Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 10. (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M10. Das XXIII. Jahrg JüdischeLiteraturblatt Zur Beleuchtung aller Judenthum und Juden betreuenden literarischen Erschei• nungen' auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte, Ethnographie. Theologie, Orlen• tatia, Exegesse, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 9. März 1894. 8Qcher 4er einschlägigen Literatur, welche der Redaktion zugesandt werden, finden in diesem Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von zwei Recensions- Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratis-Insertion. Das ,,Jüdisch(' Literatur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei 1 obert F riese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift,“ die vierteljährlich bei allen Postanst.1 en und Buchhandlnngen 3 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt“ gratis. Inserate werden mit 35 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet nnd sind an die ״Expedition dieses Blattes* zu senden. Buchhänd'er und Lehrer, welche direkt oder dnreh Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 1/0 Rabatt. 1x111 eilt: Wissenschaftliche Aufsätze: Pohlmann's ״Christen nnd Juden*. Besprochen von Rabbiner Dr. Immanuel Deutsch in htan O.-Schl. — Erklärung unklarer Bibelstellen. Von Dr. Herze 1-Brody. Bece nsionen: Emest Renan, Histoire dn Penple d’Israel. To me cinquieme. Paris, Calman Levy. — Discussions on Jsaiah . Lll. VI8 ff. and c. LU1), from an unpublished Manuscript of sixt^^WJth Century with Preliminary Notes on Judaico- PolemicUH|Wrarure’ ®*7י Alexander Kohut. Litera rjsche^N otjz; Das Alter der Grahsieine. Von L. Cohen Unbefugter Nachdruck au» diesem Blatte nicht geettttet Christen und Juden.*) Besprochen von Dr- Imm’anuel D euts c h-Sohran O./S- (Schuss.) Jüngst 1t Karl Hermann im ״Zeitgeist,“ in 11er Montagsbeil e zum Berliner Tageblatt, einen sehr lesenswerten satyrisch gewürzten Aufsatz ״Moderner Gespensterglaube“ veröffentlicht. Ebenso witzig wie wahr deutet er u. A. darin an, die Ethnographie sei die populärste Wissenschaft, so populär, dass die Laien sich darin viel kundiger dünkten, als die Gelehrten vom Fache. Auf die Ethnographie berufen sich jene Laien, welche mit grossem Geräusch eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen Ariern und Semiten, zwischen Germanen und Juden, annehmen. Einen kleinen Haken hat freilich diese Annahme. Die Laien acceptieren sie wohl, nur die Ethnographen von Beruf wollen davon Nichts wissen. Sie behaupten vielmehr, dass schon die Juden in Palästina zum grösseren Teile aus arischen und nur zum geringeren Teile aus semitischen Elementen sich zusammengesetzt habe. Will man aber trotzdem die Juden als reine, unvermischte Semiten reklamieren, so sei es doch mit dem semitischen Handel eitel Dunst uud Flunkerei. Die Propheten, die Apostel seien doch nicht Handelsleute und die Palästinenser in ihrer über• wiegenden Mehrheit seien schlichte Ackerbauer gewesen. Zum Handel seien die Juden erst in Europa in den JahrhundertendesMittelalters gezwungen worden.— Einen ähnlichen Gedankengang eignet sich auch Pohlmann an. Der Leser verabsäume es nicht, den Spuren seiner Ausführungen zu folgen. Die logisch klaren, überzeugenden, warmherzigen Auseinandersetzungen des Verf. sind geeignet, iu dieser trübseligen Zeit den gebeugten Juden, den trauernden Menschenfreund seelisch aufzurichten. Ueber den engen Rahmen der apologetischenTendenz weit hinaus geht was Pohlmann ebenso geistreich wie gemütvoll über die ״Zerklüftung und Annäherung der Menschheit“ uns sagt. Wir vermeiden es geflissentlich, *) Christen nnd Jaden. Von Professor Dr. Wslter Pohlmann. Neuwied und Berlin׳ Heuser’s Verlag. Preis 50 Pr, auf alle seine Ausführungen näher einzugehen, weil wir uns nicht berufen fühlen, an dieser Stelle das Ross der hohen Politik zu tummeln. Was der Verf. bei dieser Gelegenheit vorbringt, Alles Alles macht seinem Edelsinne nnd seinem menschenfreundlichen Herzen alle Ehre. Unstreitig macht sich in den weiten und breiten Kreisen der civilisierten Völker Europas mit monumentaler Kraft ein energisches Friedensbedürfnis und eine intensive Friedenssehnsucht geltend. Es fehlt nicht an Symptomen der wirtschaftlicher Annäherung ferner Länder und der aufrichtigen Befreundung fremder Völker. Wir können aber nicht die Ansicht des Verf. teilen, dass nur der überreizte Chauvinismus der masslos empfindliehen Nationen und Natiönclien Europas die rückläufige Bewegung auf dem Gebiete der Gesittung uud die Verhetzung von Menschenrassen und Menschenklassen zu verantworten habe. Der einseitig forcierte Cultus, welcher mit dem Nationalitätsprincip gegenwärtig getrieben wird, ist wohl ein sehr wesentlicher Faktor der Reaktion, aber durchaus nicht der einzige. Es giebt leider noch andere Mächte der Finsternis, auf (leien Conto die Verrohung und Verwilderung, welche in erschreckender Weise am sich greift, zu schreiben ist. Mit weitsichtigern Scharfblicke macht der Verfasser auf die Gefährlichkeit der modernen Judenhetze aufmerksam, welche durch Papier und Druckerschwärze begünstigt, ein schier internationales Gepräge annimmt Italien und Ungarn scheinen eine rühmliche Ausnahme zu bilden und den Hexensabbath der Menschenverhetzung nicht mitzumachen. Für seinen Aufruf zur Notwehr, zur Abwehr, zur Selbst- Verteidigung sind wir dem Verf. sehr dankbar. Wir sind auf dem besten Wege, diesem Rufe in herzhafter Weise Folge zu leisten. Schliesen wollen wir mit den Worten Pohlmann’s, welche er uns aus der Seele gesprechen: ״Hass nnd Lüge, Zwietracht und Verleumdung werden schliesslich doch der Wahrheit und der Eintracht weichen müssen, und die edlen Bekenner beider Religionen werden sich später in noch höherem Grade, als heute die Bniderhand reichen zur gemeinsamen Arbeit am Wohle und an! Fortschritt der Menschheit. In Zukunft wird es nicht mehr heissen: ״Ich bin ein Christ und jener ist ein Jude,“ sondern man wird sagen: ״Bist du ein nützliches Mitglied der menschlichen Ge- Seilschaft und liebst du deinen Nächsten?“ — Und wenn diese einzig nnd allein entscheidende Frage bejaht werden kann, dann soll der Betreffende mit offenen Armen aufgenommen werden als Bruder unter Brüdern.“ — Wenn wir dereinst mit der Hilfe Gottes und der Freunde der Wahrheit und Menschenliebe in einer glücklichen Stunde von der siegreich überwundenen rückläufigen Schmachvollen ״antisemitischen“ Bewegung freudig gestimmt