Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 34. (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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134 — dieser Besprechung schon vorfindet. Dieses Ausharren ist um so unbegreiflicher, als das Aufgeben ihn von der lästigen Gemeinschaft mit den ״russischen Glaubensbriidern“ befreien würde, deren grenzenlosem Elend er eine, wie ich hoffe, aufrichtige Thräne widmet. Unfass״ bar ist auch sein Hass gegen das Judenthum, da er dessen Vaterschaft für sein Stück Idealismus mit dem besten Willen nicht verleugnen kann. Dankbar bin ich ihm für seine Belehrung auf S. 28, dass die Begriffe ״Einiges Christenthum״ und ״Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur״ sich decken. Sollten Egidy’s Strenggläubigkeit und Bibelgläubigkeit und die alles Biblische verwerfende ״ethische Kulturgesellschaft״ Scylla und Charybdis sein? Das glaube ich nicht, bis Egidy es selbst bestätigt — so wenig Ursache ich auch habe, Herrn L.’s Glaubenswürdigkeit in Zweifel zu ziehen, aber er mag in seiner Schwärmerei zu viel behauptet haben, ohne dass er es wollte, denn ״anders wie in anderen Köpfen malt in diesem Kopfe sich die Welt.“ Dass L. seine Worte nicht immer genau abwägt, zeigt sein Behauptung, dass die Erfahrung lehrt, dass die Nachkommen der ״rechtgläubigsten״ Eltern zu der geistig freien Richtung sich hinneigen — ohne dieses harte Urteil auch nur durch das Wörtchen ״häufig״ zu zu mildern. Ein Gleiches gilt von dem Satze, dass die modernen Juden unter dem religiösen Fanatismus Christlicher wie jüdischer Zeloten nicht mehr leben und leiden. Diese Ehrenrettung Stöckers, Hapke’s u. a. m. glossiren wir mit der verwunderten Frage: Wirklich nicht? Und der Schöpfer dieser unpatentirten Erfindungen giebt ohne mit der Wimper zu zucken, die nach «einer Auffassung unnötige Versicherung ab, dass ״wir modern gebildeten Jsraeliten dieRevision der jüdischen Religion vornehmen wollen. Für wen denn eigentlich? Die Getreuen werden für sich sorgen, und die Abtrünnigen haben doch am allerwenigsten Ursache sich um die verlassene Religion allzüsehr zu bekümmern. Diese sollen sie nicht mästen, um sie dann mit grösstem Appetit zu verspeisen. _ (Schluss folgt.) Kristofor Janson. Von der Drtieinigkeitslehre und der Gottheit Jesu. Einzig autorisierte Übersetzung aus dem Norwegischen von Emst Brausewetter. Wiesbaden 1893. G. Sadowsky. Dem Antisemitismus gegenüber giebt es ein geistiges Gegengewicht: die Gemeinschaft im Glauben an Gott und die Sittenwahrlieiten der Menschheit. Ist die innerliehe Kluft zwischen Christen und Juden überbrückt, die äusserliche, mit zum grössten Teil materiellen Gründen motivirte, ist leicht dann auszufüllen. Von diesen Gesichtspunkte sowie vom Standpunkte religiöser Aufklärung aus begrüsse ich vorliegende Schrift mit aufrichtiger Freude. Die. Schrift ist, um mit Hermann Kletke zu reden, nicht frei von der Religion, sondern frei i n der Religion. Durch Anführung und Auslegung von Stellen aus der Bibel und den Kirchenvätern zu Nicäa (S. 187 u. f) wird klar und deutlich nachgewiesen, dass das christliche Dogmi der Dreieinigkeit in vernünftiger Gläubigkeit keinen Boden habe. Möchte Christus von christlichem Standpunkte aus, Gottes Sohn als Ideal-Mensch, oder Sohn Josefs und der Maria mit göttlicher Kraft ausgestattet, ein Messias (Gottgesalbter), oder das zu Fleisch und Blut gewordene vorherbestimmte Gotteswort gewesen sein: in jeglichem Falle muss das Attribut der Gottheit dem Stifter der christlichen Kirche abgesprochen werden, zu welchem ihn nur die von Heidenthnm erlöste christliche Welt aus Liebe und Dankbarkeit und aus dem Hang zum Wunderbaren erhoben hatte — das ist der Grundgedanke des Verf.’s. Die Prädikate des Göttlichen aber, mit denen Christus in der Schrift ausgestattet erscheint, sind alttestamentarischen Ursprungs. Denn in den Büchern des alten Testaments wird mutigen Menschen das Prädikat אלהים (der Göttliche) beigelegt. Gott aber ist der Herr allein, der Himmel und Erde und alle Menschen, auch die begabtesten, geschaffen