Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 48. (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 48. Jüdisches Jahrg.XXm Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Jurientlmm und Juden!»^treffenden litteraiischen Kraeheimingen auf dem Gebiete der Philosophie, (iesehiehte, Ethnographie, Theologic Orientalia, Exegese, Homiletik, I.iturgik u. Piidagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahnier. Magdeburg, den 30. November 1894. Bücher der einschlHfrfgen I.ittoratur, welche der Redactlon zuge&andtwerdcn, finden ln diesem Blatte eingehende Bt> sprechung. Bel Einsendung Ton zwei Reconslons-Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratis-Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition de Isr. Wochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die viertel jährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler n. Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten 25 °/0 Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. xv7 Zweite Frage. »Aus welchen Gründen derselbe die Zeugnisse für den Glauben der Christen verwerfe, die in dem A. T. vorkommen und unter den Mosaischen Gesetzen selbst als göttliehe Eingebungen angenommen werden?« »Ich habe sie gelesen, die Stellen alle im A. T., auf welchen die Wahrheit jenes Glaubens beruhen soll, mit Aufmerksamkeit und mehr als einmal im Zusammenhänge gelesen. Wie unaussprechlich elend wäre das Schicksal der Menschen, wenn von der Auslegung dunkler Stellen in einem Buche, das vor undenklichen Zeiten, in einer fremden, jetzt todton Sprache für ein bestimmtes Volk in Asien geschrieben worden, die ganze Glückseligkeit des ganzen menschlichen Geschlechts abhängen sollte! Ich glaube, die Sprache des Grundtextes so gut als irgend ein Neuerer zu verstehen, denn sie ist gleichsam meine zweit«' Muttersprache. Mir scheinen di<>se Stellen alle nicht die geringste Spur eines Beweises zu enthalten. Hat mich etwa ein Vorurtheil geblendet oder ist es an dem? Die Auslegungen der Theologen von diesen Stellen haben mir an vielen Orten offenbar falsch und an den übrigen höchst gezwungen und willkürlich geschienen. Zu meinem Tröste Hilde ich, dass die neueren Exegeten, die mit Geschmack und Weltweishuit zur Auslegung der Bibel schreiten, schon so manche Stelle aufgehen, die man sonst für sehr heweisend gehalten. Ich meines Theils nehme mir die Freiheit, diese Streitigkeiten Uber die Auslegung mancher Schriftsti'llen als ein gelehrtes Spielwerk zu betrachten und mich seihst damit zu belustigen. Alu'r Gott sei meiner Seele gnädig! ich kann mir den Grund meiner ewigen Seligkeit unmöglich aus den räthselliaften Träumen Dani«!ls herausziffern, oder aus der erhabenen Poesie eines Propheten herauscommentiren. Diese Schriften sind zur Erweckung des Herzens, aber nicht zur Bi'Ichrung des Verstandes geschrieben. Durchlauchtigster Prinz! Ich fürchte, meiner Feder allzu freien!.auf gelassen zu haben, und würde untröstlich sein, wenn ich das Unglück hätte, durch ailzugrosse Freimiithigkeit mir Ew. Durchlaucht Ungnade zuzuzit'hen. Ich hr«*che mit Zittern liier ah und (‘rwarte mein Schicksal mit der <|11äl(‘11dstc11 Ungeduld. Dem allgiitigen Herzi'iiskiimliger ist bekannt, dass ich die Wahrheit aufrichtig suche, und das <>s mein unveräinderlieher Vorsatz ist, niemals mit meinem Wissen einer v(“rnü11ftigen Seele Aergerniss zu gehen. Alle Gelegenbeiten, über diese Punkte in öffentliche oder Privat-Streitigkeit«‘11 zu gerathen, werde icli zeitlcht'ns zu vermeiden suchen. — Ew. Durchlaucht allein habe auf Dero gnädigsteil Befehl, meine Gesinnungen weder verhehlen noch vi'rstellen können. Ich Irin von Dero «'rhahener Denkungsart versielx'rt, dass Sie nichts als Aufrichtigkeit von mir «,rwarte״ und mir zugleich die Redlichkeit Zutrauen, ni<“- mul» selbst von diesen Gesinnung«‘!! schädlichen Gebrauch zu machen. Ich verachte die kleine Denkungsart der Freigeister, die sich ein sehr schadenfrohes Vergnügen machen, die Unschuld ihrer Zufriedenheit zu stören, und mit dem Eiferer, der dieses aus irrendem Gewissen thut, kann ich nicht anders als Mitleid haben. Ich nehme mir daher die Kühnheit, Ew. Durchlaucht unterthänigst zu bitten, dieses Schreiben zu vernichten, damit es nicht dereinst in die Hände eines Menschen gerathe, der es missbrauchen, oder vermöge seines Standes sich für verhunden halten könnte, darüber Streit zu erregen. Unser gemeinschaftlicher Vater, der uns nach unserm Gewissen richt<“t, kann kein Herz verwerfen, das ihn inbrünstig liebet, und aus Unwissenheit, nicht aus Bosheit irrt. - Dieser Geber alles Guten lasse Ew. Durchlaucht alle die Segenswünsche angedeihen, die, mit allen Bewunderem grosser Tugenden, im Herzen hegt n. 8. w.« Oie Vorrede zur ״Kettung der Juden“. Wohl die reifste Frucht Mendelssohn’schen Denkens ist die Vorrede, welche er der von ihm angeregten Uebersetzung eines Buches des Mauasse ben Israel, »Rettung der Juden«, gegeben hat. Von dem Buche des berühmten Amsterdamer Rabbi sind nicht alle Kapitel gleichmässig. jedenfalls nicht alle gleich geeignet, die gegen die Jiulen herrschenden Vorurtheile zu zerstreuen. M. hat wahrscheinlich, als er die Absicht fasste, dies<>8 Buch auf’s Neue in die Welt zu schicken, nur an das erste Kapitel, wo die Blutbeschuldigung znriickgewmsen wird, gedacht und dieses Kapitel ist allerdings ganz ausgezeichnet; es steht im Wesentlichen in neueren und neuesten Büchern, die sich jetzt der wieder zeitgeiniiss gewordenen Frage widmen, nichts mehr. Aber einen nahezu unübertrefflichen Werth hat dies alte Buch durch die Vorrede M.’s erhalten. Kühn und wahr, scharf und treffend, spricht M. für seine Glaubensgenossen, «‘r erhebt energisch seine Stimme gegen die durch die Tortur erzwungenen Bekenntuiss«' jüdischer Verbrechen, auf die man sich wie auf gericlitlich festgestellte Thatsaclien beruft; vor Allem tritt er als beredter Anwalt der religiösen Freiheit, der Aufhebung aller kirchlichen Rechte, hervor und entwickelt völlig neue Gedankenreihen. Wie anders muthen uns «liese Untersuchungen an, als seinefrostigeen alt1no«lis«‘he11 Diatriben über philosophische Schulbegriffe. Wie würde sein Herz aufjauchzen, wenn er sähe, wie jetzt die Juden in Justiz und Militär dem Staat«' sieh imgeschlossen haben und alle Sonderrechte geschwunden sind; «'r hat mitgeholfen den gegenwürtigon Zustand herzustellen. Dohm hatti“ so wie für jede kirchliche Gemeinschaft auch für die jüdische das Recht der »Ausschliessuug < verlangt und die Unterstützung der Obrigkeit für dies Erkenntuiss der Rabbiner im Falle «l«*r Widersetzung als recht anerkaimt. nur meinte er. dürft*1 das Bann recht nie über die religiöse Gesellschaft hinausgehen und in der