Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 30. (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 30. Jüdisches Jahrg. XXIII. Litteratur-Blatt. Zur Bolouohtunp aller Judenthum und Juden betreffenden UtterarUehen KrscheinunKcn auf dem Gebiete «1er Philo* Sophie, Gesehiehte, Kthnojrraphie, Theo* lofrie, Orientalin, Kxetrese, Homiletik, Liturgik u. Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 27. Juli 1894. Büeher der einschlägigen LHteratur, welche der He<laction zugesandt werden, finden in diesem Blatte eingehende Be* spreehung. Bei Einsendung von zwo Kecensions* Exemplaren erfolgt ein* malige kurze Gratis-Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei Walther Niemann) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf, für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Bachhändler n. Lehrer, welche direkt oder durch Walther Niemann Inserate einsenden, erhalten 25 % Rabatt. Auf dem Felde von Zoan. Von Heinrich Brugsch. (Schluss.) Die plötzlich erwachte Vorliebe für die ägyptische Vergangenheit findet ein neues und unwiderlegliches Zeugniss in einer leider sehr zersplitterten Papyrusrolle aus dem Besitz des oben genannten Rechtsgelehrten aus Tanis, mit deren Veröffentlichung man gegenwärtig in London beschäftigt ist. Wäre sie vollständig den Einflüssen des Hausbrandes entgangen, so würde ihr Inhalt das wichtigste Lehrbuch für das ägyptische Kalenderwesen und Alles, was mit den Institutionen der Tempel Ober- und Unterägyptens in Verbindung stand, in unserer wissbegierigen Gegenwart abgegeben haben. Aber auch in ihrem jetzigen zerfetzten Zustande sind die erhaltenen und mit hieroglvphischen Schriftzügen bedeckten Stücke Papyrus ausreichend genug, um einen genügenden Einblick in die Anläge der Urkunde zu gestatten. Durch Längs- und Querlinien war die zu beschreibende Fläche in grössere oder kleinere Vierecke getheilt, welche wegen ihrer tabellarischen Gestalt eine schnelle Uebersicht der behandelten Gegenstände erlaubten. Die Reihe derselben eröffneten die Bezeichnungen und Namen der 12 Monate des sogenannten alexandrinischen Jahres, das aus 365 Tagen mit einem alle vier Jahre hinzugefügten Schalttage bestand und seinen Ausgangspunkt am 29. bezüglich 30. August (nach julianischem Kalender) nahm. Dem Neujahrstage ist die Bemerkung heigefügt: »Die Sonne steigt niederwärts« (d. h. zur unteren Hemisphäre nach vollendeter Sommersonnenwende). Die 12 Stunden des Tages mit ihren Zahlen und Namen sind den einzelnen Monaten beigeschrieben,. folgen sich jedoch in rückwärts laufender Ordnung von 12 bis 1. Die 12 Stunden der -Nacht schliessen sich der eben beschriebenen Tabelle an und sind mit gewissen Sternbildern verknüpft. Hieran schloss sich die übersichtliche Darstellung der 29, bez. 30 Tage des Mondmonats mit ihren Doppel• namen und einer Abbildung der einzelnen Mondphasen. Die Planeten und hauptsächlichen Sternbilder bildeten eine folgende Tafel. Den umfangreichsten und bei weitem wichtigsten Theil der gesammten Urkunde bildete das tabellarisch geordnete Verzeichniss sämmtlicher Gaue Aegyptens, der Zahl nach 42, mit folgenden dazu gehörigen Angaben im Einzelnen. Die Liste giebt durchweg den Namen 1) des Gaues, 2) des heiligen Baumes, 3) des Haupttempels, 4) des Festtages, 5) dessen, was darin gesetzlich verboten war, 6) der heiligen Schlange, 7) des zum Tempel gehörigen Landstüchs, 8) des Hinterlandes, 9) des Propheten, 10) des heiligen Vaters, 11) der Priesterin. Ein Verzeichnis der Metalle und kostbaren Steine reiht sich daran an, wobei den einzelnen die Namen der dazu gehörigen Gottheiten heigefügt sind. Beispielsweise ist der Smaragd dem Osiris geweiht, Eisen und Kupfer dagegen dem typlionischen Gotte Seth. Es folgt eine Zusammenstellung der heiligen Thiere des Landes; die Stiere Apis von Memphis, Mnevis von Heliopolis, Bech von Hermonthes und der Bock von Mendes eröffnen die Reihe, später erscheint der Panther, das Nilpferd und sogar das Windspiel, sieben Vogelarten und der Käfer, Den heiligen Fischen und ihren Schutzgottheiten ist dagegen ein besonderes neues Kapitel gewidmet. Von höchstem kalendarischen Werth ist demnächst die vergleichende Uebersicht der sämmtlichen im Laufe des Jahres gefeierten Feste, wobei dem jedesmaligen alexandrinischen Datum der korrespondirende Tag des altägyptischen Wandeljahres (von nur 365 Tagen, ohne den überschüssigen Tag) hinzufügt ist. Die besonderen Termine für die Niltage, die Zeit der Ackerbestellung, des Säens und der Erute fehlen gleichfalls nicht. Ueberraschend ist die folgende Tafel, denn sie lehrt uns die Würdenträger Pharao’s nach ihren Rangstufen kennen, wobei ein Unterschied zwischen den rechter oder linker Hand vom Könige stehenden gemacht ist. Die Generalität steht an der Spitze aller übrigen. Uuter den Amtsbrüdern nimmt der Küchenmeister, Mundschenk und der Sesselreicher eine hervorragende Stellung ein. Das letzte Stück des Lehrbuches enthält die Vorschrift über die Anlage einer regelrechten Sonnenuhr, wobei die Strahlen in der beigegebenen Zeichnung von einem einzigen Punkte ausgehen. Die Bezeichnungen der zwölf Stunden sind nach Zahl und Namen dem Riss des Sonnenzeigers heigefügt. Den Schluss des Ganzen bildete eine von Wortschwall geschriebene Nachrede, worin sich der unbekannte Schreiber des Papyrus an seine unterrichteten Zeitgenossen mit der Versicherung wendet, er habe sein Material aus Urkunden geschöpft, welche der Zeit nach der Regierung des Pyramidenerbauers Königs Cheops von Memphis angehören, und die alten Ueberlieferungen wieder in aller* neuester Ausgabe aufgefrischt zu Nutz und Frommen aller Gebildeten in der Hoffnung, dass es ihnen und ihm selber immerdar wohl ergehen möge. Das alles ist so merkwürdig und zugleich so lehrreich, dass man die Beschädigungen dieser Papyrusrolle doppelt und dreifach beklagen muss. Wäre uns das Ganze erhalten geblieben, so würde die Rolle von Tanis ein unentbehrliches Vademecum für die Meister und Schüler der gesammten ägyptischen Alterthumskunde gebildet haben. Zoan-Tanis scheint uns noch viel zu versprechen. Es ist ein geschichtlich denkwürdiger Punkt der alten Erde, an welchem sich Aegypter und Semiten, Griechen und Römer berührt und ihr Wissen und Können ausgetauscht haben. Wenn die Bibel Moses in aller Weisheit der Aegypter erzogen sein lässt, so konnte das nur in Zoan, der Residenz des grossen Ramses geschehen, in welcher die Hochschule der altägyptischen Weisheit neben Theben