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Das jüdische Literaturblatt · 1894-01-12 · N° 2. (12.1.1894) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 2. (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 muten, während Sie nur von Aenderung von Religionsgebrauchen sprechen, mit Entschiedenheit zurück. Die in Ihren Kreisen beliebte ״liebevolle“ sorgfältige Verzeichnung aller Vergehungen, an deren Aus- Übungen ein Jude beteiligt ist, würde es ja schon rechtfertigen, wenn wir angeblich das unseren Glaubensgenossen zugefügte Unrecht ״mit Wehgeschrei“ aufnehmen. Aber das stimmt ganz und gar nicht, Unrecht bleibt uns Unrecht, einerlei wer der leidende Teil ist, aber dass wir jetzt mehr als je das einem Juden als s 01 chen geschehene Unrecht beklagen und zurückweisen, dazu werden wir durch das systematische Vergiften alles Rechtsgefühl.; von Seiten unserer Gegner, wenn der Verletzte ein Jude ist, gezwungen, dazu sind wir gehalten, weii wir von der staatlichen Langmut gegen alle Ausschreitungen in Wort und Schrift gegen uns auf Selbsthilfe angewiesen sind. Dass die ״von Juden abhängige Presse“ christliche Sitten und Gebräuche belächelt und verhöhnt, ist eine haltlose Insinuation, die der Verf. den Antisemitenblättern schlimmster Sorte abgeschrieben hat und wohl nur deshalb hier anwandte, um ihr die beweislose Anschuldigung anzukleben, diese Zeitungen hätten die Bewegung des ״Einigen Christentums“ totgeschwiegen oder mit kaltem überlegenen Lächeln behandet. Das hätte nur von dem Augenblicke an geschehen können, seitdem Männer, wie Lesczynski u. Cons. der Fahnenträger dieser Bewegung wurden und sie durch ihre Maaslosigkeit zn ersticken beginnen. Wenn es aber wahr wäre ״heraus mit der Plempe“, welche also bezeichneten Zeitungen sind gemeint? Namen nennen! Vorliegendes Blatt, das spezifisch jüdische Interessen behandelt, hat von Anfang an die Bewegung aufmerksam und freundlich verfolgt, bis Unberufene sich eindrängten, welche vom Judentum die Leistung von Vorspanndiensten verlangten, die sie im eigenen Lager nicht fanden, und die uns beschimpfen, weil wir uns dazu nicht verstehen wollen. ״Wie man’s treibt, so geth’s!“ Jeder Unbefangene mag prüfen, ob das Judentum zur Erhebung zur höchsten Menschenwürde erst der christlichen Religion bedurfte. Legen wir den Maasstab an zwischen einem Salomo, der schon vor 3000 Jahren für alle Menschen betete und den Priestern der ״Liebe“, welche unsere Vorfahren auf Tausenden von Scheiterhaufen den Fandango tanzen und mit Daumenschrauben Castagnetten schlagen lehrten. Im Heiligtum zu Jerusalem wurden Hekatomben für das Wohlergehen aller Völker dargebracht, die modernen Völker liesen die Juden den gelben Fleck tragen als lesbares Avis für alle grossen und kleinen Gassenjungen: ״Den dürft ihr ungestraft mit Steinen und Schmutz bewerten.“ Im israelitischen Reiche durften alle fremden Völker freien Hendel treiben ohne jede Beschränkung — die Juden in christlichen Staaten mussten in Ghetto’s wohnen und waren von Luft und Licht abgesperrt, hingegen aber hübsch zusammen zu finden, wenn der aufgereizte Pöbel übeisie herfallen wollte, um sie totzuschlagen. Im mosaischen Gesetz heisst es, dass es nur ein Gesetz gebe für den Fremdling, wie für den Einheimischen; das XIX. Jahrhunderte hat aber wie zum Hohne Gesetze der ״Gleichheit“ gegeben, die lür die eingeborenen Juden nur Makulatur sind. Doch wozu die Vergleiche in’s Unendliche vermehren; selbst der Verf. giebt Letzteres gnädig zu, um gleich darauf — man traut seinen Augen kaum — fortzufahren: ״Die Juden haben das ihnen gebotene Gute — seil, auf dem Papiere — angenommen, ohne jede Gegen- 1 eistung von ihrer Seite.