Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1894-01-05 · N° 1. (5.1.1894) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 1. (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5367336-6582189-5991441--2396-5369245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4 vermögen uns, die die minorum gentium allerdings nicht gerade zu imponieren. Das Einzige was uns bei dieser ganzen Bewegung sympathisch berührt, das ist die Pflege und Förderung der heiligen Sprache, welche der grösseren israelitischen Volksmenge mundgerecht zu machen, auch in der Tendenz der zionistischen Bewegung liegt Wenn wir demnach auch der stilistischen Form dieser Abhand• lungen wohlwollend und nachsichtig gegenüber stehen, können wir uns doch im Namen der Wahrheit und im und im Dienste der Wissenschaft mit dem ärmlichen, dürftigen, problematischen, fragwürdigen Inhalte dieser Aufsätze unmöglich aussöhnen. Flott sind die meisten Stücke wohl geschrieben, aber durchaus nicht elegant, nicht einmal allenthalben streng correct. Jesajanisches Hebräisch suchen wir hier vergeblich. Unsere Altvorderen würden stutzen bei den zahlreichen Germanismen, Slavismen, Polonismen und Redewendungen, welche der modernen wissenschaftlichen Terminologie ihr Entstehen verdanken und uns wie hebräisches Kauderwälsch anmuten. In einem Aufsatze ist z. B. von ״Atomen“ die Rede. Der Verfasser schreibt sans gene et avec phrase אטומות, ein wahres Monstrum von Wort und Form, wenn man bedenkt, dass אטם ein gut hebräisches Wort ist und eigentlich etwas ganz Anderes bedeutet, nämlich ״verstopft sein.“ אטומה ist demnach etwa mit ״Ver- Stopfung“ wiederzugeben und weist auch nicht ein Atom von ״Atomen“ auf. In einem Aufsätze;שפת עבר—שפת חוה bekennt der Verfasser, dass er manche deutsche Wörter, wie Lampe, Zündhölzchen, Teller u. s. w. u. s. w. nicht mit einem Worte treffend ins Hebräische übertragen könne. Bei andern Wörtern ist es ihm seiner Meinung nach gelungen, den hebräischen Sprachschatz erheblich zu bereichern. 16 ganz willkürlich gebildete Wortformen veranschaulichen sein spraclibildendes Talent. Einige Proben setzen wir zur Erheiterung her. Man höre und staune בלילה Grützbrei (?) מצחה (?) Mitzenschirm (Mützenschirm) אניות (?) Egoismus, שעון Uhr, מלה Wörterbuch, משהפים Brillen. Wenn die Freunde des Hebräischen die heilige Sprache in dieser Stümperhaften Weise vergewaltigen, wessen soll sie sich da von ihren Feinden versehen? Wer spricht und schreibt nun correct eres Hebräisch — der Verfasser mit seinen ganz unnötigen, willkürlichen Wortbildungen oder diejenigen, welche die Begriffe ״Uhr,“ ״Wörterbuch,“ ״Brille“ durch zwei Wörtern, aber allgemein verständlich paraphrasieren durch die Wendung: ,מורה שעות, אצר המלות בתי עינים? Sollten sich diese Wortbildungen nicht längst bei uns eingebürgert haben? Zum Erstaunen ist es, dass sogar der Begriff ״erstaunen“ vom Verfasser entdeckt und erfunden wird: התאבן — so und nicht anders heisst: ״erstaunen.“; השתאה wird vermutlich vom Autor als unhebräisch in Acht und Bann erklärt. Nimmt sich die linguistische Dictatur oder Tortur des Herrn Joseph Klausner — so heist der geniale Wortbildner — nicht sehr lieblich und verlockend aus? Der Inhalt der Stücke giebt vielfach zu den schwersten Bedenken Veranlassung. Der Genius der Wissenschaft muss trauernd sein Antlitz verhüllen, wenn man es wagt, solche problematische Elaborate unter der Flagge wissenschaftlicher Leistungen unter die Leute zu bringen. Der erste Aufsatz z. B. fuhrt die Aufschrift האחדות wie lucus a uon hucendo; denn der ganze erste Tel und die Hauptsumme des zweiten Teiles ergeht sich sehr breitspurig und weitschweifig in dem gewiss nicht neuen Gedanken, dass die Eirheit in der unorganischen und organischen Welt