Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 37. (8.9.1893)
- Date
- 1893-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 37. Das XXII. Jahrg. JiidischeLiteraturblatt Zur Beleuchtung aller Judenthum und Juden betreffenden litterarischen Erschei• nungen auf dem Gebiete der Philosophie, 6eschichte, Ethnographie, Theologie, Ortentalia, Exegesse, Homiletik, Liturgik, und Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmcr. Magdeburg, den 8. September 1893. BQcher der einschllgigen Litteratur, welche der Redaktion zugeaandt werden, finden in diesem Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von zwei Recensions- Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratis-Insertion. Das ״Jüdische Literatnr-Blatt“ erscheint wöchentlieh in einem halben Bogen. Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Priese) pio Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift‘-, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt“ gratis. Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler und Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 ״/״ Rabatt. XrLt1a.lt: Wissenschaftliche Aufsätze: Rosch-haschana-Studie. Von Rabbiner Dr. L n d w i g Pick. — Das Urteil einer Christin über das jüdische Gebet. Von B. R. — Eine alte Synagogenordnung. Von Rabbiner Dr. Goldfahu. Literarische Notizen. Jüdische Kalender. Unbef1|flter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Rosch-Haschanah-Studie Von Rabbiner l)r. Ludwig Pick. In der Feier des jüdischen Neujahrsfestes spiegelt sich das rein Menschliche in deutlichen Zügen ab. Es ist nicht, wie die Wallfahrtsfeste, auf dem Grunde jüdisch-geschichtlicher Erinnerung emporgewachsen. Sein geschichtlicher Grund ist der der allgemein menschlichen Erfahrungen, die sielt in der Zeit und in den Begebenheiten des menschlichen Lebens abwickeln. Zeit und Begebenheiten üben aber auf den Menschen den grössten Einfluss aus; sie prägen sich seinem Wesen am tiefsten ein. Und weil Zeit und Begebenheiten miteinander verknüpft im Kreislauf sich bewegen, hebt die Religion den Menschen als bewusstes, sittliches Wesen über dieses mechanische Sich-um-sich-selbst-bewegen hinaus, um seiner selbst als eines freien, sittlichen Wesens inne zu werden. Die Talmud-Weisen lassen daher den Adam als den Vater des Menschengeschlechts in dem ideellen Schöpfungsplane Gottes am Rosch - Haschanah als erstes und vornehmlichstes Geschöpf der Idee und der Zeit nach entstanden sein. Es ist dies ein klassisches Zeugnis für das Fest selbst, wie für die Auffassung, die im Judenthum von demselben vorherrscht. Es ist nicht das spezifisch jüdisch nationale Wesen, das hier zur Geltung kommt, sodern das allgemein Menschliche, als Gattungsbegriff und im ethischen Sinne in deu Eigenschäften des Menschen als ״Krone der Schöpfung“ in seinem Verhältnis zu Gott, zu der Schöpfung und seiner eigenen sittlichen Entfaltung. Dieses Fest nimmt daher auch nicht auf den Auszug von Aegypten Bezug wie die nationalen Feste und es erfordert daher auch keine Wallfahrt nach Jerusalem wie diese. E3 ist auch keine besondere Ceremonie vorgeschrieben, die das Jüdisch-Volksthümlicbe zum Ausdruck bringt, Die einzige Ceremonie, die es fordert, der Posaunenschall, ist ein in alter wie in neuer Zeit bei allen Völkern allgemein üblicher Brauch im Kriege wie im Frieden, ein Signal zum Versammeln und zum Auseinandergehen, wie das auch für solche Anlässe in der heiligen Schrift angeordnet ist: ״Mache Dir zwei Trompeten von Silber und sie sollen Dir zur Zusammenberufung der Gemeinde dienen und zum Aufbrach mit den Lagern.“ (4. B. M. 10• 1. ff.) Es hat zwar auch an allen Festen ein Blasen stattgefunden, aber dieses war durch die besonder!! Festopfer bedingt. Das Blasen am Neujahrsfeste war nicht an die Festopfer geknüpft. Vom Neujahrsfeste heisst es bloss: ״Ein Tag des Blasens soll es Euch sein — ein Gedächtnisblasen“, unabhängig von einem besondern Opferdienste. So frei und losgelöst von jeglicher Materialität mit dem charakteristischen ״Lärmblasen“ (תרועה), während bei den andern Festen nur ein einfaches Blasen (תקיעה) stattgefundeii, kann das Neujahrsfest bei seiner scheinbar geflissentlichen Vermeidung alles Besondern und Eigentümlichen nur das grosse Allgemeine und Umfassende im Auge haben, das dem ganzen Menscliengeschlechte Gemeinsame, die reine allgemeine Menschlichkeit sich zuin Ziele setzen. Die Tradition, gemäss welcher der Tema des Neujahrs eine Tekia vorangehen und eine nachfolgen soll, bestätigt diese Aufassung, wenn man nur aus den Klangen den Geist heraushört, der aus ihnen spricht. Zum blossen Versammeln der Gemeinde, um zu derselben zu sprechen, war nach der oben angeführten Stelle im 4. B. M. nur ein einfaches Stossen oder Blasen (Tekia) nie 11t aber Lärmblas en (Terua), dagegen für den Aufbruch der Lager das Lärmblasen angeordnet. Das einheitliehe Wesen und Leben, welches in der durch gleiche Abstammung und politische Gemeinsamkeit bedingten nationalen Zusammengehörigkeit begründet ist und seinen entsprechenden Ausdruck in dem einheitlichen, einfachen, glatten Ton der Tekia findet, tritt am Neujahrsfeste in das Verhältnis der mannifaltigen Beziehungen zu den vielgegliederten Völkergruppen, zur mannigfach gearteten Menschenwelt — ein Verhältnis, weiches in den scharf eindringlichen Tönen der Terua zum Aufbruch zu eben dieser mannigfach gearteten Menschenwelt sich ausprägt, um endlich mit dieser zu einer höheren, grossen, ungeteilten Einheit zusammenzuschliessen, angedeutet durch den der Terua folgenden, einfachen, langezogenen Posaunenschall der תקיעה גדולה. Auf diesen bedeutsamen Geist des Posaunenschalls vom ersten des siebenten Monats spielt der Psalmist an, indem er ausruft: ״Heil dem Volke, das des Posaunenschall versteht, im Lichte deines Antlitzes, 0 Ewiger, wird es wandeln.“ Dem heiligen Nimbus des Rosch-Haschanah liegt eine erweiterte Sabbatidee zur (}runde. Wie der siebente Tag in der Woche ein Sabbattag, das siebente Jahr ein Sabbathjahr, so ist der siebeute Monat ein Sabbathmonat. Der Sabbathtag wird in der Bibel mehrfach als ein von Gott