Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 6. (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 6♦ Das XXIII. JaHrg. J üdiseheLiteraturblatt Zur Beleuchtung aller Judenhum und Juden betreuenden literariechen Eracheinungen aut dem Gebiete der Philotophie, Geechichte, Ethnographie, Theologie, Orientalia, Exegesee, Homiletik, Liturgik und Pldagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 9. Februar 1894. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaktion zugesandt werden, finden in diesem Blatte)eingehende Besprechung. Bei Einsendung von zwei Recensions- Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratisdnsertion. Das ״Jttdische Literatur-Blatt‘־ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buohhandlungen (in Leipzig bei Robert F riese) pro Jahrgang 8 Stark. Abonnenten der ״Israelitischen Wocheuschrift,“ die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt“ grati's. Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet und sind an die ״Expedition dieses Blattes“ zu senden. Buohhändler und Lehrer, welche direkt oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 0/0 Rabatt. Inla.alt: Wissenschaftliche Aufsätze: Der Anarchismus und das Judenthum. Von Dr. J. Ham bürg er-Strelitz. — Zur modernen Pentateuchkritik. Xll .Von Dr. B■ Königsberger. — Beiträge zur Erklärung unklarer Bibelstellen. Von Dr. Herzberg-Brody. Recen[sionon: Jüdische Familienpapiere. Von W. Herzberg. Besprochen von Jmmanuei Deutsch-Sohrau O./S. Unbefugter Nachdruck aus diesen Blatte nicht gestattet. Der Anarchismus und das Judenthum. Von Dr. J. Hamburger-Strelitz. (Schluss.) Eine andere Stelle berichtet, dass die Exulanten bei der Uebersendung von Geschenken nach Jerusalem von den Empfängern derselben forderten: ״Betet für das Leben Nebukadnezars, des Königs von Babel und für das Leben Belsazars, seines Sohnes, ihre Tage auf Erden mögen sein wie die Tage des Himmels, damit wir glücklich leben unter dem Schatten des Königs von Babel und unter dem Schatten seines Sohnes Belsazar, damit wir ihm lange dienen und Gnade vor ihnen finden.“1) So galt es bei den Juden stets als Gesetz: Liebe und Treue gegen die Landesobrigkeit und deren An- Ordnungen zu erweisen und für deren Wohl zu beten. Die Geschichte berichtet, dass die Juden in Palästina bei der Wiederbegründung ihres Staatslebens in Palästina für die Könige von Persien, solange sie unter deren Oberhoheit standen, Opfer darbrachten und für das Wohl derselben beteten2). Dasselbe geschah liir die syrischen Könige, als Palästina unter deren Oberhoheit kam3). So lautete die Anrede des Hohenpriesters an Alexander den Grossen auf seinem Zuge durch Palästina, als er den Tempel in Jerusalem mit seiner Gegenwart beehrt hatte: ״Dieser Tempel ist die Stätte, wo für Dich und Dein Reich, dass es nicht zerstört werde, gebetet wird4 *).“ Später betete und opferte man daselbst für das Leben der römischen Kaiser, als nach dem Tode des Königs Herodes I. Rom seine Herrschaft über Palästina ausgedehnt hatte. Das Aufhören dieser Opfer für Roms Kaiser wurde als erstes Zeichen des Aufstandes gegen die römische Herrschaft über Palästina angesehen und bildete den Anfang jenes verhängnissvollen Krieges, der mit der Zerstörung Jerusalems endete. Diese Zerstörung Jerusalems und seines Gottestempels durch die Römer, so schmerzlich sie auch für die Juden war nnd so sehr hart darauf in Folge des barcochba’sche Aufstandes Roms Herrschaft die jüdische Bevölkerung Palästina’s gedrückt hatte, vermochte doch nicht die jüdischen Volks- und Gesetzeslehrer, davon abzubringen,Treue undAnhänglichkeit gegen Rom dem Volke einzuschärfen. So lautete die Mahnung eines Lehrers im 1. Jahrh. n., des Priestervorstehers Chanina: ״Betet für das Wohl der Obrigkeit, den existirte nicht die Furcht vor derselben, es würde der Eine den Andern verschlingen3).״ Ein Lehrer des dritten Jahrhunderts fügt diesem Ausspruche erklärend hinzu: ״Wie die Fische im Meere die grösseren die kleineren verschlingen, so würde es auch bei den Mensehen geschehen, existirte keine Obrigkeit6).“ Dieselbe Lehre wird noch im 4. Jahrhundert n., von dem Lehrer Rab Jehuda wiederholt. Ein dritter Lehrer am Ende des 1. Jahrhund’s n., R. Jose ben Kisma, mahnt nachdrucksvoll seinen zeitgenössischen Lehrer Chanina ben Teradjon, sein Vorhaben, gegen die hadrianischen Verfolgungsedikte Lehrvorträge öffentlich zu halten, aufzugeben — mit den Worten: ״Siehst Du es nicht ein, dass die Römer von Gott zur Herrschaft eingesetzt sind; sie haben unser Gotteshaus zerstört, die Frommen getödtet, all ihr Gut vernichtet und bestehen dennoch7)!“ Das Grösste darin haben die Volks- und Gesetzeslehrer im 3 Jahrhundert geleistet. Von den in Palästina neunen wir R. Josna ben Levi und R. Jochanann. Dieser lehrte, dass die Einsetzung der Obrigkeit zu den Gegenständen gehört, die unmittelbar durch Gott geschehen8).“ Ueber die Achtung vor den Obrigkeitspersonen lehrte er: ״Sollte es auch der Leichtsinnigste unter den Leichtsinnigsten sein, versage ihm nicht deine Achtung; betrachte ihn gleichsam als den Trefflichsten der Trefflichsten״).“ Von ersterem ist das schöne Gleichniss darüber: ״Der Schweif einer Schlange sprach einst zu deren Haupt: Wie lange noch willst du der Erste sein, überlasse mir die Führerschaft. Da trat der Schweif die Führerschaft an, er zog die Schlange über Wassergräben und fiel hinein, über Brandstätten und stürzte in dieselben, über Dornen und Disteln und verwundete sich. So war der Leib der Schlange gar arg zugerichtet. Was war der Grund davon, weil nicht der Kopf, sondern der Schweif Führer war. So geschieht es bei den Menschen. Folgen die Kleinen den Grossen, 1) Baiuch 1, 10.14. 2) Josephug, Antt. 11, 4,6. 3) Daselbst. ,, _ 4) Joma S. 69a. llegillath Taanith 9 Midrasch rabba 3. B Moses Abschn. Schmini gegen Ende. 5) Aboth 3,2. 6) Aboda Sara S. 4a. 7) Daselbst S. 8a. 8) Berachotb S. 65a. 9) Midrasch rabba zu Koheleth 1,4.