Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 19. (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
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72 eng verschmolzen war, und die Helden und Vorkämpfer der jüdischen Nation gleichzeitig als die der jüdischen Religion erscheinen. Aehnliche Verhältnisse hatten sich im Verlaufe der Kämpfe herausgebildet, welche Begleiterinnen, oder Folgen der Reformation waren. Die Kriege, die auf den Schlachtfeldern ausgefochten wurden, waren Religionskriege und politische zugleich; die Sache des (Rauhens war mit Machtfragen aufs innigste verflochten. Wer im Dienste der Religion zum Schwerte griff, kämpfte gleichzeitig auch für Staatsinteressen, oft für een heimischen Herd und für sein und der Seinigen Leben. Umgekehrt hing von dem Ausgang einer Schlacht, die über Kronen und Völkergeschicke entschied, nicht, selten auch der Sieg oder die Niederlage eines Dogmas, oder einer ganzen Confession ab. Darum stand dem Geiste und dem Fühlen dieser Zeit das Alte Testament, näher als das Neue, aus welchem die Volksidee nahezu verdrängt erscheint.. Diese wildbewegt.*:, stürmische Zeit hat ihre eigenen kampfesfrohen Helden eher in Josua und in den Richtern, in David und in den Makkabäern zu erkennen vermocht, denn in Jesus und den Aposteln, welche Verkünder einer Lehre sind, für die sie nicht mit Waffen streiten, sondern dulden und leiden. Dem Zeitalter der Reformation war aber gerade das ergebungsvolle Dulden fremd; es war nicht gewohnt zu leiden, ohne Widerstand zu leisten. Ks war nicht seine Art, dem Kampfe aus dem Wege zu gehen, pflegte ihn vielmehr herauszufordern und zu suchen, und wo es nicht anging, ihn mit Eisen auszufechten, dort griff es zum Worte und zur Feder. In allen Lagern ertönte Schlachtruf, erschollen Kriegslieder: die Sieger stimmten Triumphgesänge an und riefen den Niedergeworfenen schonungslos ihr ״Vae victis!;1 zu. Die Besiegten sangen Klagelieder und Busspsalmen, oder riefen den Fluch des Himmels auf die Häupter ihrer Bedtänger herab. Alles *las, oder Aelmliches suchte man vergebens in den Erzählungen und Sentenzen des Neuen Testameiites, aber man fand es in den Rsalmen und in!len Büchern der Propheten, die auch aus einerZeit wechselvoller Kämpfe zu uns reden, der Kämpfe gegen die innern und ätissern Feinde Israels und gegen Heidentlmm und Götzendienst. Im Zeitalter der Reformation beanspruchte aber jedes der feindlichen Lager, das Israel der Bibel zu sein und für die allein wahre GoUeslehie zu streiten. Jeder Andersgläubige galt für einen Heiden, jede von der eigenen abweichende Art der Gottesverehrnmr für Götzendienst. Was Wunder, dass dies״ streithafte Zeit zumeist die Sprache des Altten Testamentes redete, in welcher sie den entsprechendsten Ausdruck für ihre Stimmung, ihre Bestrebungen und Ideen fand. Zu *Imsen allgemeinen Verhältnissen kamen noch einige specielle Umstände. In ihrem Kampfe gegen die bestehende Kirche erkannte die Reformation gar bald in dem Alten Testamente die ihr günstigste Position, die sie deshalb auch vorzugsweise einzunehmen liebte. Den Büchern des Alten Bundes entlehnte sie am häufigsten die Waffen, mit welchen sie ihre Berechtigung vertheidigte, die alten Dogmen angriff und für die Richtigkeit der neuen, die sie an deren Stelle setzte, in die Schranken trat, oft pflegt*1 sie das Alt*׳ Testament einfach aus dem Grunde in den Vordergrund zu stellen, weil die römische Kirche es