Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 33. (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5367336-6582189-5991475--2553-5369373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
132 jin sich nicht leichten, in (las philosophische Gebiet hinüberragenden Stoff so umzugestalten, dass er die Sprödig- Weit verliert und in des Wortes bester Bedeutung eine populäre Form annimmt. -- Wir wollen zuerst den Inhalt der Schrift kurz wiedergeben, uni dann unser Urtheil über die Resultate derselben daran zu knüpfen. — 111 der Kinleitung wird in kurzen und treffenden Zügen das Wesen des Optimismus und des Pessimismus geschildert. Letzterer ist mit dem religiösen Bewusstsein eng verknüpft. «Hat der Pessimismus Recht, so drängt sich doch die Frage auf: Zu welchem Zwecke hat die göttliche Allweisheit und Allgüte eine Welt geschaffen, in der das Menschenleben 80 unvollkommen und unbefriedigend, mit so viel Leid und!Schmerz behaftet ist und im Grunde als eitel und nichtig erscheint?« Der Buddliismus hat in Nirwana, der Parsismus im Ahriman, das Christenthum im Teufel seine!Stellung zum Pessimismus beantwortet. Das Judenthum hat mit seinem Gott-Schöpfer- Begriff den Optimismus zu seiner Weltanschauung erkoren; sehr gut« nennt die Bibel die geschaffene Welt, das Paradies des Glückes ist die Heimath (16R Menschengeschlechte, die. selige Messiaszeit das Ziel desselben. Die •Sünde ist die Urheberin aller Uebel und vertreibt, in Gestalt der Schlange auftretend, den Menschen aus dem Paradies('; der Missbrauch des köstlichsten Geschenkes, der Freiheit, ist die Quelle der das Lebensglück vernichtenden Sünde. Di(־ Disharmonie zwischen Tugend und Glück, welche diesem Prinzipe zu widersprechen scheint, bewegt den Geist der Propheten und das Herz der Psalmisten. Sie werden mächtig erregt von der furchtbar ernsten Frage, warum nicht immer Segen der Frömmigkeit und Fluch dem Laster folge; auf die verschiedenste Weis(‘ ringen diese religiösen Genies nach Lösung des traurigen Räthsels. »Nur der Thor weiss es nicht, der Beschränkte versteht es nicht, wenn die Frevler wie Gras emporschiessen und aufbliihen die Uebelthäter.« Irdisches Glück und irdisches Gut schätzt der Psalmist gering; von Mühe und Drangsal, von Vergänglichkeit und Nichtigkeit singt er in mannigfacher Form. Die Propheten hoffen auf das Messiasreich, sie glauben an die Zeit der Erlösung, den Fortschritt der Menschheit, der schwinden macht Leid und Schmerz. Am ergreifendsten erscheint das Problem im Buche Hiob, welches Werk Heine einmal mit Recht die grosse Hausapotheke für die kranke Menschheit« nennt. Die :1 alten Freunde des Hiob, der an seinem Leibe den Widerspruch zwischen Schicksal und Verdienst erfährt, sind davon überzeugt, dass Leiden nur die Wirkung der Sünde seien, und weil Hiob leide, müsse er auch gesündigt haben. Der jüngste Freund Elihu widerspricht dieser Annahme und meint, dass Leiden auch ohne Verschulden den Menschen treffen und oft als Zuchtmittel zu seiner sittlichen Läuterung dienen können. Gott selbst, dessen Wort zuletzt eingreift, erklärt nicht die Ursache und den Zweck des nur scheinbar unverdienten Unglücks. Die Weisheit und die Allmacht Gottes überragen die Grenzen des Menschlichen; der Sterbliche 8011 Gott verehren, aber das allmächtige Wesen nicht meistern, das er nicht zu begreifen vermag. Die Rechtfertigung Gottes wegen der Uebel in der Welt ist י nicht möglich«, weil der Mensch endlich und Gott unendlich, daher unerforsclilich ist; sie ist »nicht nötig״, weil das sittliche Verhalten des Menschen von Glück und Unglück nicht beeinflusst werden dürfe. Das (inte soll des Guten wegen geübt werden und nicht in Hoffnug auf Lohn oder aus Furcht vor der Strafe. Die Sittlichkeit von jedem selbstischen Beweggründe unabhängig zu gestalten, das ist die herrliche Lehre, die in den Dialogen des Buches Hiob gekündet wird. — In der Praxis, so führt der Verfasser weiter auB, kann eine autonome, von jedem egoistischen Triebe losgelöste Sittlichkeit nur dann verwirklicht werden, wenn »die Kr■ kenntniss von der illusorischen Beschaffenheit unseres Glückss’trebens, wenn das pessimistische Bewusstsein von der Unerreichbarkeit irdischen Glückes bereits eiligetreten ist. Die