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Das jüdische Literaturblatt · 1894-02-09 · N° 6. (9.2.1894) · p. Seite 22

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 6. (9.2.1894)
Date
1894-02-09
Page
Seite 22 (sequence 3)
Language
German
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— 24 — Beiträge zur Erklärung unklarer Bibelstellen. Von Dr. Herzel-Brody. Samuel 1. Cap. 16 V. 29—35. Im Vers 59 lesen wir: וגם נצח ישראל לא ישקר לא ״ ינחם כי לא אדם הוא להנחםDer 1Retter Israels (Gott) lügt nicht and bereuet nicht, denn er ist kein Mensch, um zu bereuen.‘* Und bald darauf in Vers 35 wird uns erzählt: ״ וה׳ נחם כי המליך את שאול על ישראלUnd Gott bereute, dass er den Saul zum Könige über Israel eingesetzt hatte.“ Das ist ein so offener Widerspruch, dass man staunen muss, wie ihn die h. Sehr., man möchte sagen, meinem Athemzuge, oder richtiger, mit einem Federzuge niederschreiben konnte? Nach meinem freilich nicht erschöpfenden Wissen ist dieser rätselhafte Ausspruch von keiner Seiteibesprochen, oder gar in befriedigenderWeise gelöst worden. Ich will’s versuchen; muss aber von vornherein bemerken, dass in diesem Falle nicht die Satzanalyse, auch nicht eine künstliche Satzcoustruction aus der Verlegenheit helfen kann, sondern dass nur ein tieferes Verständnis des mit dem Worte נחם verbundenen Begrifes, auf die, wie ich glaube, richtige Fährte leiten kann, um den wahren Sinn der einander widersprechenden Sätze zu finden und zu erfassen. Das Zeitwort נחם bedeutet zumeist ״bereuen“; sehr oftaber auch, sich beruhigen, sich trösten etc. Im unseren 2 Versen ist b ere u en die Bedeutung des genannten Zeitwortes — der Inhalt der Erzählung deutet darauf hin und schliesst jede Nebenbedeutung aus. Demnach müssen wir uns mit dem Begriffe b e reuen etwas eingehender befassen, und gen au untersuchen, was ״bereuen* heisst. Bereuen bezeichnet den Schmerz, den jemand über eine von ihm vollbrachte That bei sich empfindet Diese Reue kann aber aus zweifachen Ursachen in uns geweckt werden, entweder weil in mir die Erkenntniss gereift ist, dass ich gefehlt, schlecht gehandelt habe, oder weil ich die Ueberzeugung gewonnen habe, dass das Objekt, dem ich etwas zugefügt habe, meine (selbst gute That) nicht gewürdigt oder gar missbraucht hat. Ist es doch möglich, dass wir in der besten Absicht jemandem etwas Gutes thun, das aber von unserem Nebenmenschen zu schlechten Zwecken missbraucht wurde, wodurch uns dann Kummer und Verdruss erwächst, der in unserem Herzen das Gefühl der Reue entstesen lässt, auch das Gute gethan zu haben. Zum besseren Verständniss dessen, was ich hier sagen will, dass nämlich das Gefühl der Reue aus zwei verschiedenen Motiven in uns erzeugt werden kann, nämlieh entweder durch uns selbst oder durch eineu Nebenmenschen, will ich zwei gesonderte Beziehungen für diese zweiverschiedenartigenReuegefühle anführen und zwar: 1) Thut mir’s leid, eine That verübt zu haben, weil ich einsehe, begreife und zu der Erkenntniss gekommen bin, jemanden wehgethan, und Unrecht zugefügt zu haben, so ist das ein Gefühl der Reue; 2) thut mir’s leid, eine That (eine gute) verübt zu haben, weil der andere sie missbraucht hat, so ist das ein Gefühl des Bedauerns. In diesem Falle ist bedauern nicht als eine schwächere Reueempfindung aufzufassen und zu verstehen, sondern als das Gegenteil von bereuen. Bereut wird, nach meiner Ansicht, das Schlechte, das man verübt hat, bedauern aber kann man auch, Gutes gethan zu haben, z. B. einem Undankbaren, einem Unwürdigen, den ich aber später erst als unwürdig oder undankbar erkannt