selten festzustellen sei. Bei den Menschen würde das Postulat der absoluten Einheit den Individualismus ertödten und zur verknöchernden Uniformität der Individuen führen. Die Einheit, die der Verfasser im Auge hat, identificirt sich mit der Einheit der national-zionistischen Idee und dem einheitlichen Gebrauche der hebräischen Sprache. Acht Reihen hätten zu seiner Motivirung ausgereibht lieber die Ureinwohner des heiligen Landes verbreitet sich ein anderer Artikel auf 8 eng gedruckten Seiten in geradezu unmöglichen Thesen. Verf. greift gierig den Midrasch auf: לא היה מגזל באדןישראל. Darauf werden ganz ungeheuerliche Hypothesen gebaut, wonach die רפאים,נפילים u. s. w. von der grossen Fluth unberührte Autochthonen gewesen seien. Was soll man dazu sagen? Einen moralischen horror hat uns der lezte Aufsatz, ein sogenannter Beitrag zur modernen Heilkunde, eingeflösst. Mailes, der Herausgeber, hatte den Geschmack, einen Artikel zu veröffentlichen unter der Aufschrift מעשה אונן einen Artikel, welcher besser ungeschrieben wäre. Den Inhalt dieses Artikels näher anzudeuten, verbietet uns das Schamgefühl. Ganz entsetzt waren wir über den Cynismus, welcher fast aus jeder Zeile dieses elenden Machwerkes spricht. Sollte dieses hässliche Thema gerade im Kreise der Unionisten, Nationalisten, Zionisten zeit- und situationsgemäss sein? Dabei sind die Ausführungen so schülerhafi, so ungeordnet, so jeder Sichtung und gesunden Kritik ermangelnd, wimmeln so sehr von masslosen Uebertreibungen, geeignet, die unglücklichen Patienten der Melancholie in die Arme zu treiben, dass wir nicht begreifen, wie ein Mann, welcher nicht für die Scliand־ und Schundliteratur der sexuellen Ausschreitungen tendentiüs arbeitet, sich zu solchen schriftstellerischen Darbietungen herab würdigen kann, Dazu der heiligen Sprache sich zu bedienen, halten wir geradezu für eine Profanirung der Worte, Laute und Töne, in welchen die gotterfüllten Seher und Sänger in Israel geredet Sobrau O./S. Dr. Immanuel Deutsch Kolja’s Braut. Roman von Emmy Tuerk. Leipzig. Reissner. 250 S. Die Verfasserin hat Stil, Geist, Phantasie, Beobachtungsgabe und damit viele Eigenschaften, die für die Abfassung eines guten Romans von grossem Werte sind, dennoch wird wohl Keiner mit dem Gefühl der Befriedigung ihr Buch aus der Hand legen, denn es fehlt das Maas. In diesem Buche geschieht von Anfang bis zu Ende das Unwahrscheinlichste. Wie sie mit den Personen umspringt, so thut sie es auch mit deu Religionen; trotzdem dieser Roman hochromantisch ist, ist er dennoch ohne eigentliche Spannung; denn Spannung entsteht nur, wenn der Dichter auf denkbaren auf wahrscheinlichen *Wegen zu den vorgesteckten Ziele führt, der tolle Wirrwarr spannt ab, aber er spannt nicht. Wir begreifen, das Chonne die Jüdin ihren christlichen Bräutigam heiratet und dass sie Christin wird, denn wir sehen das ja täglich; aber es gelingt der Verf. nicht diesen Uebertritt zu adeln. Vielleicht offenbart die Verf. in spätem Werken alle ihre Vorzüge ohne diese Wildromantik. B. R. Literarische Notiz. Anknüpfend an die in der Recension über die ״Histoire literaire de la France“ in No. 50 dieses Blattes gebrachte Notiz bemerke ich, betreff des בחינת עולם des Jedajah Fenini (Bedaresi), dass auch eine polnische Uebersetzung dieses Werkcbens aus dem J. 1853 vom seeligen Direktor der ehemal. Rabbiuerschule in Warschau, Herrn Jakob Tugendhold, dem beiläufig gesagt, die Juden in Polen vieles zu verdanken haben, unter dem Titel: Rozmyslacia swiecie, ״Betrachtungen über die Welt״, vorhanden ist, Dr. S. Danko witz-Wien. Verantvrortl.Kedacteur Dr. Kahmer, Magdeburg, Druck Friedrich Rasche &C0., Magdeburg. Verlag Rob. Friese, Leipzg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.