antipoden und Collegen — in partihns inlidelium.