gar zu sehr in den Hintergrund gedrängt hatte. Zu dem Alten Testamente musste ferner selbst dort zuriiekgegriffen werden, wo es sich, genau genommen, bloss um die richtige Auflassung des Neuen handelte, welches den streitenden Parteien gleichmässig als die Ergänzung und Vollendung des Alten galt. Sobald daher die Autorität angegriffen ward, mit welcher die römische Kirche das Neue Testament bis dahin ausgelegt hatte, musste zum Behufe der strittigen Erklärung desselben das Alte herbeigezogen werden, von welchem jenes ausgegangen war. Wollte die Kirche den ihr angebotenen Kampf aufnehmen und ausfechten, so musste, sie ihren Gegnern in die von ihnen eingenommene Stellung folgen und ihnen mit denselben Watten begegnen, mit welchen sie angegrigen wurde. Endlich aber hatte die Reformation, schon aus dogmatischen Rücksichten, die Kirchenlieder und Äugenden, die sie vorfand zuräckweisen müssen, ohne ihren Gläubigen sofort Ersatz bieten zu können. Sie hatte das Alte aufgegeben und noch nichts Neues geschaffen, das sie an dessen Stelle hätte setzen können. Was ihr in Folge dessen fehlte, fand sie reichlich, und noch dazu als Product göttlicher Eingebung, in den Schriften des Alten Testaments; sie griff danach und nahm es auf. Statt der überkommenen Kirchenlieder und Hymnen Hess sie die Psalmen Davids singen, statt der Heiligenlegenden die Reden und die Wunderthaten der Propheten lesen. So drang das Alte Testament rasch in die Kirchen und Familienhäuser ein, aus welchen es vordem nahezu ausgestossen war. (Fortsetzung folgt.) Bubers neueste Midrasch-Edition und der ״Lekach-Tob“ des R. Tobia. Bisprocheu von Rabbiner Kr. Goldfahn. (Fortsetzung.) Noch deutlicher ist der bloss erbauliche Charakter des Buches in dem vorliegenden ״Midrasch Agada“ ausgeprägt. Einer fortlaufenden Erklärung ward nur das erste Buch Mosis ganz, das zweite Buch Mosis bis Ende Mischpatim, letztere Sidra auch nur halb und halb, und die historischen Stücke des vierten Buches, wieder hauptsächlich der Segen Bileams, einer fortlaufenden Erklärung theilhaftig. Zu den übrigen Theilen des Pentateuchs, mit Ausnahme der 2*2 Sid’rotli: ,שפטים ראה und בי תצא bis 5 M. 23,22, wo das Manuscript abbricht, erhalten wir unzusammenhängende Stücke in der Weise des Midrasch Tanchuma, welch letzterem die meisten Stücke auch entnommen sind. Zu אהר׳ימות und אמור erhalten wir nebst den Gebrauchsanweisungen zur Feier *lei• bezüglichen Feste neben den Tanchuma- Stücken auch noch Excerpte aus der Pesikta *l'r. Kahana aus den Piskoth: אחרי מות, שובה und שיר או בשב; zu den di-di Sid'rotli: מטות מסעי ,דברים, welche in den drei Trauersabbaten und zu ואתהגן, welche Sidra an dem sogenannten Trostsabbate vorlesen wird, erhalten wir nebst kleinen Zusätzen die betreffenden Piskoth aus der Pesikta d’r. Kahana, deren Deutungen auf kirnstliehe Weise mit den Eingangsversen der betreffenden Sid'rotli verbunden werden. Neben *len Trostagadotli wird uachdrücklichst die Beobachtung der üblichen synagogalen und häuslichen religiösen Gepflogenheiten und Gebote betont, der grösste Nachdruck aber auf die Beobachtung ״des Gebotes *1er Beschneidung“ gelegt. Zu 2 Mos. 20,24 wird mit Benutzung älterer agadischer Deutungen ף gesagt., dass an die Stelle des Opferblutes (i) Rabba zu 1. M. 18,1 0;11>. •43, j; 4; Tanchu i.a 1. 1. ed. Ruber S 4; eil. Stettin § 2; Ägadnth Bereachish 1. 1. cap. 10; Pirke ilr. Klieser cap. 20 und dazu -האיטכו ed. Auerbach Th. 11.