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Das jüdische Literaturblatt · 1894-05-18 · N° 20. (18.5.18949 · p. Seite 76

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 20. (18.5.18949
Date
1894-05-18
Page
Seite 76 (sequence 2)
Language
German
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— 76 — Bezeichnend für diesen Umschwung der Anschauungen sind die nicht seltenen Beispiele von Uehertritten zum Judenthum, denen wir um diese Zeit begegnen. Die Oonvertiten. und unter diesen befanden sich auch Geistliche und Mönche, waren in der Regel eifrige Bibelleser und solche, die sich eingehend mit dem Studium der jüdischen Literatur beschäftigt hatten. Noch bezeichnender als diese, immerhin vereinzelten Fälle sind die sogenanten ,.Halbjuden“ (Semi-Judaei), oder J udenzer (Judaizantes), die jetzt an den verschiedensten Orten auftauchten. Diese Bezeichnung, die als Spott- und Schimpfname galt, wurde vielen wegen ihrer religiüsen Theorie, oder auch nur wegen der Richtung ihrer theologischen Studien beigelegt. ״Judenzer“ waren alle, die das Evangelium auf Grundlage des Alten Testamentes, dieses selber aber im Sinne der jüdischen Exegeten, oder doch mit Berücksichtigung derselben zu erklären pflegten. Als ״Halbjuden‘1 wurden Jene verschrien, die sich in wissenschaftlichen oder religiösen Fragen auf die einschlägige Literatur der Juden beriefen, die Juden selber in Ehren hielten, oder gar gegen Angriffe zu vertheidigen wagten. In diesem Sinne wurde Reuchlin, der die hebräische Sprachwissenschaft in den-Kreis der christlichen Studien eiugefiihrt hatte und für den zum Scheiterhaufen verurtheilten Talmud eingetreten war, als ״Judenzer“ und ,.Halbjude“ verspottet und geschmäht. Dasselbe widerfuhr Grotius, ja sogar t'alvin*), und der 17. Artikel der Augsburger ('■onfession verdammte die Secteder Chiliasten wegen Verbreitung jüdischer Ansichten. Es fanden sich aber auch Solche, die einen Schritt weiter gingen unddasurspriinglicheund wahre Christenthum wiedei herzustellen vermeinten, indem sie jüdisch-religiöse Bräuche und Satzungen, welche das Alte Testament vorschreibt, das Chvistenthum ursprünglich ebenfalls für bindend erachtet und erst später verworfen hat, timtsächlich übernahmen und übten. Solche Judenzer tauchten, wenn Zeit und Verhältnisse sie begünstigten, au den verschiedensten Orten und zu den verschiedensten Zeiten als besondere Secten auf, die sich mehr oder minder entschieden auf den Standpunkt stellten, welchen die Ebioniten und sonstige Judenchristen in den ersten Jahrhunderten nach Christus eingenommen hatten. Sie alle gingen von der Bibel aus, welche sie je nach ihrer Auffassung zu erklären suchten. So sehr sie sich auch von einander unterschieden, kennzeichnet doch alle das gemeinsame Bestreben, den Glauben an Christus mit dem Glauben au die für alle Zeiten bindende Gesetzeskraft des Alten Testamentes zu vereinigen, und durch Secten entstanden namentlich im Schosse der Reformation, oder als Folge derselben. (.Schluss folgt.) Bubers neueste Midrasch-Edition und der ״Lekach-Tob“ des R. Tobia. Besprochen von Rabbiner Dr. Goldfahu. (Fortsetzung.) R. Tobia gedenkt darum namentlich des Blutbades in Mainz, weil die ganze Gemeinde (״Männer, Frauen, Söhne und Töchter“) ״an einem Tage“ sich für ihre Religion geopfert hatte. Wäre R. Tobia in Mainz gewesen, so hätte er auch das genaue Datum dieses einen Tages, den 3. Siwan 4850, angegeben; *) S. Die polemische Schrift; Calviuus Judaizans in den zuWittenberg 1593 erschienenen Schriften des Aegidius Hunnius 11. S. 035 flg. Die sonstigen hier angegebenen Daten sind zumeist allgemein bekannt und linden sieh, mit den betreffend« ״(Quellenangaben, in jeder ausführlicheren Geschieht(■ der .luden, z. B. bei Graetz Bd. IX. 11. X (Vgl. noch Schudt, Juedische Merkwürdigkeiten 1. B. 5., Kap. 16.) er war aber nie in Mainz, kannte die Geschehnisse nur von! Hören-Sagen, darum giebt er ein so ungenaues Datum: בפרס ה: שבועות, in der Vorbereitungszeit auf das