Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 52. (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- Seite 206 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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206 schon zu seiner Zeit als judenfreundlich verschrienen Paul 111. zeigen die Urkunden, dass er nicht nur den Juden, sondern auch ihrem Vermögen freundlich gesinnt war; dass er sie zwar beschützte, und Flüchtlinge überall freundlich aufnalnn, sie aber auch ausgiebig zur Türkensteuer und zu andern Steuern heranzog. Urkunde Nr. 70 giebt bei dieser Gelegenheit in einem Steuerverzeichnis eine Uebersicht über die jüdischen Gemeinden. Günstig für die Juden sind auch die Erlasse Julius 111, gegen welche Pauls IV. fanatische, Bullen gewaltig abstechen. Caralfa ist der eigentliche Urheber der unter Julius 111. schon beginnenden Quälereien durch die Katechumenensteuer und die Talinudverfolgung (Grätz IX, S. 360 nach Stern No. 110 f. zu verbessern.) Gelegentlich des Berichtes über jene erhalten wir wiederum ein interessantes Verzeichnis der beisteuernden italienischen Gemeinden, wählend von der letzteren mehr als 30 Nummern ausführlich handlen. Sie werden mit der von Grätz IX S. 358 als nicht mehr vorhanden bezeichneten Bulb■ eröffnet und geben ein hochinteressantes Bild sowohl von der Ausdehnung der Talinudverfolgung als auch von den verschiedenartigsten Schritten der Inquisitoren und ihrer Helfershelfer gegen, wie der Juden für den Talmud. No. ]05 und 124 liegen die Gutachten von Censoren, No. 117 die Bedenken des Senats von Mailand gegen das Bücherverbot vor; No. 116 berichtet die. Druckerlaubnis des Sonar, weil der Cardinalbischof von Mantua in demselben nichts der katholischen Religion Feindseliges gefunden (Grätz IX, S. 383 hiernach zu ergänzen). Ausführliches, das ebenfalls Grälz Darstellung IX 381 11. ergänzt, erfahren wir über die Vorgänge in Cremona, über die Verhandlungen mit dem Tridentiner Coucil 1563 (Grätz IX, 391 völlig zu ändern) und über die Unternehmungen der Mautuaner und anderer jüd. Gemeinden, den ausgebesserten Talmud drucken zu dürfen, Unternehmungen, die besonders durch pekuniäre Schwierigkeiten sich immer länger hinausziehen. — Es winde zu weit führen, wollten wir hier mehr als Hinweise auf das Allgemeine geben. Nur auf einige besonders wichtige Urkunden sei noch einzeln verwiesen. No. 1 bringt die bisher nur als Transsumpt gekannte Schutzhülle Gregor X. 1270. No. 133 giebt den authentischen Text des auch bei Grätz IX Note 5 aber fehlerhaft■ veröffentlichten Berichtes über den Anlass zur Einsetzung dev Inquisition in Portugal, die Schicksale de!• Marannen in Italien und die Stellung der Päpste hierzu anno 15(14. No. 140 gewährt Gregor Xlll, 1581 lreies Geleit für die Schifffahrt von und nach Italien, vielleicht wirft dies Licht auf das von Grätz IX. S. 502 Anm. 3. beanstandete f’itat aus Emek Habacha, Nr. 161 wird ein wichtiges Register von verschiedenen die Juden bet reifenden Beschlüssen der Päpste und des römischen Inquisitionsgerichtes 1556—1659 veröffentlicht. Nr. 164 befreit Clemens IX. 1668 diejüdische Gemeinde zu Rom von der demütigenden Teilnahme an den Carnevalsfestlichkeiten. Die letzten Nummern, 165 bis zum Schluss, berichten über Verhandlungen im Namen Clemens Xlll. 1764 (und 1773 nochmals), betr. Herbeischallimg von Getreide bei dem herrschenden Kornmangel, mit dem Juden Moses Vita Cohen in Ferrara, wobei dessen grossen und uneigennützigen Verdiensten das wärmste Lob gezollt wird. — Das Besprochene mag genügen, um zu zeigen, dass wir dem Fleisse des Herausgebers der ״Urkundlichen Beiträge־‘ für seine Veröffentlichung zu grösstem Danke verpflichtet sind. - Fr.