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Das jüdische Literaturblatt · 1894-11-09 · No. 45. (9.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 45. (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 45. Jüdisches Jahrg. XXIII. Litteratur-Blatt. Zur Bohmehning aller JmU’nthum und Juden botrertenden Htterarischen Kr• sehoinunpen auf dem Gebiete der Philosophic.Gesrliiehte, Kthnograpliie, Thoo* logie Orientalin, Kxogose, Iloinilwik, Liturgik u. I'adapopik. Herausgegeben voll Rabbiner Dr. Moritz Knhincr. Magdeburg, den 9. November 1894. Bücher der einschlägigen Littoratnr, welche der Redaetion 7.ugesandt werden, finden in diesem Blatte eingehende Be• sprechung. Bei Klnsendung von 7. w e i Rceonsions-Kxomplaren erfolgt einmalige kurze Gratis •Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allrn Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition der lsr. Woclirnschrift*) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, dio vierteljährlich bei allen Postanstalten und Ihichhandlumren 3 Mark zahlen, erhalten das »Jfidisrho Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler u Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten 25 °/0 Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von n. R. XTL 0 ׳ ihr meine Nebenmenselien. die ihr Kinder eines andern Glaubens seid, bedenket, dass das Leben einen sehr geringen Werth hat. wenn es nicht mit allen Rechten und Vorzügen des geselligen Menschen verbumlen ist. Schmach und die iiusserste Verachtung sind Demjenigen, der sie nicht verdient, zuweilen härter als der Tod, mul diese folgen einem Bekenner des Jmlenthuins auf allen Tritten nach. Von aller biirgerliehen Ehre entfernt, und zur niedrigsten der Stufen hinabgestossen, die die Stände des gesitteten Lehens unterscheiden, können wir die Talente und Fällig keiten, die uns die milde Natur in so reichem Maasse als ihren übrigen Kindern gegeben, weder ausbilden noch anwenden, noch 7.11 unserer Nebenmenselien Besten recht gebrauchen. Wo die liebreichste Toleranz herrscht, da wird sie in Ansehung unserer am Wenigsten ansgeübt. Wo Künste und Wissenschaften blühen, müssen wir in Barbarei Zurückbleiben, Man suchet die Staaten zu bevölkern, und wir allein werden eingeschränkt, damit wir uns nicht vermehren. Man timt alles Mügliehe, uns zu unnützen Bürgern zu machen, und man wirft uns vor, dass wir nicht nützlich genug sind. Wer die Zunge oder die Feder rühren kann, borgt sie zur Verspottung eines Volkes, das man durch alle mögliche Anstalten hat verächtlich zu machen gesucht. Alle diese Erniedrigungen ertragen wir mit der standliaftesten Geduld, und wohl uns 1 dass wir ihrer überhoben sein könnten, wenn es möglich wäre — zu heucheln. SetZet hinzu die eingeschränktesten Mittel des Erwerbs, und die vielerlei Auflagen und Steuern, die wir bloss für unseren Glauben zu entrichten haben. Setzet hinzu die in einigen Staaten noch nicht ungewöhnlichen Austreibungen und andere Kränkungen, die man sieh in den gesittetsten Staaten noch gegen meine Glaubensgenossen erlaubt. In der That. wäre es nicht Liebe zu der Religion unserer Väter, die wir im Herzen für wahr halten, und mit dem Munde nicht verleugnen wollen, was könnte uns abhalten, durch ein falsches Hekenntniss uns und unsere Nachkommen allen Denen gleich zu machen, die uns itzt so schnöde verachten. Die Mittel uns aller dieser Schmach zu überheben, und was das Zeitliche betrifft, aus dem Elende in die glänzendsten Glücksuinstäiide zu versetzen, sind so schwer nicht. Es kömmt nicht darauf im, eine Lehre, die wir nicht glauben können, im Ernste nnzunelunen; wir dürfen nur gewissenlos sein, und mit dem Mumie naclisprcchcn. Wir sehen diese Mittel gar wohl, und sie werden uns von allen Seiten liebreich angeboten, aber die Liebe zu der Religion unserer Väter — sie ist stärker als Tod und Elend. — Die »Unitarier« hingegen haben, was die äusseren U mstände betrifft, ein weit günstigeres Schicksal. Sie gemessen mit den Anhängern der lierrsehenden Religion alle zeitlichen Vortheile, die mit dem Bekenntniss dieses Glaubens verbunden sind; da sie sowohl als die »Athanasier« das N. T. als ein Werk göttlicher Eingebung, und Jesum an Nazareth für den wahren Messias halten, so fanden sie für gut, den Namen Christen (d. i. Anhänger des Messias) beizubehalten. Ob sie gleich in derselben Schrift ganz andere Lehren finden, und von dem Worte »göttliche Eingebung« selbst andere Begriffe haben als die Anhänger des Athanasius, obgleich der Messias selbst, den sie erkennen, von Jenen als eine Person der Gottheit angebehd und von Diesen nur als menschlicher Prophet verehrt wird, so hielten es doch die Unitarier nicht für rathsain, vielleicht nicht für nötliig, den Namen Christen (□,,ימשיח, der es unbestimmt lässt, ob man einen Gott oder einen Menschen für Diesen משיח erkennt, abzuändern. Ihre Religion legt ihnen übrigens keine Gebräuche und gottesdienstliche Uebungen auf, dadurch sie sich etwa von ihren Brüdern, wie wir, unterscheiden müssten. Das Aeusserliche ihrer Religion hat nicht das geringste Unterscheidungszeichen, und da das Volk, welches Ehre und Schande nach seiner Einsicht ausspendet, nur das Aeusserliche kennet, so ist leicht zu erachten, dass sie von dieser Seite sich nicht zu beklagen haben werden. Mit ihren heterodoxen Lehren halten sie grösstentheils an sich, oder suchen sie insgeheim auszubreiten. Was etwa davon bekannt wird, das hat immer noch den Worten nach einen Schein der Conformität mit der herrschenden Religion, wodurch sie alles Aergerniss und einen nicht geringen Theil der Gefahren vermeiden, die mit Neuerungen verbunden sind. Der gemeine Mann begnügt sieh an dieser äusseren Scliaale, und der Scharfsichtige, der bis auf den Kern durchsieht, ist entweder ein duldender Menschenfreund, oder es entstehet ein Scluilgezänke, das Gottlob 1 in unsern Tagen nicht so leicht Menschenblut kostet. Wenn ein Unitarier mich aufforderte, über Religionspunkte mit ihm zu streiten, so würde ich ihm ins Ohr sagen: Freund, ich bin Der nicht, den du suchest. Da du dich in den wesentlichen Religion»- punkten der Glaubenslehre meiner Väter so merklich genähert hast, so lass uns über unwichtige Nebenpunkte keim« Streitübung anstellen, die nur die Zuschauer belustigen würde. Ich habe überhaupt keinen Beruf, über Religionssachen zu streiten. Glaubst du aber, dass Dieses deine Pflicht sei, so suche dir einen wichtigeren Gegner, der in den Hauptgrumlsiitzcn des Glaubens von dir ahgehet, Jenen suche von dem Un-

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