“ Ja, ums Himmelswillen, wem waren sie zu besondem Complimenten verpflichtet? Sie fühlten sich eben als Glieder der grossen Gesammtheit, an dessen Wohl und Weh sie teilnahmen und mitarbeiteten. Sie hatten auf allen Gebieten, auf denen sie zugelassen wurden, mitgewirkt., sie hatten die Erniedrigung mitertragen, sie hatten die Kriege mit Gut und Blut mitgefochten — nur von der allgemeinen Freude waren sie ausgeschlossen. Jeder Mann darf seine Inteligenz nach seinev Neigung spielen lassen, nur der Jude blieb zurückgesetzt; was Wunder, wenn die meisten, mehr der Not gehorchend, als dem innem Triebe, auch nicht die übriggebliebenen Felder alle düngen wollten, sondern sich deu Betrieben zuwandten, in welche die christlichen Völker sie 1800 Jahre lang einzwängten, wodurch sie auf demselben einige Geschicklichkeit erlangten, Beschäftigungen die ihrem Urcharakter fern lagen, denn ihre Väter waren ausschliesslich Vieh- Züchter und Ackerbauern. Wofür Gegenleistung und für wen? Nur Fremde haben zu danken, die Juden lebten seit vielen Jahrhunderten im Lande, kennen das Land ihrer Väter nur den Namen nach, von dem Hardt perfide behauptet, sie ständen noch mit einem Fusse darin, und was sie leisteten und erwarben, kommt immer ihrem Vaterlande zu Gute, denn sie verschleppen es doch ebenso wenig nach dem Auslande, wie ihre christlichen Mitbürger ihr Erworbenes. Mit Leszczynsky’s Ruf ״Achenu Attah“, den wir vorigen Sommer besprochen haben, wird man keine Juden fangen, und wenn Leszcz. euch das Gegenteil behauptete, hat er euch mit seinen Fanatismus getäuscht. Und wenn wir unsere Religion wechseln wollten — bei Gott, wir würden Herrn Hardts Religion zu allerletzt in Betracht ziehen, die ihn lehrt, den Juden, die kein anderes Heim kennen, wollen und haben, als das Land, in dem sie, ihre, Väter und ihre Kinder leben und sterben, diesen Juden, die er als unbequeme Gäste ansieht, mit traurigem Mute zuzurufen: ״Da Du Dich an meine Hausordnung nicht gewöhnen kannst, so richte Du Dein Stammeshaus bald wieder für dich wohnlieh auf.“ Die Worte ״Dein Stammhaus“ hat Herr H. selbst unterstrichen, glaubt also mit dieser Bestimmung etwas besonders Bemerkenswertes geleistet zu haben. Lassen wir dem sonderbaren Schwärmer seinen guten Glauben — und er hat in der That die Kraftleistungen eines Ahlwardt und Förster übertrumpft — solche Uebertreibungen können uns nur in unserm gemütreichen Glauben bestärken, der solche an Roheit streifende Lieblosigkeit selbst gegen Fremdlinge nicht kennt. Herr H. wurde zu diesem Zurufe veranlasst, weil die Juden nach ihrem Gutdünken die besten Geschäfte abschliessen, wann sie wollen, dies aber n u r am Sonntag thun, die Christen aber an diesem Tage solche mit Abscheu zurück weisen; er ist 80 wütend, denn wir haben ihn durch unsere Gesetze der Enthaltsamkeit in Harnisch gejagt, Die roten Lappen, welche auf ihn und auch auf den sonst, besonnenen Herausgeber eingewirkt haben, sind folgende: 1) wir essen mit ihnen nicht von derselben Schüssel. Solche Unterschiede giebt es auch zeitweise zwischen katholischen und evangelischen Christen, und bei diesen sowie bei uns handelt es sich bei den Speisegesetzen nicht um eine nationale Absonderung, sondern um das, was — in der Schüssel drin ist. Die Herren wissen offenbar nicht, dass der religiöse Jude auch mit seinen Glaubensgenossen nicht aus derselben Schüssel ist, wenn sie nicht rituell Zubereitetes enthält, aber keinen Anstand nimmt, mit einem Andersgläubigen rituell Erlaubtes aus einer Schüssel zu essen, — wenn Beide appetitlich sind. 2) Die Herren sind nervös, wenn sie wissen, dass ein Thier sich verblutet und verlangen das Schachtverbot, trotzdem die grössten Gelehrten ihr Votum gegen dies Verlangen aller Antisemiten abgegeben haben.

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