Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 37. (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 37. Jüdisches Jahrg. XXIII Litteratur-Blatt. Zur nolrnelitnnu aller .luilrnilmm mul Jiulon bHrt’lVpjMlon Ht1»*rarisf!u*n Kr• fK'hcintlliKen auf «ln« (;rillet*' •1er Philo• sophie,<ie*rhi<,ht1\ KlhiioKrnphie, Theo* loffie Orientalia. Kxrp*s<\ Homiletik, Liturgik 11. PddaKo^ik. H 1* r a 11 s g 0 g e 1) c n von Rabbiner I)r. Moritz Itahmer. Magdeburg, den 14. September 1894. Bücher der einschlilpUen Utteratur, welche der Redactlon zugesandl werden. finden in diesem Blatte eingehende Be• spreehitng. Rel Klusendung von twe! Reeensions Kxemplarcn erfolgt einmalige kurze (!ratia-Inscrtion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition der Isr. Wochenschrift׳) pro Quarta): 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochonschrift«, dio vierteljährlich hei allen Postanstalten und Iluelihandlumren 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Eittoratur-Blatt« gratis, — Inserat© werden mit 25 Pf. fiir die gespaltene Petitzeile. Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Plattes zu senden. Buchhändler u Lehrer, welche direkt an die Ex!»cdiüon Inserate rinnenden, erhalten 25 °/0 Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. VI~ Diese Fanatiker waren nicht so <111111111 und heschränkt, als cs den Anschein hatte; sie waren durch das Tnhmidstudiuin geschärft und merkten die Gefahr, die der damaligen Fiusterniss durch ein geordnetes Bibelstudium und gute deutsche Spraclikenntniss drohte; schon in der hebräischen Grammatik witterten sie eine Gegnerin, und dies Gefühl täuschte sie nicht, denn vor der Grammatik sanken Tliürme talmudisclier Gelehrsamkeit wie Kartenhäuser zusammen. Diese gelehrten Häupter, denen Mendelssohn in seinem Leben wie in seinen Schriften seinen Respekt bezeugte, vielleicht weit mehr, weil er sie fürchtete, als weil er sie ehrte, waren von der erstaunlichsten Unkunde in der heiligen Schrift, die sie, soweit nicht die fünf Bücher Mosis in Betracht kamen, meist nur aus talinudisohen Citaten kannten; selbst die Gebete wurden nicht selten in einer loddrigen Weise gesprochen, und wie es einen deutschen Jargon gab, so gab es auch einen hebräischen Jargon; dies lässt sich, da einige Ausläufer dieser ausschliesslich talmudisclien Aura jetzt noch existireu, noch aus Beispielen, die der Gegenwart entnommen sind, feststellen. Dieser ganzen Ghettoherrlichkeit bereitete Mendelssolm’s Uebersetzung ein jähes Ende. Was Wunder, dass die Vertreter des strengen Talmudismus noch einmal das alte Rüstzeug versuchten und Bannstrahlen gegen den Uebersetzer schleuderten, dessen Werk wissenschaftlich zu beurtheilen, sie völlig ausser Stande waren; und diese Blitze hatten damals ihre zündende Kraft noch nicht völlig verloren. Wenn Mendelssohn gegen das Bannrecht der Geistlichkeit, überhaupt gegen jedes weltliche Recht der Kirche so energisch sich erhob, so hatten ihn dazu nicht nur die weltgcschichtliehen Beispiele kirchlicher Unduldsamkeit veranlasst, sondern seine persönlichen Erfahrungen hatten ihn belehrt, dass auch Rabbiner, die doch unter dem Joche der Unduldsamkeit seufzten, zuweilen von dem Unfehlbarke’tsdünkel erfasst wurden und mit Bannstrahleu spielten. Es war ihm schwer genug geworden, mit diesen offiziellen Vertretern des Judenthums, die sein Wirken nicht begriffen und deswegen nur um so argwöhnischer es verfolgten, fertig zu werden; er hatte oft nur unter grossen Schwierigkeiten den Weg gefunden zwischen der Scylla und Oharybdis, zwischen der Unduldsamkeit׳ des Staates und dem Fanatismus der Rabbiner, und nahm sonach aus seinen eigenen Erfahrungen Voranlassung, gegen alle weltlichen Rechte der Geistlichkeit zu reden. Mendelssohn hatte auf eine Anfrage, warum er für seine Uebersetzung keine Approbation eines Rabbiners eingeholt habe, geantwortet, dass er dies deswegen unterlassen habe, weil ihm die ganze Sache nicht den geringsten Gewinn bringe; überdies sei es ein deutsches Buch zur Benutzung der Kinder und deren Lehrer. Diese Antwort klingt wie eine Ausflucht; er wollte keine Approbation, weil er diese Vorrechte der Rabbiner, diese geistliche Aufsicht hasste, und er hätte wohl auch keine bekommen. Scharf spricht er seine Geringschätzung dieser Glaubens Wächter in den Worten!ms: »Je mehr sich die sogenannten Weisen der Zeit widersetzen, desto nöthiger ist sie (die Uebersetzung), ich habe sie Anfangs nur für den gemeinen Mann gemacht; finde aber, dass sie für Rabbiner noch viel notliwendiger ist. Ich weiss es leider, wie viel Widerspruch, Hass und Verfolgung die geringste Neuerung, wenn sie auch wichtige Verbesserung zur Folge hat, beim Volke findet. Mögen sie fluchen, ich werde gesegnet sein.« Glücklicherweise konnten die Fanatiker die Wirkung dieses UebersetzungsWerkes nicht aufhalten. Es folgte kurz darauf die Veröffentlichung der Psalmenübersetzung; beide Werke sind keine gelehrten exegetischen Leistungen im modernen Sinne, sondern ihr Werth besteht wesentlich darin, dass sie den Bedürfnissen der damaligen deutschen Juden entgegenkamen, die ihre eigenen, so treu gehegten Heiligthümer im deutschen Gewände besser würdigten und an Mose und David deutsch lernten. Die Uebersetzung der Psalmen ist Ramler gewidmet. Auch diesem Mahne gegenüber bekundet Mendelssohn bei aller Liebenswürdigkeit in der Form seine Selbstständigkeit. Ramler hätte zweifellos bei seiner persönlichen Freundschaft für Mendelssohn und bei seiner Neigung zur Schulmeisterei gern die Arbeit Mendelssohn s im Manuscript durchgesehen und in seiner Art verbessert. Aber das passte offenbar Mendelssolin nicht. Und wie fein verstand es Mendelssohn, seiner Verehrung für <len um die Hebung der ileutsehen Poesie wohlverdienten Mann Ausdruck zu geben und doch seine Arbeit vor der fremden Feile zu retten; er mochte mit Recht fürchten, dass Kamler’s Feile die Form glätten, aber dem Inhalt gefährlich werden könnte. : Hätte ich den Mutli gehabt■,« schreibt Mendelssohn, »Ihnen meine Uebersetzung der Psalmen in der Handschrift zu überreichen, ich weiss, Sie würden für mich die Gefälligkeit gehabt haben, dio Sie keinem Ihrer Freunde versagen; Sie würden meiner rauhen Arbeit den unnachahmlichen Schmelz, die meisterhaft(“ Eleganz verliehen haben, welche bis zu Ihrer Zeit der deutschen Sprache unerreichbar zu sein schien, und jetzt noch