-D. Ist Jesus der Erlöser( Sieben Kanzelreden von Moritz. Schwalb. Verlag von Hampe in Bremen. 1894. 71 S. Der letzte Zweck dieser Reden ist: der Redner legt sich die Frage vor, die seine Gegner ihm oft genug in’s Gesicht geschleudert haben, was denn bei seinem Radikalismus von der Religion noch übrig bleibe und er anlwortet mit Anlehnung an ein Wort des Paulus in einem Bi-ief an die Korinther : Es bleibt Glaube, Liebe, Hoffnung, der Glaube an Gott, den Vater der Welt, die Hoffnung, dass die Menschheit immer menschlicher werde; und die Menschenliebe. Wer diese Ideale so begeistert kündet, der ist uns lieb, der ist uns werth, ober nun auf einer jüdischen, oderaufeiner christlichen oder auf gar keiner Kanzel steht. Auch diese Sammlung hat die Vorzüge, die sämmtliche Bücher Schwalbs auszeichnen. B. R. Im Verlage von E. J. B r i 11 in Leiden ist eine kleine Schrift des Professors an der dortigen Universität Dr. Kosters ״Die Wiederherstellung Israels in der persisehen Periode“ erschienen, welche einen Zeitabschnitt der biblichen Geschichte, nämlich die Rückkehr aus dem Exil unter Esra, in einem theilweise ganz neuen Licht erscheinen lässt. Bis jetzt hatte man allgemein angenommen, und so steht es auch in den Lehrbüchern der biblichen Geschichte zu lesen, dass 70 Jahre nach der Verwüstung Jerusalems und der Wegführung der Juden durch Nebukadnezar dev Perserkönig Uyrus denselben die Erlaubnis gegeben habe, in ihr Vaterland zurückzukehren, wovon auch viele Gebrauch gemacht und trotz des Widerstandes de!■!Samaritaner Stadt und Tempel von Jerusalem wieder aufgebaut hätten. Zwar schrumpften die 70 Jahre des Exils, die man auf Grund einer missverstandenen Stelle des Jesaias angenommen hatte, in der Folge auf 50 zusammen, und auch noch andere Einzelheiten der bisherigen Ueberlieterung wurden modifizirt, allein im Ganzen blieb die bisherige Ueberlieferung unangetastet. Durch eine kritische Untersuchung der Bücher Esra und Nebenda und die Vergleichung der Mitheilungen Haggai’s und Becharjia’s über das Exil und den Tempelbau ist nun Professor Kosters zu dem Ergebniss gelangt, dass die Erzählung von der Rückkein• der Juden unter Cyrns in das Reich der Legende(?) zu verweisen ist Der Tempelhau ist nicht auf Befehl des persischen Königs unternommen worden, auch nicht durch znriichgekelirte Exilirte, sondern von den im Lande Zurückgebliebenen, die dazu von Haggai und Seeharia augefeuert worden waren. Der Wiederaufbau des Tempels begann unter Darius Hystaspis (020) und de)• Bau war bereits 516 vollendet. Mit Schwierigkeiten hatten die Bauleute nicht zu kämpfen; diese kamen erst im Jahr 444, im Jahr nach der Ankunft des Statthalte)* Nehemia. Erst im Jahr 433, nicht früher, fand die erste Rückkehr von Exilirten unter Anführung von Esra statt. Kosters tritt auch der landläufigen Annahme eutgegegeu, als ob das ganze Volk in die Gefangenschaft weggeführt worden sei; dies war keineswegs der Fall, mir der Kern der Bevölkerung, nur die Vornehmsten und Einflussreichsten gingen in die Verbannung, und ein Tlieil dieses Kerns oder vielmehr ihre Nachkommen kehrten hundert Jahre später nach Palästina zurück, wo sie die zurückgebliebenen Stamme.sgenossen in relgiüse Gleichgültigkeit versunken vorfänden. Stellt man sich auf den Boden der von dem niederländischen Gelehrten zu Tags geförderten Ergehnisse, dann erscheint auch das Zusammenwirken von Nehemia und Esra in einem ganz anderen, viel deutlieberen Licht, als bisher, und auch der Gang der israelitischen Geschichte während der ersten 150 Jahre nach dem Untergang des Reiches J uda (586) wird viel begreiflicher.!'• Verautwortl. Redacteur Dr. ßahmer, Magdeburg. Druck Friedrich Rasche &C0., Magdeburg. Verlag llob. Fries e, Leipzg.