Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5367336-6582189-5991494--2635-5369438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 51. Jüdisches Jahrg. XXIII. Litteratur-Blatt. Zur Bolcnclmmjr aller Jmlenthuni und Juden!jetreirendoii litterarisrhen Kr* soheinunvun auf d«*m (iebiote der Philo* »01>hie,4iesehiehte, Kthnojrraphie, Theolojrie Orientalia, Kxoffuse, Homiletik. Liturgik u. P1kdapoj.dk. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 21. December 1894. Büehnr der einschlHgigen Litteratur, welche der Redaction *upesandt werden, finden in diesem Blatte einptdiende Besprechnng. B«*i Einsendung von zwei Reeensiona * Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratia-Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ ersrheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlnngen (in Magdeburg bei der •Expedition der lsr. Wochenschrift«) סזון Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich bei allen Postanstaltcn und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile. Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senilen. Buchhändler u Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten .5 ״/״ Rabatt. David Friedländer. Von B. R. I. David Friedländer betrachtet sich oder giebt sich als den eigentlichen E r b e n, als den Nachfolger Mendelssohns. Aber wir sind nicht verpflichtet, derartige Erbansprüche ohne Weiteres gelten zu lassen. Oft genug soll ein derartiges Auftreten nur ganz anders geartete Bestrebungen verdecken, und nicht ganz correcte Waare soll unter falscher Flagge Eingang finden. Allerdings hatte Friedländer das Glück, lange Zeit im Hause Mendelssohns zu verkehren und manche Anregung dort zu empfangen, aber weit energischer wirkte auf ihn das damals ausserordentlich leichtfertige Berlin ein, das von festen Grundsätzen in religiösen und sittliehen Dingen überhaupt nicht viel hielt. Friedländer hat seine führende Stellung im Wesentliehen seinem Besitze zu danken, dem Umstande, dass er, als reicher Mann, überhaupt noch ideale Interessen hatte; er hat, das soll nicht bestritten werden, seine Verdienste um das Judenthum. Erwägt man den Lauf der Welt, wo so viele reiche Kaufleute einzig ihren Geschäften, ihren Vergnügungen leben, so verdient es immerhin Anerkennung, dass F. seine Muss!' der Wissenseliaft und den öffentlichen Angelegenheiten widmete, dass er den Ehrgeiz hatte, am Werke der politischen und religiösen Emancipation der Juden zu arbeiten. Friedländer war auch ein freigebiger Mann; er war durch die Schule Mendelssohns gegangen; von dort hatte er die Lehre, dass der Reichtlmm Pflichten auflegt, (ricliesse oblige) und bekanntlich wissen auch in unserer Zeit, wo doch die socialen Probleme im Vordergrund stehen, nicht viele reiche Leute, dass ein grosser Besitz zu edlem Thun verpflichtet. Aber bei Friedländer war der Reichthum die notliwendige, nicht wegzudenkende Grundlage für seine schriftstellerische Bedeutung. Mendelssohn war ein Philosoph und Bibelforscher, der auch Kaufmann gewesen ist. der so fest auf der Höhe seines literarischen Berufes, seiner civilisatorischen Sendung stand, dass wir seine untergeordnete kaufmännische Stellung, die doch fast den grössten Tlieil seines Lebens ausfüllte, fast vergessen; Friedliiuder war ein Kaufmann, der weil seine Mittel es ihm erlaubten, den Philosophen spielte und in befreundeten Kreisen auch dafür galt. In seinem Comptoir, in schien Geschäftsbüchern war er zu Hause, in den Wissenschaften ist er nie mehr als ein Gast, als ein Dilettant gewesen; für einen reichen Kaufmann war er kein übler Schriftsteller, für einen Fabrikanten ein beachtenswerther Bibelkenner, unter den Speculanten seiner auch in mercautiler Be- Ziehung so bewegten Zeit konnte er für einen philosophischen, für einen speculativen Kopf gelten, aber er besass nicht entfernt die Fähigkeit, eine grosse schriftstellerische Wirkung zu erzielen. Wenn David Friedländer sich als Erben Mendelssohn s giebt, so müssen wir den Vergleich dahin ausdehnen, dass er das Erbe verprasst und verlottert hat. Nur Schmeichler und Unkundige konnten dem reichen Fabrikanten, der ein grosses Haus ausmachte, diesen Ehrentitel geben. Es giebt keinen schrofferen Gegensatz als das Verhalten Mendelssohn’8 gegen Lavater und das Friedländers gegen Teller. In beiden Fällen kam der Uebertritt eines hervorragenden jüdischen Führers zum Christenthum in Frage. Aber Mendelssohn war von Lavater in diesen unliebsamen Streit hineingedrängt worden, Friedländer hat ganz ohne Noth auf dieses gefährliche Gebiet sich gewagt; Mendelssohn war von dem christlichen Geistlichen provocirt worden, Friedländer hat den milden und liebenswürdigen Consistorialrath T. in einer für einen christlichen Geistlichen geradezu beleidigenden Weise provocirt. Und wie geschickt und gut hat Mendelssohn sein Judenthum vertheidigt, ohne irgendwie den Christliehen Glaubensgrundsätzen zu nahe zu treten, während Friedländer Christenthum und Judenthum gleich tief verletzt hat. Friedländer verlangte in dem bekannten Sendschreiben von dem Probst Teller, dem Prediger der Petrikirche, wenn wir aus der Menge wüster Redensarten den Kern herausschälen, im Grunde nichts Anderes. als dass ihn der Geistliche taufen solle, ohne dass er darum Christ würde. Giebt es eine beleidigendere Zumuthung für einen ehrbaren Geistlichen? Heisst dies nicht soviel als dem Geistlichen zu verstehen geben, dass ihm selbst der ganze Glaubensgehalt der Kirche abhanden gekommen sei? Während LavatersGebühren doch nur für Mendelssohn gefährlich werden konnte, konnte Friedländer’s Auftreten sehr wohl für Teller Schwierigkeiten schaffen, denn in dem damaligen preussischen Kirchenregimente waren längst nicht mehr die freisinnigen Anschauungen Friedrichs maassgebend, sondern strengkirchliche Principieu hatten die Oberhand gewonnen, welche sogar einem Kant die letzten Lebensjahre verbittert und manche Unklarheitin seinen spätem Sbhrifteu veranlasst haben, und die allen freisinnigen Geistlichen schwere Hindernisse bereiteteu. Friedländer hatte auch ein böses Gewissen, als er diesen Schritt unternahm; während Mendelssohn und Lavater im vollen Lichte der ()Öffentlichkeit mit einander verhandelten, hüllte sich Fried lau der, als er die Schriftstücke veröffentlichte, in Anonymität. Friedliimler hatte nicht den Muth selbst im Briefwechsel mit fernab