habe! Wir finden in der hl. Sehr, sehr oft das Wort נחם auf Gott angewendet (es würde zu weit führen, und könnte eine breite Abhandlung werden, wenn alle diese Bibelstellen hier citirt und erklärt werden sollten); aber wo es angewendet wird, trifft die Schuld einen anderen, und nicht die Gottheit! An einem Beispiele will ich meine Ansicht veranschaulichen: I B. Mos. Cap. 6 V. 6 וינחם ה׳ כי עשה את האדם כארץ. Der Mensch ging aus der Hand des Schöpfers als Gott ebenbildliches Wesen hervor, ausgestattet mit gestigen und physischen Kräften, die er zu seinen Wohle und Heile gebrauchen soll; wenn er sie aber missbraucht zu Gewalt und Unrecht, zu List und Betrug, hat da die Gottheit etwas zu bereuen? Gewiss nicht! Die Gottheit kann, mit Rücksicht auf die freie Willensentscheidung des Menschen nur ״die Schöpfung des Menschen, den sie der Gottheit nur um ein wenig nachgesetzt hat“ bedauern. Wenden wir nuu das bisher gesagte auf unseren eingangs erwähnten rätselhaften Ausspruch an, so ist derselbe so zu erklären und zu übersetzen: Gott der Herr, der Beschützer Israels, täuscht nicht u. bereuet niemals seineThaten (denn er übt kein Jnrecht und kein Schlechtes, das er bereuen müsste); hingegen war das Verhalten des Königs Saul, dem Aufträge Gottes gegenüber, der ihm geboten hatte, Amalek mit Stumpf und Stiel zu vernichten, von der Art, dass Gott die Wahl eines solchen Königs nur bedauern konnte. Recensionen. Jüdische Familicnpapiere. Von W. Herzberg.3.unveränderte Auflage. Zürich. Cäsar Schmidt 1893.8° 317 S. Besprochen von Immanuel Dentsch-Sohrau O./S, Sta,miles! Hic optime manebimus; —Eine bessere Empfehlung kann ich dem trefflichen Buche, nicht geben. Wir haben in den letzten 25 Jahren uns gar oft der Pflicht nicht entziehen dürfen, pro domo zu reden. Die brutalen Anzapfungen der sogen. Radau- und Salon-Antisemiten haben uns an unsere Notwehr eindringlich gemahnt und uns die Losung ins Gewissen gerufen : ״Auf, zur Abwehr!“ Wir mussten und müssen oft, leider viel zu oft mit vollem Verständnisse dem grossen Friedrich die geflügelten, berühmt gewordenen Worte nachfuhlen: ״Und mit diesem Gesindel muss ich mich schlagen!“ So problematisch und brüchig die Gesinnung der antisemitischen Federhelden, so dürftig und mager, so öde und wüst sind die schäbigen Gedanken, die sie mit geräuschvoller Tamtammusik in die Welt hinauspoltern und hinausschreien. Eine Oase in der Wüste, ein Labsal in der Sahara, der geistigen Einöde und Einförmigkeit sind Herzbergs ״Jüdische Familienpapiere.“ Dabei bieten sie uns im Grunde nichts Neues. Was wir hier vor uns haben, ist der dritte unveränderte Abdruck jener ״Jüdischen Familienpapiere,“ welche vor 25 Jahren in Hamburg pseudonym erschienen waren. Habent sua fata libelli. Schon die äussere Geschichte dieses Buches ist interessant Schon vor 30 Jahren hatte der Gelehrte Verfasser sein Manuscript, das Ergebnis vielseitiger, gereifter Studien, abgeklärten, ernsten Denkens, streng religiös israelitischer Gesinnung, des äclit jüdischen, unergründlich tiefen Gemüthes, fertig gestellt Vom Jahre 1862—68 blieb das Manuscript liegen, weil sein Verf. auf die Suche nach einem Verleger ging. Er musste aber sagen: Ich habe mich bemüht und nicht gefunden! Selbst Herr Dr. Philippson, der Leiter des damals noch florirenden Literaturvereinen, weigerte sich, dieses Buch, welches eine Apologie, nein — eine glänzende Verherrlichung des positiven historischtraditionellen Judentums, enthält, aufzunehmen. Ein Bruder des Verf., welcher mit vollem Verständnisse dieses

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