Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 24. (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5367336-6582189-5991465--2508-5369337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— ‘Mi — vom der Flucht nach Aegypten;11s geschichtlich anzunehmen, so dass Jesus via Aegypten die indisch(‘ Weisheit gewonnen habe. - Ks bedarf vielleicht nicht solcher Kunststücke, um zu (,rklären, wie im Christenthum indische religiöse Anschauungen zur Herrschaft gelangten. — ln der Fricdenszcit, welche die (“rsten römischen Kaiser inaugnrirtcn, war d(־r Verkehr der asiatischen Völker mächtig gestiegen; Gesandtschaften ans Indien kamen nach Koni; so verbreitete sich auf dem einfachsten Wege die Kunde indischer Weisheit durch Vorderasien; es brauchte keiner aus Syrien nach Indien zu gehen, um sie von dort zu holen, sie kam zu ihm nach Vorderasien; andrerseits konnte in diesen friedlichen Zeiten jemand aus Jerusalem leicht in diese früher fast verschlossenen Gebiete gelangen. Also die Zusammenhänge zwischen C'hristeiithuiii und Huddhnismus bieten gar keine Schwierigkeit; die Völker waren durch die Kömerhesrschaft einander näher gerückt; auch Indien lag nicht mehr aus dieser Welt. — Ferner ist in dem Ia3he!1sgang Jesus', wie er überliefert ist, immerhin merkwürdig, dass sich die Juden gegen di(• Ancrkennung Jesus' als Messias sträuben und ihn verfolgen, während Pilatus ihm freundlich begegnet. Ersehnten (loch die Juden unter dem Drucke der Körner den Messias mit glühendem Verlangen, während allerdings Pilatus jeden Schwärmer dieser Art als einen Feind des römischen Ansehens betrachten musste. — Vollends unverständlich ist jene Schilderung, nach der sich Pilatus, der doch die Macht im Land(• hatte, Wasser nahm und die Hände vor den» Volk(• wusch und sprach: ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten. Diese ganze Scene setzt eine intime Bekanntschaft des Pilatus mit der bekannten Stelle im fünften Buch Mose voraus, wonach hei einem ungesühnten Mord die Aeltesten der Stadt die Hände waschen und sprechen sollten: »unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen.« Taeitus weiss jedenfalls von dieser 1’nsehuld des Pilatus nichts, sondern erzählt: »Auctor nominis ejus (Christianorum) Christus Tiherio imperitante per procurntnrem Pentium Pilatum supplicio affcctus erat.« So sonderbar wie ein römischer Statthalter uns vorkommt, der mit israelitisch-bihlischen Bräuchen vertraut war, so oigonthümlieh berührt■ uns die an den römischen Vorwaltern der Provinzen ungewohnte Weichheit und Milde; er musst(! überdies Jesus für gefährlich halten. — Alle diese Anstösse werden durch Nitowitsch beseitigt oder vielmehr durch seine in diesen Blättern schon geschilderte Handschrift. Christenthum und indische Keligion sind verwandt, weil Christus so lange in Indien gelebt hat, der Zeitraum über das Leben Jesu, der nach der bisherigen Uoherlieforung ganz leer war, ist jetzt ausgefüllt und die Juden und Pilatus führen di(* Rolle, die ihnen gemäss ist. Ob Notovitsch getäuscht worden ist, bedarf noch genauer Untersuchung. Ist sein Buch wahr? Ist es nur gut erfunden? Jedenfalls ist wieder der Blick auf Schwierigkeiten der christlichen Uebcrlieferung hingelenkt worden. _ B. K. Die Religion nla pathologisches I’httnomen von Dr. K o in e o Manzoni, übersetzt von Fr. Z ü n d t. Vorlagsmagazin Zürich. Gesetzt, (•ine grosse Anzahl von Leuten rechneten ein bestimmtes schwieriges Kxempel falsch aus und zögen aus dem falschen Resultate unvernünftig(• Schlussfolgerungen, wer wäre so thöricht, darum die Rechenkunst anzuklagen. Nicht viel weiser sind diejenigen, die, weil es falsch(! Religionen giebt, nun die Religion überhaupt verwerfen. Zu diesen klugen Herren gehört der Verfasser des oben angezeigten Buches. Sicherlich ist in den geschichtlichen l'chorlicferungon (Mancher Religionen viel Schlimmes enthalten. Was beweist dies gegen die Keligion? Soll nicht richtig gerechnet werden, weil Viele falsch rechnen! Religion ist nicht nur geschichtliche Uebcrlieferung, son- (lern sic nimmt das beste in sich auf, was der («(*ist der Zeiten geboren hat. Fs wird dem Judenthum der Gegenwart, wie es von freisinnigen Predigern verkündet wird, vorgeworfen, dass auf seine Gestaltung die führenden Geister UMscrcs Jahrhunderts Kinthiss gehabt hatten. