Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 39. (24.9.1893)
- Date
- 1893-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 39. XXII. Jahrg Das Zur Buleuchtung *IXr Judcnthutu und Juden betreuenden (literarischen Erscheinungen »uf dem Beblece der Philasophle, Beschichte, Ethnographie, Theologie, Orienteile, Exegesse, Homiletik, Liturgik, und Pldegogik. Herausgegeben von Rabbiner f)1*. Moritss Rahmer. Magdeburg, den 24. September 1893. Bücher dpr eifischtlgigen Litteratur, welch• der ftaJaktieti tuge»«ndt werden, finden in dienern Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von zwei Recensiens• Exemplaren erfolgt einmalige kirne Gratis *Insertion. Das ״Jüdische Literatur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friesei pio J: lirgang 8 Mark. Abonnenten der ״israelitischen Wochenschrift", die vierteljährlich hei allen Postanstalten and Buchhandlungen Mark zahlen, erhalten aas ״Jüdische Literatur-Blatt“ gratis. Inserate werden mit 26 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buohhändler und Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 9ö ״/״ Rabatt. InJaalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Der Begriff ״kadosch“ und seine Gegensätze. (Schluss) Von J. Herzberg-Bromberg. — Eine alte Synagogenordnung. (Fortsetzung.) Von Rabb. Dr. Goldf ahn. Recensionen: Mebriug, Franz. Die ״Lessinglegende“. Eine Rettung. (Dietz, Stuttgart.) Literarische Notiz. Kalender für Israeliten. Wien. Waitzner n.*Sohn. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte lut itloht gestattet. Der Begriff ״kadosch“ und seine Gegensätze. Vou J. Herzberg-Bromberg. (Schluss.! Zwei mit dem Urbegriff eng zusammenhängende Bezeichnungen sind: kadesch und k’deschah. Mit diesen Ausdrücken bezeichnete man ursprünglich die der unzüchtigen Dienste der Astarte ״Geweihten“, den Jünglinge und Jungfrauen ihre Unschuld opferten. Diese Bezeichnung ״k’deschah" ward jedoch nicht für eine Pros• tituierte typisch. Eine solche nannte man ״sonah“, eine Bezeichnung, die wir nur in der weiblichen Form antreffen. Die Sonah fröhnte der Unsittlichkeit weniger behufs Befriedigung der Wollust, als zur Erzielung eines Gewinnes; sie trieb ihr unsauberes Handwerk öffentlich und suchte die Vorübergehenden zu verleiten, sie auf Abwege zu führen, weshalb Onkelos sie auch mit מטעי, d. i. die ״Irrführende“ bezeichnet und I. B. M. 38. 16, sowie ibid 34. 31, das Wort זונה*) mit גפקת ברא, d. h. ״die sich auf der Strasse Umhertreibende“ überträgt. Aus dem Grunde findet das Wort in der männlichen Form keine Anwendung. Auf einer nicht so hohen Stufe der Un- Sittlichkeit standen der kadesch und die k’descha, die, einmal auf Abwege gelaugt, auf diesen verharrten, die jedoch nicht öffentlich und geschftftsmässig ihr verwarfliebes Thun zur Schau trugen, sondern lediglich zur Befriedigung ihrer rohen Sinnenlust mit Heiden im Coucubinate lebten, das weder gesetzlich noch moralisch sanktioniert war**) Es wird dies übrigens so recht illustriert durch die Erzählung im zweiten Buche Moses, Kap. 38, in welcher Juda die vermeintlich Prostituierte bei seiner späteren Nachfrage aus einer gewissen Rücksicht mit *) Es ist auffallend, dass dagegen Onkelos dieses Wort V. B. M. 23. 19 mit וניחא überträgt. **) Dieseu Sinn legt auch der Targum Onkelos diesen beiden Ausdrücken bei, indem dasselbe den Vers (5. B. M., Kap. 23, V. 18.) folgendermassen überträgt: לא חחי אתתא מבנח ישראל לגבר עבד ולא יסב גברא מבני ישראל אחחא אסא. ״k’deschah“ bezeichnet, während es doch im Texte vorher ansdrüchlich heist: er hielt sie für eine ״sonah.“*) Hat man die eigentliche Bedeutung des Begriffs ״kadosch“ in seinen verschiedenen Anwendungen richtig erkannt, so ist der jeweilige gegensätzliche Begriff leicht festzustellen. Der Begriff ״kadosch“ in seiner hohen Bedeutung bezüglich Gottes hat keinen eigentlichen Gegensatz, wie schon begründend dargelegt worden ist. Weder entäussert sich der Herr selbst jemals der seinem Wesen zukommenden Eigenschaft, die wir mit ״kadosch“ bezeichnen, noch vermag eines seiner Geschöpfe ihn dieser Eigenschaft zu berauben, noch endlich können irgend welche Umstände jemals eintreten, welche ihn, den ewig heiligen Gott, dem Zustande der Heiligkeit entrücken könnten. Wenn die Schrift eine durch einen Ruchlosen verübte Gotteslästerung bezeichnet, so drückt sie es umschreibend mit חילול השם oder ניקוב השם, d. h. ״Entweihung oder Lästerung des göttlichen Namens“ aus. Schon der Name des Herrn soll uns kadosch sein, er darf nur in Scheu und Ehr furcht über die Lippen kommen. Ertönte doch der erhabene Gottesname nur ein einziges Mal im Jahre, am höchsten Festage, im Allerheiligsteu aus des Holte- Priesters Munde in seinem wahren Wortlaute, und sanken doch sofort alle ängstlich Lauschenden beim Vernehmen jener erhabenen Laute in Ehrfurcht in die Knie, die Majestät des Allmächtigen anbetend zu verehren. Dass selbst der Gottesname in Weihe gehüllt, ist, darauf sollen auch jene Bezeichnungen nilcuw uud chiliul haschem hindeuten. Diese Hülle der Weihe durfte nimmer verletzt, zerrissen werden. Der Urbegriff נקב ist auch nichts Anderes, als ein ״Durclilöchem, ״Zerreissen,“ wodurch eine bestehende Scheidewand, eine trennende Hülle durchlöchert und das Verhüllte blosgelegt, preisgegeben wird. Ebenso hängt der Begriff chillul mit ״ חולchol“ zusammen, dessen Urbegriff ״ חללfrei, fessellos, enthüllt preisgegeben, in seiner Anwendung unbeschränkt“ bedeutet Wenn wir in unserem Morgengebete den Herrn angehen, ״er möge seinen Namen in seiner Welt lieiligen“, so heisst dies nichts Anderes, als dass Gott die Zeit herbeiführen möge, in welcher auch denjenigen, welchen heute sein Name noch nicht ״heilig־‘, das heisst: in Weihe gehüllt ist, sodass sie ihm ohne jegliehe Scheu und Ehrfrucht im Munde führen, dieser *) Es tritt uns liier dieselbe Erscheinung: entgegen, wie bei dem dem hebräischen Begriffe ״souah“ entsprechenden dentscheu Begriffe. Während das betreffende Wort selbst in der Lutherischen Bibelübersetzung noch Bürgerrecht besass, ist es heute fast ganz aus der Schrift-uud Umgangssprache ausgemerzt worden, weil es nach unserer heutigen Auffassung nicht mehr ״parlamentarich“ ist.