hat Diese Ansicht des Herrn Verfassers hat in Spinoza einen willkommnen Stützpunkt, welcher in Bezug auf Moses (Exod. 7, I), der vor Pharao mit göttlicher Vollmacht erschien, bemerkt: Homo himini Deus est. Wenn erst der Gottesglaube ein von allen sittlichen Schranken befreiter, im Herzen der Menschheit reine Sittenthaten zündender und weckender sein wird: wird die Menschheit’ erlässt sein zur wahren Religion der Liebe und zum ewigen Frieden nach Innen und Ausen, und es wird das Wort des schwungreichen Sehers sich verwirklichen, welches auf den Trümmern Zion's geredet ward, um einen die ganze Menschheit umfassenden Gottestempel zu begründen, in welchem gepredigt wird die Sprache der Versöhnung, des Rechts und der Wahrheit: ״Gottes Herrlichkeit wird offenbar, wenn die ganze Menschheit erkennt, dass der Mund des Herrn geredet hat.״ (Jesaj. II, 40, 5). In diesen Sinn sei die Schrift allen Freunden religiöser Cultur und Freiheit bestens empfohlen. Denn was das Christenthum zur Religion macht lehrt uns das Judenthum als Inbegriff des Göttlichenim Menschenthume. — _ Dr. N. Literarische Notiz. Das Lecho-Dodi-Lied!)«treffend habe ich dem Herrn Dr. Goldfahn gegenüber zu bemerken, dass ich deshalb meine von demselben gebilligte Antwort nur im flüchtigen Umriss (Nr. 26) erteilt hatte, weil einerseits die Fragestellung der Redaktion schon den Gedanken des symbolischen Empfanges des Sabbatli-Braut gestreift, und Fachkundigen gegenüber ja doch der Hinweis auf die Quellen genügt hatte. Ich sagte aber ausdrücklich, dass die in Namen des sei. Oberrabbiners Leopold Löw erteilte Antwort ״so humoristisch sie auch erscheinen mag, mir dennoch erwähnenswert scheine.“ Und ich vermag auch jetzt von dieser Ueinung mich nicht abbringen zu lassen. Denn im Anfänge des 17. Jahrhunderts, in welchem die Sabbath-Hymne eingeführt ward, deren Motiv allerdings talmudischrabbiniachen Ursprungs ist, waren bereits die Synagogen im Mittelpunkte der Stadt gebaut und die Erinnerungen der Andachtsräume aus talmudischer Zeit vollständig verschwunden. Stammt auch die BegrüssungsfoTmel au die Sabbath-Braut. wie die Idee selbst aus dem Talmud (Sabbath 119a und Orach Chaim 262, 3) der Vers בואי בשלום ist, da er doch nicht der das Akrostichon des Verfassers Salomo ha Levi enthaltenden Hymne einzuverleiben ist, jedenfalls, nach meinem Dafürhalten, späteren Ursprungs. Dass der sei. Landshut dies nicht bemerkt hat, spricht noch nicht gegen mich. Man brauchte nur auf den alten Gottesäcker iu der Schönhauser Allee zu Berlin sich zu begeben, und man fand dort eine Einrichtung eingebürgert, die sonst nicht zu finden ist. Dort war es nämlich Sitte, dass die Trauerversammlung der Leichenhalle anstatt der Friedbof-Seite (im Osten) sich der Eingangsthttre zuwandte, um das Trauer-Gebet המיה תקום zu sprechen. Offenbar hatte diese Stellung der Gemeinde darin ihre Begründung, dass an der Thüre eine grosse Tafel angebracht war, von der die Trauer-Gemeinde das ergreifende Gebet abgelesen hatte. Trotzdem, in Folge lithurgischer Veränderungen, die Tafel schon seit langeu Jshren nicht benutzt ward, nahm die Gemeinde dennoch der Thüre gegenüber regelmässig Aufstellung, so oft ein Leichenbegängnis in der genannten Begräbnisstätte stattgefunden hatte. — Der Empfang der Trauernden am Sabbath aber erklärt noch, nicht, dass die Ge: meinde sich zur Thüre beim Schlussrerse der Lecho-Dodi-Hymue auch dann wendet, wenn es der Trauernden mangelt, oder vor dem Maariw-Gebete, also nach Absingung des Sabbath-Psalms, allgemeiner Sitte gemäss, die Tröstung der Trauernden stattfindet. Auch würde die Antwort des Herrn Dr. Goldfahn in dem Falle nicht ausreichen, wenn in der Synagoge parallel mit dem Allerheiligsten Thören angebracht sind, nnd dennoch die Gemeinde der Eingangsthüre sich zuweudet. Wohl aber ist die Antwort Löw’s für alle Fälle anwendbar; da an der Eingangsthür stets Inschriften nnd Gebettafeln angebracht waren. Dt*• N. Verantwortl. Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg, Druck FriedrichjJRasche & Co., Magdeburg. Verlag Rob. Friese, Leipzig.