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Das jüdische Literaturblatt · 1894-08-24 · No. 34. (24.8.1894) · p. Seite 136

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 34. (24.8.1894)
Date
1894-08-24
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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13« mus, der schliesslich überall triumphirt. Derselbe Geist lebt auch im Talmud. Gewiss sind in diesem Riesenwerke zuweilen klagende Stimmen zu vernehmen (Erubin 111b.), die das Geborenwerden für kein Glück halten; aber man bedenke, unter welch entsetzlichen Zeitverhältnissen diese vereinzelten Weherufe sich der Brust unsrer Lehrer entrungen, man bedenke, dass auch die stärksten Geister, vom Schicksal hart angefasst, zuweilen vorübergehend von Schrecken und Angst erfüllt werden; man bedenke vor allem, wie selten diese pessimistischen Seufzer im Verhältnis zu den zahlreichen andern Stimmen im Talmud sind, die den optimistischen Grundton laut vernehmen lassen. Der Talmud hat jene friedliche Seelenstimmung mit heranbilden helfen, die den Israeliten auch in den schwersten Stunden aufrecht erhält. Die bliblisch-talmudische Riehtung schätzt die Glücksempfindung nicht als den einzigen aber au eh als!•inen Lebenszweck, sie verbindet den Optimismus des Weltanschauung mit dem Optimismus der Lebensanschauung. Mehr aber noch als die ].ehre beweist das Leben, die Geschichte des Judenthums, dass der konsequenteste Optimismus unsre Weltanschauung ist. Wenn je ein •Stamm eine Berechtigung zum Pessimismus heben dürfte, so ist er der unsre, denn unser Leben war Leiden. Die gesunde Weltanschauung des Judenthums aber hat die geschichtlichen Leiden überwunden, die Idee zeigte sich hier mächtiger als die Erfahrung; wenn dem nicht so gewesen wäre, wenn unsre Väter nicht immer, selbst unter Thränen, gehofft hätten, wir würden die Kraft zur Arbeit, die Empfänglichkeit für Freude und Freiheit längst verloren haben. Ein im Ghetto in ungetrübtem Frohsinn gefeierter Sabbath legt gegen die Anschaumig Protest ein, dass unser Judenthum nicht der Ausdruck des vollendeten Optimismus, sowohl in der Lebenswie in der Weltanschauung sei. Noch unzählige Beispiele aus dem vpraktischen Judenthmn« beweisen dasselbe. — Auf einzelne ]hinkte muss der Kritiker noch hinweisen, bevor er von der hochinteressanten, selbst in ihren vereinzelten Irrtümern lehrreichen Schrift scheidet. Dieselbe behauptet (S. 7), dass Arthur Schopenhauer und Eduard von Hartmann auf Grund von Erfahrungsthatsachen zu dem Schlüsse gelangt seien, dass das Nichtsein dem Dasein vorzuziehen sei. Diese* Behauptung ist aber nur zum Theil gerechtfertigt. Eduard von Hartmann, der unsre Welt für die bestmögliche, aber dennoch für eine herzlich schlechte erklärt, versucht allerdings zumeist auf Erfahrung sein Wissen aufzubauen. Wie wenig diese Erfahrung stichhaltig ist, darüber braucht man nur die Schriften von J. B. Meyer, Pfleiderer, Paulsen u. a. und, was noch überzeugender ist, das Buch des eigenen Lebens zu lesen. Schopenhauer dagegen begründet den Pessimis- 11111s aus dem spekulativen Begriff heraus, aus seiner Willonslohro. Er selbst meint, dass es unmöglich sei, den Pessimismus aus der Erfahrung allein zu erklären, da dieselbe endlos und unübersehbar ist. Wäre Sehopenliauer nicht durch seine Theorie vom Willen zu seiner Lebensauffassung gelangt, die auf diesem Gebiete ja mangelhafte Erfahrung allein hätte nicht genügt, um einen so spekulativen Kopf zum Weltschmerz zu führen. Allerdings, nachdem er einmal theoretisch a priori durch den ewig unhefriegten Willen das leiden der Menschheit erklärt hatte, versuchte er es auch, a posteriori durch Beispiele zu beweisen. — Es ist auch nicht recht erklärlich, wie der Verfasser den Optimismus als Weltanschauung mit dem Optimismus der Lebensanschauung verbinden kann. Der Verfasser selbst ist philosophisch zu sehr geschult, um diese Schwierigkeit nicht zu bemerken, und weist auch (S. 70) darauf hin, glaubt aber vom Standpunkt des erkenntnistlieoretischen Realismus aus, nach welchem die Welt dem Subjekte gegenständlich gegenübersteht«, seine