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Anerkennung. Das wäre ein schweres Verschulden, wenn ein Rabbiner, ein Prediger des Juäenthums nicht nach Kant über sittliche und religiöse Probleme tiefer dächte und redete, als es vordem möglich war. Nicht gegen die Religion kämpft der Dr. Manzoni, sondern gegen religiöse Irrthiimer. Das Judentum, das Veraltetes von sich thut und den Geist der Zeit auf sich wirken lässt, wird von Manzoni nicht getroffen. B. R. Kretisfhmar: Die kommende Krisis des Nationalismus. (A. Jügelts Verlag in Auma i. Thür.) Soweit wären wir nun in der Kultur vorwärts geschritten, dass man wie früher etwa die Naturgeschichte der Affen, nunmehr auch die Naturlehre des Völkerhasses beschreiben kann, wie es der Verf. gethan. Ein emsiges Forschen ging dieser Schrift voraus und bewundernswerth ist die Ausdauer des Verf., der nicht angewidert durch den zu behandelnden •Stoff früher die Feder aus der Hand gelegt hat, wozu ihm bei seiner offenbar gerechten und vornehmen Natur wohl manchmal das Verlangen gekommen sein mag, bis er constatirt hat, wieviel, ach so viel Schmutz im Augiasstall angehäuft wurde, den ein Hercules nicht bewältigen könnte, denn der Hass ist ein Schmutz, der i in me r Spuren znriicklässt. Das Dernburg’sche Wort; »Der Hass wird grundsätzlich und von dem einflussreichsten Stellen heute mehr wie jemals in der Geschichte zum Weltprincip gemacht .... Die Morgenröthe des zwanzigsten Jahrhunderts kündet Sturm — und soweit das Auge reicht, niemand, der ihn zu beschwören vermag, doch Zehntausende, die ihn zu entfesseln bemüht sind und dem neuen Weltprincip des Hasses zujubeln« — das Vorhandensein dieses Weltprincips hat Verf. eingehend nachgewiesen, welches die Völkermoral untergräbt' und Samen der Zwietracht für ein weiteres Jahrhundert ansstreut, von dem uns nur — leider — ein reinigender Welkrieg eniasten könnte. Oder sollte der Verf. etwa mit seiner Behauptung, dass Hass überall vorhanden sei, zu weit gegangen sein? Wir glauben es nicht, wenn auch aus Rücksicht auf die Menschlichkeit die These, das Deutschland seine Juden hasse, nicht voll unterschrieben werden 8011. Es mag vieles faul sein im Staat(•, aber wir wollen es noch nicht glauben, dass die Deutschen die Juden mit denselben Augen ansehen, wie die Nordamerikaner die Chinesen, wenn auch schon bei Tausenden dieser Vergleich zutreffend sein mag. Der Verf. Hess sich weder durch Judenfeindlichkeit noch durch Philosemitismus blenden, die Schrift ist streng sachlich gehalten, zeigt, welchem Abgrund wir zusteuern, und beweist, dass die beiden grossen Probleme: das der friedlichen Vereinigung verschiedener Nationalitäten in einem grossen Staatsganzen und das der ökonomischen und socialen Befriedigung der Massen im Rahmen ihres nationalen Wesens in den eentraleuropäischen Ländern gelöst werden müssen; die religiösen Sonderheiten aber tastet er nicht an, sondern überlässt sie ruhig ihrer innere Entwicklung, unabhängig von dem Nationalbewusstsein ihrer Anhänger. Kein einsichtsvoller und vorurteilsfreier Leser wird sich durch di(* Wahrheiten, die der Verf. ihm sagt, verletzt fühlen und wird die Schrift ohne Befriedigung aus der Hand legen. Singer-Coblenz. Inhalt: Das Judenthum im Dienste der Menschheit. Von Landrabbiner Dr. .1. Hamburger. 1 Fortsetzung.; — Maybaums Predigten.!Schluss.) — Bubers neueste Midrasch-Edition und der »Lekach-Tobdes R, Tobia. Von Rabbiner Dr. tinldfahn. Fortsetzung.) Recensionen. Nicolas Xnto ritsch. La vio inconnuc d•• Jesus Christ. Paris. Paul ohrendortf. — Die Keligion als patliolog i.sc 11 es Phänomen, von Romeo Manzoni, übersetzt von F. Zun dt. — Kretschmar: Die kommende Krisis des Nat innalIsmus. (0* l'nlidiigtci• .\11clk«lruck iius «licsein Blatte ist nicht gestattet. Vi'rantW'Utl. Redaeteur Dr. M. Rabiner, Druck 1.«• is111 ■■ r •V Dretvl's, Verlag Walther Xiomann, <ilmmtli<11׳ in Magdeburg.