althebrüische Kpruchweisheit, wie das Buch Ben Sira und das Buch der Weisheit, geben dieser Gesinnung Ausdruck und betrachten das Menschenloos als ein Menschenleid, das Menschenglück als unerreichbar. Am tiefsten ausgeprägt ist der systematische Pessimismus im Buche Kohelet, welches nicht bloss »das Leiden des Daseins, sondern das Dasein selbst« als eitel und nichtig hinstellt. Kohelet zerpflückt alle Blüthen des Menschenglückes; selbst das!Streben nach Weisheit ist kein reines Glück, auch ihm ist der bittere Tropfen der Enttäuschung beigemengt, auch die Weisheit erreicht nicht ihren Zweck; wenn diese schon dem Herzen kein volles Glück gewährt, um wieviel weniger erst die andern Güter, welche die Eitelkeit der Eitelkeiten in sich schliessen. Doch Kohelet findet das Leid begründet in der Thorheit und Verkehrtheit des Menschen; wo die Tagend nicht von Glück begleitet ist, weist das Buch hin auf die übersinnliche Welt, denn »nur der Staub kehrt zum Staube zurück, der Geist aber zu Gott, der ihn gegeben«. Das Buch Kohelet vertritt nach der Ansicht unseres Verfassers »einen Optimismus der Weltanschauung, verbunden mit einem Pessimismus der Lebensanschauung«, welcher durch den Glanben an Unsterblichkeit »iiberwnuden« wird, eine Anschaffung, die nicht zu einer »Lebensverneinung« oder Verzweiflung, sondern zur »Lebensbeherrschung« und zur Ergebung in den göttlichen Weltenlauf führt. Zu dieser Anschauungsweise des Buches Kohelet bekennen sich nach der Ansicht der Verfassers unsere Alten und von ihr soll der Geist des Judenthums getragen sein. Das Leben hat eben nach der Anschauung des Judenthums nicht in dem sogenannten Krdongliick seinen Zweck, so versucht der Verf. in geistvoller Weise diese Verbindung zwischen dem Optimismus der Weltanschauung mit dem Pessimismus der Lebensanschauung zu rechtfertigen, das Leben ist vielmehr nur eine Vorhalle für eine bessere Welt, sein Zweck muss in der sittlich-religiösen Pflichterfüllung allein gesucht werden. Ist aber der Zweck unseres Lebens nicht im Glücke begründet, so müssen auch alle Klagen gegen die Vorsehung ob des traurigen Menschenlooses verstummen, da ja das Unglück das Leben zu keinem verfehlten macht. Dieser eudämonologische Pessimismus lehrt, worin der Werth unseres Lebens besteht: nicht gemessen, sondern benutzen sollen wir dasselbe! (Schluss folgt) Litterarische Notizen. 1. Von Prof. Hyrtel kursiren jetzt allerlei Anekdoten, von denen die Juden betreffenden auch in jiid. Wochenblättern wiedergegoben werden (vgl. Familicnbl. 8. 124). Ich milchte hier daran erinnern, dass Hyrtel auch einen Platz in der jiid. Litteraturgesehichto einnimmt, indem er 1879 eine Schrift: »Das Arabische und Hebräische in der Anatomie« (XLYI1, 310 S.) veröffentlichte. (Siehe Steinschneider llebr. Bibliographie Bd. XX, S. 99.) 2. Zum Namen »Götz« möchte ich auf das 8. Gutachten de» R. Juda Münz hinweison, dass an seinen Verwandten, Rabbi Guzlich oder Giitzlich (גוצי1,[־), gerichtet ist. Da der Name »Götz« von »Gottfried« ubstaimut (8. »Deutsches NamenbUchlein« von Prof. Vilmar, Marburg 1880 [5. Auf!.] S. 14), so ist die hebr. Umschreibung »Eljakim« für »Götz« eino sinnige zu nennen. — Bei dieser Ge- Icgenheit sei auf eine wenig bekannte russische Schrift über jüd. Namen hingewiesen: dieselbe ist in Suwalki 1874 gedruckt und hat einen Rabb. Elies. Simeha Rabinowitz zum Verfasser. Ed. Birnbaum-Königsberg. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte Ist untersagt. Litterarischer Anzeiger. Soeben erschienen: f658 Dr. Ad. Weiss, Lehrbuch der Jttd. Religionsgeschichte für die höheren Classen der Mittel• schulen I. Preis in Lwd. gebd. M. 2 franco M. 2,20. KV־ Da, wo Einführung boabsichtigt wird, stelle ich gerne Ansiehtsexemplare zur Verfügung. Jakol» B. Brandet», Verlagsbuchhandlung in Prag. Inhalt: Moses Mendelssohn. II.— Der Bann im talmudlschen Schriftthum IV. — Zur wissenschaftlichen Bedeutung der ״Neginoth“. (Schluss.) Von Dr. med. E. B. Lilwonsohn. Recensionen: Goetein, Dr. II., Die Bibel über dun Werth des Lebens. Besprochen von Dr. C. Werner. (Fortsetzung.) Lit. Notizen von Ed. Birnbaum Königsberg. Verantwortl. Redaeteu- Dr. M. Ralimer, Druck Leistner 1V Drewfs, Verlag Walther Niomann, sämmtlich in Magdeburg.