Behauptung aufrecht erhalten zu können. Aber selbst wenn wir uns nicht auf den Standpunkt des subjektiven Idealismus stellen, nach welchem die Welt nur des Menschen Vor- Stellung ist, und wenn wir, dem erkenntniss-theoretischen Realismus folgend, die Welt dem Subjekte -gegenständlieh gegenüberstehen« lassen, so ist doch immerhin der Mensch ein wesentlicher Bestandtheit der Welt; mithin kann doch der Optimismus nicht als Weltanschauung erklärt werden, wenn er nicht auch als Lebensanschauung des Menscheu seine. UerßcjitjgHng., ha!. Djjj,; Moment für sittliche und sociale Fragen, das "(Ter Verfasser aus der Lebensanschauung des Pessimismus herleitet, kann in tieferer Weise durch den konsequenten Opitimismus der Lebensanschauung gewonnen werden. Wenn die Menschen die Freude des Lebens nicht als täuschende Illusion, sondern als wahres Glück hinnehmen und den Zweck des Daseins in der Erreichung idealen und realen Glückes suchen, dann werden sie den Egoismus überwinden und die Wohlfahrt der Gesainmtheit zu fördern suchen. Vor dieser Anschauung verstummt die alles gemeinnützige Wirken lähmende Klage, dass es sich nicht der Mühe verlohnt*, an illusorischen Glücksgütern auch andere theilnehmen zu lassen. Der Optimismus des Judenthums lehrt glücklich sein und glücklich machen, er lässt uns Freuden empfinden und Leiden durch Hoffnung und Streben überwinden. Dieser gesunde Idealismus betrachtet das Leben zwar nur als eine Vorhalle der Ewigkeit, aber als eine Vorhalle, die erleuchtet ist von den Sternen der Freude und des Friedens. — Wenn wir auch in einem wesentlichen Resultate und in verschiedenen Einzelheiten von"dem Verfasser abweichen, so verringert das nicht den Gesammtwerth seiner inhaltsreichen Schrift. Vieles wird der Leser daraus lernen und dankbar als Wahrheit hinnehmen; er wird aber selbst aus der irrthiimliehen Annahme des Pessimismus der Lebensanschauung durch die geistvolle Auffassung und Darstellung reiche Anregung gewinnen. Auch dafür dankbar zu sein, ist — jüdischer Optimismus. In 11a lt. MosesMendelssohn.IIl. — Der Bann im talmudiscben.ScbrjfjthHoi Y* (Schluss.) — Zum Midrasch Samuel ed. Buber. 'Von Dr. Ehrlich.' Recensionen: (ioetein, Dr. II., Die Bibel Uber den Werth des Lebens. Besprochen ton l)r. C. Werner. (Schluss.) Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist untersagt. Litterarischer Anzeiger. Ibis August lieft der ״Monatsschrift für Geschichte und Wissen- Schaft des Judenthums“ enthält folgende Arbeiten: 1*1*11'. I)r. David Kaufmann: Die Familie Zunz. Dr. M.!bann: Dr. Leopold Zunz und seine Frankfurter Almen. Neb-t einer Stammtafel, i'rof. Dr. David Kaufmann: R. L'd! Zu 11 z. Dr. Davi 1 l'osin: Die Zunz'selie Bibel. Dr. •I. T.ieodor• Das Zunz’seh״ Buch über die*'gottesdienstlichen Vorträgemm der heutige Stand der Midrascliforselmug. י dierrabldner D. •Siinonsen: Freud und IA׳id.!.ovale Fest- und Fasttage, im Anschluss an Ziinzcns Fastentahelle. Besprechungen: Laster. Dr. M., f'ataloguc ofZunz's Miscellanea. — Mavhanm, I *r. S. Au» dem Lhcn von D*1>pold Zunz. Von Dr. M. Brami. VerantwortI. Roduetcur Dr. M. Rabiner, Druck J.eistncr •k Verlnc von Friedr. Vieweg & Sohn in Br&unuchweig. Xu beziehen •lureli jeiie Hm hlnuuUiinc. Sei-hell cr»cll!c!l: Rathgeber f. Eltern u. Lehrer ln praktischen Erzlehunoslragen von B. Kleimenhagen, p!n*hu11. 1ן*וי.. «l#•! .lacol>so11M-hnl«• I. vpütcr VoimjiimI olnc* «*lu<*n**11 zu Srliworln i. M. mul lljinilmn;.!־.iHi Zweite vermehrte Aungabe. ur. s. i׳«•!! Preis 2 Mark 40 Pf. Drcwl's, Verlag der Expedition . Beim Beginn d. Scliulj. werden nachstehende besteinpfohlene Schulbtie-her zur Einführung empfohlen: K. htrassbnrger, Fibel f. isr. Schiller, in. einem Anhang: Hebr. I.eselibel. Stuttgart. Deutsche Verlagsanst. Dauerhaft geh. 90 Pf. B. hlrassliiirger, Leseb I. d. Mlttelkl. isr. Schulen. Das. geh. 1 Mk. B. NtrnMuburger, Memorieru. Gesangb. f. isr. Schulen. 3. Auflage. Stuttgart. lievy & Müller. tMk.60Ff. Vorstehende Schulbücher wurden von verschiedenen Schulbehörden £ur^ Einführung empfohlen._ sämmtlieh in .Magdeburg.

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