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Das jüdische Literaturblatt · 1894-12-30 · No. 52. (30.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 52. (30.12.1894)
Date
1894-12-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Litteratur-Blatt. Zur Beleuclitun;; «11er .Turtenthum unrt Jurten betrelVenrten litterarisehen Krsoheiiimijren «uf dein (ieblete der I'hilo- Sophie, Gesehiehte, Etlmojrraphio, Theo- 10Rie Orientali«, KxoRese, Honiilelik, I.iturtrik u. PililttRoffik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 30. December 1894. lliieher rter einsehlkpiRcn I.itteratur, welche rter Rcrtaction zuResanrtt werden, finden in diesem Blatte eingehende Hespreehnng. Bei Einsendung von zwei Recensions - Exemplaren eriblgt einmalige kurze Gratis- Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition der IsrNtochenschrift.) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift, die vierteljährlich hei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. _ Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden Buchhändler u Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten 25 ״/״ Rabatt. David Friedländer. Von B. R. II. Einigermaassen abgeschwächt wird allerdings Fried-!anders Schuld durch die Roheit der damaligen Orthodoxie, die auch in den gerechtesten Forderungen dem Geiste der neuen Zeit nicht nachgab, die z. B. bei der Beerdigung der Todten die jedes Gefühl der Pietät, jede vernünftige gesundheits-polizeiliche Ordnung verhöhnende Unsitte der überraschen Bestattung beibehielt. Mendelssohn, der doch mit Energie gegen diese Unsitte aufgetreten war, ist nicht davor behütet geblieben, dass seine Leiche, nach alter Manier, einen Tag nach seinem Todestage zum Grabe getragen wurde; dass nicht eine noch frevelhaftere Eile angewendet wurde, hatte er wahrscheinlich dem günstigen Umstande zu danken, dass er am frühen Morgen starb. Auch sein Freund und Mitkämpfer in dieser Angelegenheit musste im Tode als ein stiller Mann sich den Anordnungen der Strengfrommen fügen. Solche Ausschreitungen der Fanatiker,( die das Heft in Händen hatten, machen es einigermassen erklärlich, dass dem nachmendelssohn’schen Geschlecht die Geduld riss, das M.’s Milde und Versöhnlichkeit nicht auf diejenigen überging, die nach ihm ein Führerrecht der Aufgeklärten unter den Juden in Anspruch nahmen. Aber gerade den Freisinnigen liegt in diesem Falle und in allen ähnlichen die Pflicht einer grösseren Rücksichtnahme und Schnm-mpf ״K רד;« , unter den Juden lebten unter engen Verhältnissen, ohne Kenntniss der civilisirten Welt und ihrer Forderungen, von einer unbestimmten Furcht beherrscht, dass wenn sie nur um Haaresbreite nachgäben, der ganze religiöse Bau in Trümmer sänke, der Geist der Verneinung und des Unglaubens alle Dämme einreissen und alle Religion zerstören würde. Auch der historische Sinn ist in diesen Kreisen unausgebildet; zwischen dem was uralte mosaische Ordnung, was durch die jahrtausendelange Beobachtung ehrwürdiges Herkommen war und irgend einem Brauche, der der Grille eines polnischen Rabbi oder einem fremden Aberglauben seinen Ursprung verdankte, gab es in diesen engen Köpfen keinen Unterschied. »Es steht geschrieben,« dadurch wurde ein (Zeremoniell beglaubigt und es war nahezu gleichgültig, ob es in der Tora oder im Talmud oder in. irgend einer Scharteke geschrieben stand, Den »Aufgeklärten« mussten und müssen derartig wohlmeinende, aber geistig zurnckgebliebene Leute kein Gegenstand des Spottes oder gar der Verfolgung sein, sondern diese Beschränkten müssen wie Kranke mit Milde, mit Vorsicht auch in ihren Grillen und Launen behandelt werden und man soll danach trachten, ihr Vertrauen zu gowinnen. So that es Mendelssohn oft wohl unter schweren persönlichen Opfern. Aber ein Friedländer war nicht aufgeklärt, sondern macht nur die Mode der Aufklärung mit, er plauderte nur nach; es ist bezeichnend für seine Unselbstständigkeit, dass er, weil er seine Jugend in einem Kreise verlebt hatte, die den jungen Goethe nicht genügend würdigte, er bis in sein spätes Alter sich in Goethe nicht finden konnte und er ist doch erst einige Zeit nach Goethe gestorben. So ist er selbst einem durchaus freisinnigen Menschen zuwider durch die aufdringliehe Manier, mit der er seine Aufklärung zu Markte trägt und wie ein Hausirer anpreist, durch die lächerliehe Unfähigkeit, sich in den Ideenkreis der Altfrommen versetzen zu können. Das sicherste Zeichen für die Aufklärung, Verständuiss für die Anschauung Anderer fehlt ihm vollständig. Dabei bleibt er selbst sich nicht treu; er wechselt seine Ansichten, ohne etwa in einem natürlichen Processe aus dem alten Ideenkreise herauszuwachsen, sondern er wechselt sie, wie man Kleider wechselt, wie Dinge, die einem gar nicht organisch angehören, sondern die ihm allezeit nur ein Aeusserliches geblieben sind. Derselbe Mann, der sich auf der Höhe des Mannesalters zur Taufe anbot, konnte als betagter Mann, im Jahre 1815, Predigten veröffentlichen, in denen sich folgende Sätze befinden: »Wir wollen auch nicht durch kindischen Spott, Hohn und Verachtung der Leichtsinnigen uns in unserer Religion irre nmchen biss«״ weil man Sitten, Sprache und Manieren an uns verhöhnt. — Welcher Mann, welche Frau von Gewissen, von Gefühl, wahrer Ehre kann seine Religion ohne Ueberzeugung ans Modesncht und Eitelkeit oder niedrigem Eigennutz wechseln, wie man Kleid und Stunde der Mahlzeit wechselt; wechseln um einiger Bequemlichkeit oder um Vortheile willen, die vergänglich und eitel sind. Nein, so wollen wir nicht das Heiligste entweihen, was der Mensch besitzt: Gewissensruhe, Redlichkeit, Wahrheitsliebe. Das lassen Sie, theure Religionsgenossen, an dem heutigen Feste der Trnuei und der Busse uns ernsthaft hoschliessen und fest daran mit halten, dann wird es wahr werden, was Jesajas verkündigt: »Front euch mit Jerusalem, Ihr, die iiir sie lieht, Nehmt Antheil an ihrer AN onne Ihr, die ihr sie sonst betrauert.« Er spricht davon, »dass bald Freiheit dos Geistes, bald Leichtsinn, oft bessere Einsicht, öfter sinnliche Lust und Nachahmungssucht an dom Gerüste ihrer Religionsverfassung vieles zu tadeln, zu ver-

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