Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 34. (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5367336-6582189-5991476--2555-5369374- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 34. Jüdisches Jahrg. XXIII. Litteratur-Blatt. Zur JV'lfnrlituns nlW .TnüpnOmm 1111*1 Juüpji l.rtrwl>*1w!on 1iu<'r»ris<׳l1f»n K1sphcinnnjrrn «uf «!«*in <iebi<־t(' <l<»r Philo• soj*hi«\0*rluVht<•, KtlmoRraphi«•, Th<*o- < ►ri^ntjiMa, Kxt &'*<*, Ilomilotik, Uiuriiik n. PiWIuuojfik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rnlmicr. Magdeburg, den 24. August 1894. Bnrhor der einsfhliirfKon Utteratur, w«»U*he der Kedaction 7.npm1n<U werden, finden in diesem Blatte eingehende Be• spreehnng. B<*i Kinsendung von r.wel Rctx'nsions-Kxpmplaron erfolgt einmalige kurze (iratis-Insertion. Das ,,Jüdische Litteratur-Blatt** erscheint wöchentlich. Treis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition der Isr. Wochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich bei allen Tostaustalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für dio gespaltene IVtitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler u Lehrer, -welche direkt an die Ex)>cdition Inserate einsenden, erhalten 25 °/0 Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. Lessing freilich hat von Mendelssohn nicht viel lernen können, leider ist auch die geordnete Lebensführung des nüchtern, besonnenen Mendelssohn von dem genialen Freunde nicht nachgeahmt worden. Aber wenn wir an den »Nathan« denken, wenn wir erwägen, wie viel von Mendelssohn’s praktischer Lebensweisheit in diese herrlichste aller Gestalten, welche deutsche Dichtung geformt hat, übergeströmt ist, wie Lessing beim Niederschreiben dieses Drama’s sich Mendelssohn so nahe fühlte, dass er sogar Nebenfiguren seines Werkes sich aus dem Mendelssohn'sclien Kreise holte, so werden wir anerkennen, dass der Verkehr Mendelssolin’s mit Lessing, unserm Lessing und damit der deutschen Poesie Früchte getragen hat. Es giebt eine übertriebene Bescheidenheit seitens einiger israelitischer Autoren, welche es ablehnt. Mendelssohn als Urbild des »Nathan« zu betrachten, als nehmen sich die Juden zuviel heraus, wenn sie einen Juden mit dieser Idealgestalt in Verbindung bringen; da werden dann einzelne Züge aus dem Gesammtbilde herausgeiiommen, die auf Mendelssohn nicht passen und die Behauptung aufgestellt, Leasing habe im Nathan sich selbst geschildert. Diese letztere Ansicht kann gar nicht falsch sein, denn nur wer so wie Lessing in sich alle Vorurtheile überwunden hat, kann einen so vorurteilslosen Mensehen wie Nathan« schildern. Auch darin ist Leasing dem »Nathan« verwandt, dass Leasing jene Ueberschwünglichkeit des Gefühlsausdrucks, welche im achtzehnten Jahrhundert gang und gäbe war und welche mit der ärgsten Gefühllosigkeit zuweilen ganz gut sich vertrug, auf’s Tiefste verachtete. Niemand wird ohne Rührung die kurzen Briefe lesen, die Lessing nach •lern Tode seines Kindes und seiner Frau geschrieben hat und die gerade dadurch so eindrucksvoll sind, weil man merkt, wie ein Mann einen ungeheuren Schmerz gewaltsam zurückdrängt, wie er sich fürchtet, Mitleid zu erregen. Das ist selbstverständlich, dass ein Dichter in die edelste Gestalt, die er geschaffen, viel von seinem eigenen Wesen hineiugelegt lmt. Aber wenn Vieles von Leasing im »Nathan« vorhanden ist, so ist darum Nathan noch nicht Lessing. Richtig drückt Scherer das Verhültniss mit den Worten aus: »Der Jude durfte nicht bloss ein kluger Jude, er musste auch ein weiser und guter Jude sein, ein solcher Jude, wie Moses Mendelssohn, ein Jude, wie Lessing ein Christ war; so dient ihm auch liier ti’eue Menschcnbenbuchtung. so dienen ihm eigene und fremde Charakterzüge, um eine Reihe von runden, geschlossenen Gestalten zu schaffen, unter denen besonders Nathan zu den grossartigsten, reichsten und wahrsten gehört, die., unsere gesummte Litteratur aufzuweisen hat׳■ Kaufmann und Philosoph; ein idealer, bewunderüügswürdiger, durch Unglück und Selbstverleugnung geheiligter Mann, und doch nirgends in’s Vage idealisirt, sondern mit einer Fälle irdisch-bestimmter Züge porträtmassig ausgestattet.« Ohne Lessing gäbe es wahrscheinlich in der deutschen Literatur keinen Mendelssohn, aber ohne Mendelssohn gäbe es kaum einen Nathan. Wohl hat Lessing schon in seinem zwölften Jahre einen Schulaufsatz geschrieben, in dem sich die Worte finden: »In unsern Tagen* ist es das Zeichen eines Barbaren, wenn Jemand einen Andern um der Religion willen verfolgt, denn auch Juden oder Mobamedaner können gute Menschen sein und verdienen Schutz in ihren religiösen Meinungen.« Die Toleranz scheint sonach diesem Pastorsohne gleichsam im Blute zu liegen. Aber wie viele Talente oder Charakterkräfte kommen nicht zu Tage, weil die nöthige Anregung fehlt. Lessing wurde ein freier Geist während seines Aufenthalts in Berlin, und Friedrich, Voltaire und Mendelssohn liaben mitgeholfen, dass er jede Schranke des Vorurtheils niederwarf und zu völliger Freiheit sich erhob. Dagegen sind die literarischen Beziehungen dieser beiden Männer später, als sie sich ausreiften, bei weitem nicht so lebhaft gewesen, als man nach dem Jugendbunde, der auch literarisch so innig war, hätte annehmen sollen. Ein Werk wie der Plnidon geht spurlos an Lessing vorüber und es scheint fast, als ob Lessing bei aller persönlichen Verehrung für den Freund hier das Urtheil der Nachwelt vorwegnahm. Nur bei den späteren theologischen Streitigkeiten mit Lavater und Bonnet wird Lessing warm, er war eine streitlustige Natur, während Mendelssohn schon aus Rücksicht auf seine Glaubensgenossen nur dem unentrinnbaren Zwange gehorchte, wenn er zum Streite die Feder in die Hand nahm. Dagegen kann Mendelssohn all den Lessing'scheu Streitschriften keinen Geschmack abgewinnen, selbst die hochberühmten theologischen Streitschriften sind für Mendelssohn Zankereien und er ist allerwegen bestrebt, aus guter Freundschaff Lessing von diesen Kämpfen abzuratlien. Sogar eine so tiefsinnige Schrift, wie die Erzieliung des Menschengeschlechts. Weist Mendelssohn im Jerusalem mit folgenden Worten ab: Ich für meinen Theil habe keinen Begriff von der Erzieliung des Mensehengeschlechts, die sich mein verewigter Freund Lessing von ich weiss nicht welchem Gesehichtsforscher der Menschheit hat einbilden lassen. Man stellt sieh das kollektive Ding, das menschliche Ge-