Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 49. (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 49. Jüdisches Jahrg.xxm. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller .lurientlmrn uml Juden betreuenden IHterarisehen Krsoheinmuren auf <lem Gebiete der Philo* Sophie, Geschichte, Kthnopraphie, Theo* logie Orientaüa, Kxejrese, Homiletik, Litunrffc u.!,aiiapogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahiucr. Magdeburg, den 7. December 1894. Bücher der einschlU^gen Li tteratur, welche der Rednetion ziiKesandtwerden, finden in diesem Blatte eingehende Be sprechunp. Bei Einsendung von \7. w e'i Reecnsions* Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratia-Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlnngen (in Magdeburg bei der >Expedition der Isr. Wochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich hei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler u Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten 25 % Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. xv7 »Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum« ist allgemein bekannt, enthält ausserdem wenig, was nicht schon in den vorangegangenen Stücken erörtert worden ist. Aus den »Morgenstunden«, die keineswegs philosophisches Gold im Munde haben, ist das Schönste jene tief ergreifende Betrachtung über den »Nathan« und über die Vereinsamung und die Bitterniss, die grade durch den »Nathan« überLessing’s letzte Lebensjahre gekommen war. (Bd. II. S. 36Ü—3G8 und S. 407—409). Auf Befehl der Regierung sollte der Oberrabbiner von Berlin, Hirschei Lewin, die Ritualgesetze der Juden, betreffend Erbschaften, Testamente, Vormundschäften, auch Ehesachen, soweit sie das Mein und Dein angehen, in einem deutschen Auszug entwickeln; der Rabbi übertrug dies Moses Mendelssohn. Mendelssohn veröffentlichte diesen Auszug mit einer kurzen Einleitung, die insofern interessant ist, als sie Fragen erledigt, die zwar unter den Juden nie strittig gewesen sind, aber wegen deren von judenfeindlicher Seite viel Staub auf ge wirbelt worden ist. Die Judenfeinde haben den Schulehan-Aruch als unverbrüchlichen Gesetzeskodex hingestellt und jede Aeusseruug dieser Bücher, die dem humanen Geiste widerspricht, dem Judenthum zur Last gelegt. Dem gegenüber haben die deutschen Rabbiner in einer »Erklärung« ausgesprochen, der Schulchan-Aruch hat niemals für sich allein, sondern stets nur dann als maassgebend für die Entscheidung gegölten, wenn er durch das Zurückgehen auf die Quellen seine Bestätigung erhielt«. Nach einer weitergehenden Aeusserung war überhaupt der Schulchan-Aruch nicht mehr als eine Privatarbeit eines sehr gelehrten Rab biners, der ohne Auftrag, ohne Autorität seinen gelehrten Neigungen folgend, dies Werk verfasst hatte. Aber diese Aeusserungen wurden von den Judenfeinden angezweifelt, als seien sie ad hoc präparirt. Da ist es lehrreich für alle diejenigen, die ohne gerade die Materie genau zu kennen, nach einem unbefangenen Urtheil streben, wie M. dies Verhältniss darstellt, und M. spricht nicht nur in seinem Namen, sondern unterstützt von der Autorität des streng orthodoxen Berliner Rabbiners. M. constatirt mm, »dass die Verfasser des Scliulchan-Aruch als Männer von sehr erleuchteten Ansichten und heiligen Sitten bei der Nation in grossem Ansehen stehen, aber doch keine gesetzgebende Gewalt haben, auch nicht schlechterdings für unfehlbar gehalten werden; demnach können ihre Aussprüche und Entscheidungen zweifelhafter Sätze nur gültig sein, insoweit sie sich auf den Talmud selbst oder richtige Argumentation aus dem Talmud gründen oder wenigstens demselben nicht zuwider sind. Wenn aber spätere Lehrer des Rechts in ihren Schriften zuweilen nöthig gefunden, von den Versionen des Schulchan-Aruch abzugehen und ihre Behauptungen durch triftige Gründe aus dem Talmud dargethan haben, 80 hat auch der Gebrauch sich nach ihnen lenken und vom Schulchan- Aruch abweichen müssen,« Hier ist klar der Charakter des Schulchan-Aruch und seine Dignität gezeichnet; er hat für sich allein gar keine Autorität. Der Talmud wird ganz conform mit der Erklärung der deutsehen Rabbiner als die Quelle des mündlichen Gesetzes bezeichnet. (Siehe die Einleitung Bd. VI. Seite 5 bis Seite 8.) Mendelssohn hat auch einige Predigten verfasst und veröffentlicht. Die Friedenspredigt, die er zur Feier des Hubertsburger Friedens veröffentlichte, hat mehr als den Werth einer Curiosität; sie ist keine einfache Nachahmung der christlichen Predigt, sondern sie hat entschieden jüdisches Colorit und hat guten deutschen Stil; es sind lange nach Mendelssohn, als die deutsche Predigt schon Heimathsrecht in der Sjnagoge hatte, von ganz achtbaren Männern religiöse Reden gehalten, die weit unselbstständiger waren, die entweder eine allgemeine moralische Betrachtung ohne jeden specifisch jüdischen Inhalt boten oder die altpolnische »Derascha’s« in deutschen Worten enthielten. In der Synagoge soll man keine Predigt hören, wie sie in jeder protestantischen Kirche gehalten wird; aber auch jene Geistesgymnastik, die in den verblüffendsten Verrenkengen von Bibel und Talmudstellen bestand, sollte natürlich keine Stätte haben. M., obgleich er offenbar einige Zugeständnisse an den schlechten Geschmack seiner Zuhörer in der Friedenspredigt macht, trifft ziemlich gut die rechte Mitte, er ist kein trockner Moralist, er ist kein witziger, mehr unterhaltlicher als erbaulicher Darschan, er unterwirft sich keinem protestantischem Muster, er giebt der Rede, indem er aus der Fülle der biblischen und noch mehr der talmudisclien Literatur schöpft, ein eigenthümliches Gepräge. Vielleicht hätte die deutsche Predigt, welche doch nur mit Schwierigkeit sich in der Synagoge hat einbürgern kömieu, weniger Sehwierigkeiten gefunden, wenn sie das Vorbild M.'s besser beachtet hätte, wenn sie nicht zuerst nüchtern und kahl, gar zu energisch mit allen jüdischen Traditionen gebrochen hätte. Dazu kommt noch, dass M. durchaus wahr ist in dieser Rede und sich, trotzdem der Anlass verführerisch genug war, zu keinen Ueberschwänglichkeiten hinreissen lässt. So ist die Friedenspredigt kulturgeschichtlich wichtig, aber auch an sieh keineswegs werthlos. (Fortsetzung folgt.)