Wochenfest, ״in den letzten zwei Wochen vor Sc h ab hu0 t h“ ף׳. Für R Tobia steht also das in der Agada als drittes feindliche Reich genannte יון im Vordergründe: das griechische Reich, dessen Druck R. T. empfunden, bestellt noch immer für ihn. R. T., und die übrigen Bewohner Europas sind für R. T.1■־■) nur, wenn auch unabhängig, Zugehörige des dritten, des griechischen Reiches. — Ganz auf dieselbe Weise verfährt R. Tobia an einer anderen Stelle seines L. T. zum Pentateuche. Die Thiere, welche Abraham auf Befehl Gottes (L M. 15, 9) ni nnnt, deutet die Agada׳״) typisch auf die Reiche, welche Israel bekämpfen werden, bezw. auf Israel selbst. Während nun der Midrasch Rabba: והר וגוזל als einen Begriff _ fasst: eine Turteltaube, einen Räuber, das ist Edom (Rom), eine feine Ironie auf das der Religion der Liebe sich rühmende plündernde, brandschätzende, hasserfüllte Rom und während die Pirke - dr. Elieser die dreijährige Färse aufEdom-Rom deuten und תר bezw. תור als aramäisches Wort — שור erklären und auf Ismael d. i. das mahomedanis<;he Reich beziehen, deutet R. Tobia die dreijährige Färse nach dem Vorgänge älterer Agadisten17) mit Rücksicht auf Jeremia 4f>,2(> auf'Egyptenu. gehtüber das dritte Reich:יון nicht hinaus: er bezieht: Turteltaube und junge Taube auf Israel nach Hohelied 2,14, welch letzteren Vers bereits die älteste Agada auf Israel bezieht1"). Aus demselben Grunde deutet Ii. Tobia auch בתים (4 M. 24, 24) in der Prophezeiung Bileams, auf יון Griechenland, während die Targumim und Midraschim von Römern sprechen1®). Unter dein vierten Reiche dürfte R. Tobia gleich seinem nur etwa vierzig Jahren jiingern Zeitgenossen Abraham Ibn Ezra das mohammedanische Reich verstanden haben. Dass er. R. T., aber dies letztere weglässt, dürfte seinen Grund darin haben, dass zur Zeit, als R. Tobia sein Lekacli Tob schrieb die Mohammedaner die Juden wohlwollend behandelten und Jerusalem im Besitze der fanatischen judenmordenden Kreuzfahrer war. 14) Vgl, meine Bemerkung Litrbl. 1893Seite 169 Am«. 7.) — 15) Vgl. die Ausführungen Abr. I. Esra’s im Commentar za Daniel 2,39 und zu I M. 10,4. Ich habe in der ״Magyar-Zoido-Szemle“ Jahrgang 6, 1889, Seile 156/57 Anm. 3, darauf!״»gewiesen, dass neben dem l’mstande, dass die Lektüre der Makkabacrbücher verpönt war. und neben dem Umstande, dass, wie der jerasalemische Talmud WtlliP Äf .Makkabäerzeit mit denen der Börner und der Byzantiner in der Agada miteinander verwechselt wurden und dass der vielfach gedeutete Säte: בתנו -1כס עי, קרן השור besage: ״Man hat euch (den Judeni hingeschrieben auf die Ziuue der Mauer, (Keren ha-Schur): ihr habet kein Teil an dem Gotte Israels“ und gemeint sei die Verordnung Hadrians u»d seiner heidnischen und christlichen Nachfolger, das den Juden das Betreten Jerusalems verboten sei (Grätz, Geschichte IVa, Seite 482—63; Monatschft. 1876 Iahrg, 26, Seite 4—5) auf welche Verordnung die Kirchenväter stolzirend hinwiesen (mein: ״Justyn Martyr und die Aagada“ Seite 6 Anm. 1) und Seite 30 Anm. 2) und meine Bemerkung Ltbl. 1886 Seite 166/87), um zu beweisen, dass die Juden nicht mehr das Volk Gottes seien, dass die Christen das eigentliche Israel seien. Vgl. die אהכה für den dritten Sabbat nach פסח u. ״Sie nennen michTrotzige, welche Feste mitFrevel begeht, weil ich n i c 111 bei meinem Geliebten (Gott 1 auf d e in (T e m p e 1) ־ B e r g e Zuflucht suchen kann.“ — 16) Midrasch Rabba z. 1 M- 15,9 cap. 44 8. 15 ed. Wilna 1878: l'irke de Klieser cap. 28 ed. A A. Broda Lemberg 1870. — 17) Vgl. l’esikta dr. Kabana ed. Buber pagina 40b. - 18) Vgl. Mechilta zu II M. 14,13; 19,17 ed. Friedmann Seite 28 b; 65:1 und Rabba a. 1. nebst Parall. In der Note (36) zu ״LekachTobh“a.l. steht iu Folge eines Druckfehlers: ותור *לו בני ישראל anstatt 1■אלו בגי ישמעא in dem Zitate aus Pirke dr. Elieser. — 19) Ira Lekach Tobli ist a. a. 0. nach ממקום ein oder mehrere Sätze ausgefallen-, die Muscpt. müssen verglichen werden.

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